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14. Juni 2012, 15:43 Uhr

Turiner Profis im Nationalteam

Juventus Italien

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Italiens Nationalelf setzt auch im Spiel gegen Kroatien auf die Stars von Meister Juventus Turin. Der von Krisen geschüttelte Club hatte sich mit einer stabilen Defensive und dem genialen Andrea Pirlo zurück an die Spitze der Serie A gespielt - und ist damit ein Vorbild für die "Squadra Azzurra".

Italiens größte Sportzeitung war begeistert: "Bella Italia" titelte die "Gazzetta dello Sport" nach dem 1:1 der "Squadra Azzurra" gegen Spanien. Die hochklassige Auftaktpartie am Sonntag, bei der sich die Italiener mit dem Welt- und Europameister ein Duell auf Augenhöhe lieferten, lässt die Tifosi vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) von einer Wiederholung des italienischen Sommermärchens 2006 träumen. Damals holte die Nationalelf bei der WM in Deutschland unbeeindruckt vom Manipulationsskandal in der Serie A den Titel.

Die Ausgangslage erscheint günstig: In der EM-Qualifikation hatte sich die Mannschaft ohne Niederlage und mit nur zwei Gegentoren durchgesetzt. Eine stolze Bilanz, auch wenn die Gruppengegner Serbien, Estland oder Färöer hießen.

Der Aufschwung der Italiener ist eng verbunden mit der sportlichen Wiederauferstehung von Juventus Turin. In der abgelaufenen Saison gewann der Traditionsverein zum ersten Mal seit seinem Zwangsabstieg 2006 die italienische Meisterschaft. Damals wurde der Club in die zweite Liga verbannt, weil sich Juve-Manager Luciano Moggi den Titel in der Saison 2004/05 erkauft hatte. Nun ist der Rekordmeister zurück an der Spitze. Der Schlüssel für den aktuellen Erfolg von Juve liegt in der Defensive: Das Team blieb in allen 38 Ligaspielen unbesiegt und kassierte nur 20 Gegentore.

Deshalb setzt auch Nationalcoach Cesare Prandelli besonders im Abwehrbereich auf einen starken Juve-Block. Sieben Spieler des Meisters hat er insgesamt nominiert. Das erinnert an die Weltmeisterschaft in Deutschland. Schon damals war eine starke Juve-Achse der Schlüssel zum Erfolg. Vor Juve-Keeper Gianluigi Buffon sorgten die Turiner Verteidiger Gianluca Zambrotta und Fabio Cannavaro sowie der Mittelfeldspieler Mauro Camoranesi dafür, dass die Mannschaft im gesamten Turnier nur zwei Gegentore kassierte.

Die Dreierkette lähmte Spaniens Offensive

Keeper Buffon ist jetzt wieder dabei. Vor ihm verteidigte gegen Spanien eine Dreierkette mit den beiden Abwehrexperten Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini aus Turin. Zwischen ihnen spielte der gelernte Mittelfeldspieler Daniele de Rossi vom AS Rom. Bonucci und Chiellini kannten diese taktische Variante bestens, denn auch Juve-Trainer Antonio Conte ließ sein Team in der Saison oft mit einer Dreierkette auflaufen.

Gegen Spanien griff die Taktik nahezu perfekt. Die Mittelfeldstrategen Xavi, Andrés Iniesta und David Silva versuchten immer wieder durch die Mitte zum Erfolg zu kommen, liefen sich dabei aber in der italienischen Defensive fest. Prandellis Team spielte die Aufstellung der Spanier in die Hände, die bis zur Einwechslung von Fernando Torres ohne gelernten Stürmer spielten, und dabei das Flügelspiel fast komplett vernachlässigten.

Kroatien, der nächste Gegner der Italiener, hat mit dem Wolfsburger Mario Mandzukic einen Stürmer in seinen Reihen, der seine Klasse im ersten Spiel gegen die Iren aufgezeigt hat. Gut möglich, dass Prandelli deshalb taktisch umstellen und mit einer Viererkette spielen lassen wird.

Egal wie sich der Trainer entscheidet: Vor der Abwehr wird ein weiterer Juve-Profi das italienische Spiel lenken: Andrea Pirlo, den viele schon abgeschrieben hatten. Der AC Mailand, für den er zehn Jahre lang aktiv war, gab ihm 2011 keinen neuen Vertrag mehr. Zu alt, zu langsam, zu unmodern sei Pirlos Spiel. Bei seinem neuen Verein Juventus bewies der 33-Jährige das Gegenteil: Er avancierte mit 13 Vorlagen zum besten Vorbereiter der Serie A und führte sein Team zur Meisterschaft.

Im ersten EM-Spiel knüpfte Pirlo an die starken Liga-Leistungen an: In der Defensive gewann er viele wichtige Zweikämpfe, offensiv bereitete er mit einem Traumpass auf Torschütze Antonio di Natale die 1:0-Führung der Italiener vor.

Juve holte den Titel ohne Torjäger

Die Defensive ist allerdings noch immer das Prunkstück der Azzurri, die Offensive bereitet Trainer Prandelli dagegen Sorgen. Das größte Problem der Mannschaft: Ihr fehlt ein Weltklassestürmer. Antonio Cassano und Mario Balotelli harmonierten im ersten Spiel kaum und sorgten mit verbalen Ausfällen außerhalb des Platzes für mehr Aufsehen als auf dem Rasen.

Auch Juventus hatte in der Saison ein Stürmerproblem. Dem Team gelang das Kunststück, die Meisterschaft ohne einen echten Goalgetter zu gewinnen. Der beste Torschütze, Alessandro Matri, erzielte gerade einmal zehn Saisontreffer. Nationalcoach Prandelli ließ ihn zu Hause und nominierte stattdessen seinen Vereinskameraden Emanuele Giacherrini für den Sturm. Seine magere Saisonbilanz: Ein Tor in 23 Spielen für Juve.

Italien - Kroatien 18 Uhr (in Posen)
(vorraussichtliche Aufstellungen)
Italien: Buffon - Bonucci, de Rossi, Chiellini - Maggio, T. Motta, Pirlo, Marchisio, Giaccherini - Balotelli, Cassano
Kroatien: Pletikosa - Srna, Corluka, Schildenfeld, Strinic - Vukojevic - Rakitic, Modric, Perisic - Mandzukic, Jelavic
Schiedsrichter: Webb (England)

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