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Italien schlägt England Sieg der Effizienz

Italien entscheidet die Hitzeschlacht von Manaus 2:1 für sich. Die Engländer sind frustriert, weil sie das Spiel kreativ gestalteten - aber gegen den italienischen Pragmatismus nicht ankamen.

Cesare Prandelli ist bekannt für sein gepflegtes Auftreten. Die Maßanzüge des italienischen Nationaltrainers sitzen stets perfekt, die Schuhe darunter glänzen, als habe er sie noch auf dem Fußballplatz frisch poliert. Sogar in der schwülen Hitze der Amazonas-Stadt Manaus schaffte es der 56-Jährige, diesen makellosen Eindruck zu wahren. Während die Journalisten auf der Pressekonferenz im Anschluss an das WM-Gruppenspiel Italien gegen England (2:1) noch nachschwitzten, sah Prandelli auf dem Podium schon wieder frisch und erholt aus.

Davon waren seine Spieler so kurz nach dem Abpfiff zwar noch weit entfernt, trotzdem passte das Bild Prandellis zu ihrem Auftritt an diesem Abend: Italien hatte das Spiel auch deshalb gewonnen, weil es unter den schwierigen klimatischen Bedingungen - 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von knapp 90 Prozent - besser mit seinen Energiereserven hatte haushalten können. Es war ein Sieg der Effizienz und der klugen Kraftdosierung.

Dabei schien England vor allem zu Beginn gut mit Wetter und Gegner zurechtzukommen. Das Angriffstrio aus Danny Welbeck, Daniel Sturridge und dem erst 19 Jahre alten Raheem Sterling wirbelte die italienische Abwehr ordentlich durcheinander. Die ersten guten Chancen des Abends gehörten der Elf von Trainer Roy Hodgson, Italien beschränkte sich dagegen auf Fernschüsse - und schaffte es dank einer clever gespielten Eckballvariation plötzlich zum 1:0 durch Claudio Marchisio (35. Minute). Sturridge glich zwar zwei Minuten später aus, doch der entscheidende Treffer gelang Mario Balotelli (50.).

Prandelli schwärmt von Englands Offensive

"Es ist ein enttäuschendes Resultat, wir brauchen Zeit, um das zu verdauen", sagte Hodgson, der deutlich mitgenommener aussah als sein Kollege Prandelli. "Unser Plan war es gewesen, dass jeder sein Möglichstes gibt, und wir haben einige gute Sachen gezeigt. Am Ende haben die Tore gefehlt." Er könne seinem Team keine Vorwürfe machen, keiner seiner Spieler habe ihn hängen lassen. Im Gegenteil: "Wenn wir in den kommenden zwei Spielen so eine Vorstellung abgeben, haben wir die Möglichkeit weiterzukommen", sagte er.

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England gegen Italien: Mann im Tor, Balotelli im Arm

Foto: Warren Little/ Getty Images

Tatsächlich hatte sich England zu keinem Zeitpunkt verstecken müssen, sondern mehrfach erahnen lassen, dass es vor allem mit seiner Offensive bei diesem Turnier noch eine Rolle spielen kann. "England hat mit den stärksten Sturm aller WM-Teams", lobte Prandelli, "und das ist keine Übertreibung." Woran lag es dann, dass seine Elf trotzdem gewonnen hat? An der stabilen Abwehrkette mit Neuling Matteo Darmian, an Erfahrung - und an Andrea Pirlo.

Der Kapitän spielt mittlerweile seine dritte Weltmeisterschaft, er gab gegen England nicht nur die Spielideen, sondern auch das Tempo vor. Man kann sich fragen, wie Pirlo bis zum Spielende über zehn Kilometer laufen konnte - hatte man doch das Gefühl, dass der 35-Jährige seine Füße nur zum Allernötigsten gebrauchte. Häufig bewegte er sich in seinem Mittelfeld als sei es ein exakt abgezirkelter Kreis. Von dort aus verteilte er die Bälle ruhig und abgeklärt nach rechts und links.

"Wir haben diese Schlacht im Mittelfeld gewonnen"

Zu selten hätten er und sein Nebenmann Marco Verratti in die Vertikale gepasst, kritisierte Prandelli, das Spiel in die Spitze habe darunter gelitten. Doch das machte an diesem Abend nichts. Denn Pirlo schien ziemlich schnell durchschaut zu haben, dass es das Wichtigste sein würde, die hoch motivierten Engländer einfach laufen zu lassen und im richtigen Moment abzufangen. So konnten nach dem Führungstreffer die eigenen Kräfte geschont werden, während dem Gegner mit zunehmender Schwüle die Puste ausging. Der Plan funktionierte, Hodgsons Spieler schwächelten etwas eher, viele von ihnen kämpften wegen des Flüssigkeitsmangels mit Wadenkrämpfen. "Wir haben etwas Tempo herausgenommen, weil alles andere bei diesen Verhältnissen absurd gewesen wäre", sagte Prandelli: "Wir haben diese Schlacht im Mittelfeld gewonnen."

Für England war genau das das Frustrierende: Das stark verjüngte Team hatte versucht, Impulse zu setzen und das Spiel mit kreativen Momenten zu gestalten. Doch gegen den italienischen Pragmatismus hatte es damit keine Chance. "So etwas ist grausam auf diesem Niveau. Wir haben versucht, zu gestalten, haben gepusht und gepusht und alles gegeben. Und nichts dafür bekommen", klagte Englands Kapitän Steven Gerrard, der überdies auch noch angeschlagen aus der Partie kam.

Vor dem kommenden Spiel am Donnerstag in São Paulo gegen Uruguay steht sein Team unter erheblichem Druck. "Wir hätten Uruguay sowieso schlagen müssen, aber jetzt wird es noch schwieriger", sagte Gerrard. Hodgson weiß, dass er seine Elf nun vor allem davon überzeugen muss, in den verbleibenden Gruppenspielen an die eigene Leistung zu glauben. Er bemühte sich deshalb, trotz aller Enttäuschung auch seine positiven Erkenntnisse des Abends zu hervorzuheben. So habe etwa Sterling "so hell gestrahlt, wie wir es uns von ihm gewünscht hatten", und auch mit Sturridge und Welbeck sei er sehr zufrieden gewesen, sagte Hodgson.

Irgendwie passte es zu diesem englischen Abend, dass einer das Team schon wieder verlassen muss: Physiotherapeut Gary Lewin war nach einem Freudensprung über das 1:1 auf einer Trinkflasche gelandet und verrenkte sich das Sprunggelenk. "Das ist sehr traurig, für ihn ist die WM vorbei", sagte Hodgson. Er und seine Mannschaft haben dagegen noch eine Chance.

England - Italien 1:2 (1:1)
0:1 Marchisio (35.)
1:1 Sturridge (37.)
1:2 Balotelli (50.)
England: Hart - Johnson, Cahill, Jagielka, Baines - Gerrard, Henderson (73. Wilshere) - Sterling, Rooney, Welbeck (61. Barkley) - Sturridge (80. Lallana)
Italien: Sirigu - Darmian, Barzagli, Paletta, Chiellini - De Rossi - Marchisio, Verratti (57. Thiago Motta), Pirlo, Candreva (79. Parolo) - Balotelli (73. Immobile)
Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 42.500
Ballbesitz in Prozent: 45 / 55
Schüsse: 18 / 13
Torschüsse: 5 / 4
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 56 / 44

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