EM-Halbfinalist Italien "Jetzt ist alles möglich"

Italiens Helden heißen Gianluigi Buffon und Andrea Pirlo. Nach dem Elfmeter-Krimi gegen England steht die Squadra Azzura im EM-Halbfinale. Die Mannschaft strahlt enormes Selbstvertrauen aus - für das DFB-Team wird es hart.

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Aus Kiew berichtet


Als das Drama beendet war, demonstrierten die beiden Torhüter sehr gut, wie es um die Stimmungslage ihres jeweiligen Teams bestellt ist. Da kam zunächst Joe Hart aus der Kabine, Keeper der englischen Nationalmannschaft. Er ging durch die Mixed Zone des Olympiastadions in Kiew, immer wieder schüttelte er dabei den Kopf, wollte nichts sagen. Zuvor war er mit seinem Team im EM-Viertelfinale an Italien gescheitert, 2:4 hieß es nach Elfmeterschießen, und Hart konnte seine Trauer und Enttäuschung nicht verbergen.

Als Hart dann im Mannschaftsbus saß, ließ sich auch Italiens Torwart Gianluigi Buffon blicken. Das Haar sorgsam nach hinten gekämmt, die Laune bestens. "Es war ein gerechtes Ergebnis", sagte der 34-Jährige, der den letzten englischen Elfmeter von Ashley Cole festgehalten hatte, nachdem zuvor bereits Ashley Young den Ball an die Latte gejagt hatte. "Jetzt ist alles möglich", sagte Buffon. Was er damit meinte, ist klar: Im EM-Halbfinale trifft die Squadra Azzura nun auf Deutschland - und die Italiener glauben fest an ihren Sieg. "Mich erinnert vieles an 2006, auch wenn Deutschland eine außergewöhnliche Mannschaft besitzt."

Vor sechs Jahren hatte Italien im WM-Halbfinale gegen die DFB-Elf gewonnen und wurde anschließend Weltmeister. Nun treffen beide Teams bei dieser EM wieder in einem Halbfinale aufeinander: Am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es in Warschau um den Einzug ins Endspiel.

Um diese Möglichkeit hätte auch England gern gespielt. Doch in der ukrainischen Hauptstadt setzte sich das Penalty-Drama der "Three Lions" bei großen Turnieren fort. In den vergangenen 22 Jahren haben die Briten nunmehr sechsmal bei einer Welt- oder Europameisterschaft im Elfmeterschießen versagt. Nur im Viertelfinale der EM 1996 setzten sie sich im Anschluss an eine Verlängerung durch, gewannen gegen Spanien 4:2.

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Grafische Analyse: So besiegte Italien die Engländer
"Wir haben es geübt, wir haben die Spieler im Training dabei beobachtet", sagte Englands Trainer Roy Hodgson nach der Pleite gegen Italien: "Doch du kannst nicht die Atmosphäre, die Anspannung und die Nervosität simulieren", musste der 64-Jährige erkennen. Sein Kapitän Steven Gerrard stammelte: "Es hilft nichts, Italien hat das Glück auf seiner Seite gehabt." Abwehrchef John Terry war gar nicht erst zu einer Stellungnahme fähig.

So mies wie die Stimmung auf der englischen Seite war, so prächtig war sie bei den Italienern. Und das lag neben Buffon vor allem an Andrea Pirlo, neben dem Torwart und Daniele de Rossi der einzige aktuelle Nationalspieler, der schon 2006 dem siegreichen WM-Team angehörte. Der mittlerweile 33 Jahre alte Pirlo lieferte als Lenker und Denker eine Weltklasseleistung ab. Dass die Italiener den Einzug ins Halbfinale schafften, hatten sie insbesondere ihrem stillen Mittelfeld-Strategen zu verdanken.

Pirlos Elfmeter-Lupfer wie einst Panenka gegen Deutschland

Pirlo organisierte das italienische Spiel, er bestimmte den Rhythmus. In den 120 Minuten schlug der Spieler von Juventus Turin unglaubliche 146 Pässe. Von seinen 32 langen Zuspielen fanden 25 den Mitspieler. Und am Ende hatte Pirlo noch die Kraft und die Kaltschnäuzigkeit, seinen Elfmeter auf die dreisteste Art überhaupt zu verwandeln. Per Lupfer, wie einst Antonin Panenka für die Tschechoslowakei im EM-Finale 1976 gegen Deutschlands Torwart Sepp Maier, beförderte Pirlo den Ball ins Tor. "Ich habe gesehen, dass der Torwart sich früh bewegt. Dann habe ich mich so entschieden." Als wäre es so einfach.

"Gratulation an Pirlo. Eine Mannschaft braucht coole, abgeklärte Typen, die Elfmeter verwandeln, wie man sie nicht trainieren kann", sagte Hodgson beeindruckt. Die Auszeichnung zum "Man of the Match" nahm Italiens Genius mit einem generösen Kopfnicken entgegen und sagte anschließend: "Das Wichtigste für unsere Mannschaft ist das Semifinale gegen Deutschland."

