Italienischer Fußballskandal Bei WM-Sieg Amnestie?

Verkehrte Welt in Italien: Im Land des WM-Finalisten könnte ein Titelgewinn die letzte Rettung für Topclubs wie Juventus Turin oder den AC Mailand bedeuten. Italiens Justizminister brachte heute den Begriff "Amnestie" ins Spiel. Auch ein anderer Jurist sorgte für Schlagzeilen.


Rom - Der italienische Justizminister Clemente Mastella schließt eine Amnestie im Manipulationsskandal nicht aus. "Die Regierung kann sich in diese Angelegenheit nicht einmischen. Ich glaube aber, dass die Mehrheit der Tifosi diese Amnestie fordert. Als Fan frage ich: "Ist es richtig, dass Fabio Cannavaro, Alessandro Del Piero und viele andere nach ihren Leistungen bei der WM in der dritten Liga landen?'", fragte Mastella heute im Interview mit der Tageszeitung "Corriere della Sera. Italien trifft am Sonntag im WM-Finale auf Frankreich (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Cannavaro, Del Piero: "Rückgrat der Squadra"
AP

Cannavaro, Del Piero: "Rückgrat der Squadra"

Auch Maurizio Paniz, Parlamentarier der Forza Italia, der Partei unter Kontrolle des ehemaligen Regierungschefs und AC-Mailand-Präsidenten Silvio Berlusconi, hatte vor einigen Wochen eine Amnestie für alle Angeklagten im Fußball-Skandal gefordert - vorausgesetzt, die italienische Nationalmannschaft erringt bei der WM in Deutschland den Titel. "Sollten wir die WM gewinnen, müssen wir eine Amnestie im Fußball überlegen", hatte Paniz angeregt.

Der Vorschlag sorgte für hitzige Reaktionen. Der Sprecher der Grünen, Paolo Cento, warnte vor einer Amnestie im Calcio. "Der Fußball braucht strenge Strafen, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen", sagte Cento. Gegen eine Amnestie hat sich auch Sportministerin Giovanna Melandri ausgesprochen.

Im Prozess sorgte heute der Vorstoß eines Verteidigers des Hauptangeklagten Luciano Moggi für Furore. "Moggi und auch Antonio Giraudo verdienen Ruhm für ihre Verdienste um die Squadra Azzurra und nicht, in diesem Verfahren angeklagt zu sein", erklärte Paolo Trofino, Anwalt von Juventus Turins Ex-Generalmanager Moggi: "Am Sonntag werden wir sehen, dass mehr als ein Drittel der Mannschaft, die gegen Frankreich um den WM-Titel spielt, von Moggi und Giraudo nach Turin geholt worden ist, wo sie zum Rückgrat der Squadra gewachsen sind."

Im sachlicheren Teil seiner Ausführungen zu der Affäre, wegen der Rekordmeister Juventus sowie den weiteren Spitzenclubs AC Mailand, Lazio Rom und AC Florenz der Zwangsabstieg in untere Ligen droht, verwies Trofino auf eine "so diffuse Definition illegalen Verhaltens im italienischen Fußball, dass dieses als legal angesehen wird". Zudem verlangte Moggis Rechtsbeistand die Einstellung des Verfahrens, weil die als Beweismittel vorgelegten Tonbänder von Moggis Telefonaten mit Schiedsrichtern "nur einen Teil seiner Gespräche" umfassen würden.

mig/sid



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