Italienischer Fußball-Skandal Berlusconi fordert Sanktionen gegen Juventus

Sechs Stunden lang wurde heute der Hauptverdächtige im italienischen Betrugsskandal verhört. Luciano Moggi hat mit viel Pathos alle Vorwürfe bestritten. Mittlerweile klagt auch ein Mann Gerechtigkeit ein, der in Italien keineswegs für ehrenwertes Verhalten steht.


Rom/Turin - Der scheidende Regierungschef Silvio Berlusconi hat sofortige Sanktionen gegen Meister Juventus Turin verlangt. Der Präsident vom Meisterschaftszweiten AC Mailand forderte die Aberkennung der Meisterschaften von Juventus in den beiden vergangenen Spielzeiten. Vielmehr sollten die Titel Milan zuerkannt werden. "Wir verlangen, dass man uns die zwei Meistertitel zurückgibt, die uns gehören", erklärte der Clubeigentümer des AC. Am Sonntag hatte Juve den 29. nationalen Meistertitel in der Serie A perfekt gesichert. Berlusconi gilt als reichster Mann Italiens, der sich das Fernsehen gefügig machte und als Ministerpräsident Gesetze nach eigenem Gusto erließ.

Milan-Eigner Berlusconi (mit Vizepräsident Adriano Galliani beim Spiel gegen AS Rom): "Die Titel gehören uns"
EPA/DPA

Milan-Eigner Berlusconi (mit Vizepräsident Adriano Galliani beim Spiel gegen AS Rom): "Die Titel gehören uns"

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft von Neapel geht davon aus, dass nicht nur die Meisterschaftssaison 2004/2005, sondern auch die am Sonntag zu Ende gegangene Spielzeit durch systematische Manipulation verzerrt worden sein. Die Ermittlungen wurden mittlerweile auf zehn weitere Spiele ausgedehnt.

Die als Juventus-Sportdirektor zurückgetretene Schlüsselfigur Moggi bestritt am Montag nach einer über sechsstündigen Polizei-Vernehmung in Rom die Existenz illegaler und clubübergreifender Strukturen. "Im Fußball denkt jeder nur an sich. Deswegen gibt es auch keine Organisationen", klagte der 68-Jährige nach Beendigung des Verhörs.

Moggi wird die systematische Manipulation der Meisterschaft zu Gunsten des italienischen Rekordchampions vorgeworfen. Vor allem mit Hilfe korrupter Schiedsrichter soll der abgetretene Juve-Manager die Liga beeinflusst haben. In Zeitungen waren Protokolle von abgehörten Telefongesprächen abgedruckt worden, in denen Moggi gegenüber Verbandsfunktionären seine Präferenzen bei Schiedsrichterbesetzungen seines Clubs mitgeteilt hatte.

Moggis Tränen

Moggi wies bereits vor seiner Vernehmung in einem TV-Interview alle Vorwürfe zurück. Unter Tränen sagte er, dass er sich vom Fußball verabschieden werde: "Meine Seele ist getötet worden. Ab jetzt habe ich nichts mehr mit dem Fußball zu tun. Ich will mich nur vor den Verleumdungen gegen mich verteidigen."

Bei der Ankunft der Juve-Spieler am Sonntag auf dem Turiner Flughafen nach dem Auswärtsspiel in Bari wurden die Mannschaft von Hunderten Fans ausgepfiffen. Trainer Fabio Capello verteidigte den Club. "Wir haben diesen Meisterschaftstitel verdient. Seit zwei Jahren, seit 76 Spielen sind wir die beste Mannschaft Italiens. Diese Erfolge sind nicht das Resultat von Absprachen", betonte Capello. Er fühle sich dem Club sehr eng verbunden und schätze sich glücklich, bei Juventus zu sein.

Im Visier der Ermittler steht vor allem das am 21. Dezember bestrittene Spiel Juventus gegen Siena (2:0), das von Schiedsrichter Massimo De Santis gepfiffen wurde. Die WM-Nominierung des 44-jährigen De Santis war am Samstag vom italienischen Fußballverband FIGC zurückgezogen worden. Gegen De Santis wird derzeit wegen mutmaßlichen Absprachen mit Juventus ermittelt.

Vernommen wurde am Wochenende auch der Referee Gianluca Paparesta. Beim Spiel Reggina gegen Juventus (2:1) am 6. November 2004 soll Moggi Paparesta in einen Umkleideraum eingesperrt haben, weil dieser mit seinen Beschlüssen angeblich Juve benachteiligt haben soll, was zur Niederlage der Turiner geführt hatte. Moggi drohen deshalb bis zu acht Jahren Haft. "Niemand konnte sich gegen Moggi wehren. Als ich versucht habe, gegen ihn zu rebellieren, bin ich eingesperrt worden", sagte Paparesta. Wegen des ausgedehnten Skandals trat der Präsident des italienischen Schiedsrichterverbands, Tullio Lanese, zurück.

Den ehemaligen Schiedsrichter-Koordinatoren Paolo Bergamo und Luigi Pairetto soll Moggi vorgeschrieben haben, welcher Schiedsrichter die Juve-Spiele pfeift. Dazu sollen die beiden Koordinatoren sogar die öffentliche Ziehung manipuliert haben. Moggi soll auch versucht haben, den bekannten Schiedsrichter Pierluigi Collina zu beeinflussen. Collina wird voraussichtlich noch diese Woche vernommen werden.

Dem in Italien umstrittenen Berlusconi steht noch eine weitere heikle Aufgabe bevor. Am Dienstag soll er einen kommissarischen Vorsitzenden ernennen, der den krisengeschüttelten FIGC nach dem Rücktritt von Franco Carraro leiten soll. Der Verband ist derzeit führungslos.

Auch Carraro ist inzwischen in den Sog der Ermittlungen geraten. Als möglicher Regierungskommissar an der Spitze des Verbands werden der frühere EU-Kommissar Mario Monti und der ehemalige Nationalspieler Gianni Rivera gehandelt.

sge/sid



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.