Während die italienischen Fans ausgelassen den Halbfinaleinzug ihres Teams feierten, versuchte Trainer Cesare Prandelli die Euphorie ein bisschen zu dämpfen: "Ich bin sehr zufrieden, aber im Halbfinale ist Deutschland der Favorit." Warum? "Weil sie zwei Tage mehr Zeit zur Vorbereitung haben. Wir müssen sehen, dass wir bis Donnerstag alle Spieler in eine gute Verfassung bekommen."

Etwas euphorischer klang Riccardo Montolivo. Der Sohn eines Italieners und einer Deutschen vergab seinen Elfmeter zwar; aber das war nach der Partie vergessen. In fließendem Deutsch sagte der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler: "Die Deutschen haben eine Top-Mannschaft. Wir respektieren sie, aber wir haben keine Angst."

England - Italien 2:4 (0:0, 0:0, 0:0) n.E.
Elfmeterschießen:
0:1 Balotelli
1:1 Gerrard
Montolivo verschießt
2:1 Rooney
2:2 Pirlo
Young verschießt
2:3 Nocerino
Cole verschießt
2:4 Diamanti
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Gerrard, Parker (94. Henderson) - Milner (61. Walcott), Young - Rooney - Welbeck (60. Carroll)
Italien: Buffon - Abate (90.+1 Maggio), Barzagli, Bonucci, Balzaretti - Pirlo - Marchisio, Montolivo, De Rossi (80. Nocerino) - Balotelli, Cassano (78. Diamanti)
Schiedsrichter:
Proenca (Portugal)
Zuschauer: 64.000 (in Kiew)
Gelbe Karten: - Barzagli, Maggio



insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
KTRoadkill 25.06.2012
1. Die blauen Füchse
Wie schlau ist Italien? Neun mit Gelb vorbelastete Spieler vor dem Spiel gegen England und wer fehlt gegen Deutschland aufgrund einer 2. gelben Karte? Ein Ersatzspieler ... Wie zwingt man Italien unser Spiel auf, um ihnen ihre größte verborgene Stärke, das Spiel neben der Nettospielzeit, zu nehmen? Zurücklächeln, so nett wie Buffon. Und sie nicht ahnen lassen, was man dabei denkt. Humorlos und artistisch. Direkt und uninteressiert. Zielstrebig und mit Tarnkappe. Zeit für was Neues.
rainer_d 25.06.2012
2. Schon krass
Der Elfer von Pirlo war echt extrem - neidlose Anerkennung dafür. Aber jedes Spiel ist anders. Mal sehen, was am Donnerstag rauskommt.
bode1211 25.06.2012
3. brandgefährlich
Der DFB ist gewarnt. Aber das ist Halbfinale, dort gibt es nur noch Klassemannschaften. Neuer muss in Topform sein.
Stelzi 25.06.2012
4. Mühsam, aber nicht hart
Fehlende Durchschlagskraft und der zu erwartende Catenaccio gegen die deutsche Elf werden dieses mal nicht reichen um weiter zu kommen, zumal sie es sind, die dieses mal über 120 Minuten und Elfmeter gehen mussten - und noch dazu 2 Tage weniger Regeneration. Die Italiener sollten ihre Koffer nicht zu weit hinten im Schrank abstellen...
sir 25.06.2012
5. Respekt, aber gewiss keine Furcht
Zitat von sysopGetty ImagesItaliens Helden heißen Gianluigi Buffon und Andrea Pirlo. Nach dem Elfmeter-Krimi gegen England steht die Squadra Azzura im EM-Halbfinale, die Mannschaft strahlt enormes Selbstvertrauen aus - für das DFB-Team wird es hart. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,840712,00.html
Das italienische Team hat sich mit den Mitteln einer aus soliden Spielern und drei bis vier überragenden Individualisten zusammengesetzten Mannschaft gegen eine erschreckend schwache englische Elf durchgesetzt. Die Dynamik des Spiels beruhte nicht auf den Fähigkeiten der Spieler, sondern deren Fehlern. Die massiven, andauernden, raschen Ballverluste im Mittelfeld auf beiden Seiten (typisch: viele lange Bälle übers Mittelfeld, um dies zu vermeiden), die Möglichkeiten beider Mannschaften, am Sechzehner völlig frei zu flanken und zu chippen. Keine Spielidee auf beiden Seiten, die Italiener aber mental, physisch und individuell stärker. Im Fußball kann natürlich alles passieren, aber Deutschland ist Favorit gegen diese Mannschaft. Selbst wenn Italien das erste Tor schießt, werden sie wahrscheinlich geschlagen werden.
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