Italiens Krawall-Fußball Die brachiale Macht der Ultras

Sie sind Europas brutalste Hooligans, rechtsextrem und außer Kontrolle. Die Ultras haben Italiens Fußball im Griff - nach der Erschießung eines Fans attackierten sie radikal wie nie die Staatsmacht. Politik und Verbände reagieren hilflos: Sind die Radikalen überhaupt zu stoppen?

Von Ronny Blaschke und Michael Braun, Rom


Es ist die traditionelle Panik am Tag danach. Die Staatsanwaltschaft in Rom bezeichnet Fußballfans als Terroristen. Politiker und der Fußballverband künden eine Offensive gegen Hooligans an. Italien - ein Land im Zustand kollektiven Entsetzens. Italiens Fußball - am Abgrund.

Wieder einmal.

Am Sonntag hatte ein Polizist Gabriele Sandri erschossen, einen 28-jährigen Anhänger von Lazio Rom - was Hooligans im ganzen Land zum Anlass nahmen, Krawall zu schlagen, auf Polizisten loszugehen, brutal die Staatsmacht herauszufordern.

Die Gewalt stellte alles in den Schatten, was Italiens Sport bisher erlebt hatte. Die Szenen rund ums Olympiastadion in Rom erinnerten an Stadtguerilla-Kämpfe, die Krawalle hatten eine neue Qualität: Die Ultras, wie die Szene der knallharten Fans heißt, verbrüderten sich - in Mailand die Inter- mit den angereisten Lazio-Fans, in Rom die eigentlich tief verfeindeten Anhänger von Lazio und AS. Zu Hunderten eröffneten sie Seit an Seit die Hatz auf Polizisten, erzwangen in Bergamo den Abbruch des Spiels. Alte Fronten sind vergessen. Alle Ultras pflegen nur noch ein Feindbild: die Polizei.

Inzwischen wird gegen den Polizisten Luigi S., 32, wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, er ist in den Innendienst versetzt, und eine wesentliche Frage für die Staatsanwälte wird sein: Hat sich der Schuss versehentlich gelöst, was S. selbst behauptet - oder hat er gezielt geschossen, was ein Zeuge entgegnet?

Vier festgenommene Krawallmacher behandelt der Staat, als gehe es gegen Feinde der Republik: Gegen sie ermittelt der Staatsanwalt jetzt wegen "terroristischer Aktivitäten". Härte und Entschlossenheit zeigen, das ist die Maxime. Wie im Februar soll nun der Spielbetrieb unterbrochen werden. Damals war in Catania bei Fankrawallen der Polizist Filippo Raciti umgekommen. Die Aktion jetzt gilt als symbolisches Zugeständnis an die Fankurven, dass "ihr Toter" den gleichen Wert hat wie ein Polizist.

Spiele der Zweiten Liga abgesagt

Das italienische Innenministerium hat ein vorläufiges Mitreiseverbot für Fußballfans zu Auswärtsspielen verhängt. Eine Aktion, die die Hooligans durchaus noch anstacheln könnte - genau wie die Absage aller Spiele der Zweiten Liga am kommenden Wochenende; die Erste Liga fällt wegen eines Länderspiels ohnehin aus. Außerdem werden die Fankurven in Bergamo und Taranto geschlossen. Die Aufsichtskommission für Sportveranstaltungen hat die Sperrung laut "Gazzetta dello Sport" verfügt, nachdem dort am Sonntag wegen Krawallen Spiele abgebrochen werden mussten.

Politik und Sportverbände versuchen mit ihrem Vorgehen Schadensbegrenzung - sofern die überhaupt möglich ist. Italien mag Fußball-Weltmeister sein, doch in nicht mal zwei Jahren erlebt die Serie A nun schon ihren dritten Schock. Erst der Skandal um Bestechung und manipulierte Spiele 2006, dann im Februar der Tod des Polizisten Raciti, jetzt der Tod des Fans Sandri - "erst nach solchen Katastrophen werden die Mächtigen wach", sagt Carlo Balestri von der Faninitiative Progetto Ultra in Bologna. "Und das auch nur für kurze Zeit."

Italien hinkt im Umgang mit Hooligans mindestens ein Jahrzehnt hinterher gegenüber England, Deutschland und den Niederlanden, wo eine solide Balance zwischen Repression und Prävention den klassischen Hooliganismus der achtziger und neunziger Jahre zurückgedrängt hat. In der italienischen Gesellschaft dagegen sind die Ultras zu einem festen Bestandteil des Geflechts von Politik, Wirtschaft und Medien geworden.

Schon der faschistische Führer Benito Mussolini zeigte sich in den zwanziger und dreißiger Jahren gern auf der Ehrentribüne von Lazio Rom, nutzte die Spieler und Fans für seine Propaganda. Damals kam es zu ersten Ausschreitungen in den Stadien - wobei die Gewalt in den sechziger Jahren eine neue Stufe erreichte. Die Ultra-Kultur wuchs aus einer linken Protestbewegung heraus, die sich gegen das veraltete Bildungssystem und Probleme am Arbeitsmarkt richtete.

Im Stadion ließen Schüler und Jugendliche ihrem Frust freien Lauf. Sie suchten die Aufmerksamkeit, die ihnen der Staat verwehrt hatte. Und sie wurden fündig. Der Legende nach soll eine italienische Zeitung den Begriff Ultra erstmalig benutzt haben, um Anhänger des AC Turin zu beschreiben - sie hatten einen Schiedsrichter aus Wut bis zum Flughafen verfolgt. Ultra: ein Synonym für Radikalität.

Als Anfang der achtziger Jahre die nächste Wirtschaftskrise kam, gewannen die rechten Gruppen an Macht. Parteien wie die separatistische Lega Nord oder die rechtsextreme Forza Nuova rekrutieren ihre Mitglieder bevorzugt in den Stadien - schließlich sind die Hierarchien in den Fanblöcken leicht zu unterwandern. Ultras hören auf ihre Anführer. Einige der sogenannten Capos kandidieren noch heute für Regionalparlamente.

Ultras trugen schon immer ihren Zorn ins Umfeld der Arenen, nur der politische Hintergrund hat sich stark verändert: Die letzten großen linken Fangruppen haben sich bis auf wenige Ausnahmen aufgelöst. Heute sind die Ultras vor allem eines: ultrarechts. Keltenkreuze, Runen und Hitlergrüße sind fast in jedem Stadion in Italien zu sehen. Der langjährige Lazio-Spieler Paolo Di Canio erhob den rechten Arm sogar im Stadion - und kam fast ungestraft davon.

Italiens Fußball ist fest in der Hand der rechtsextremen Ultras. Ihren Einfluss zu begrenzen, wird lange brauchen - wenn es überhaupt möglich ist. "Jetzt ist es fast zu spät, um die Faschisten aufzuhalten", sagt Fanexperte Balestri. "Die italienischen Ultras sind die mächtigsten Fans Europas."

Sie beeinflussen oft die Politik in den Vereinen. Sie erpressen Freikarten, die sie auf dem Schwarzmarkt teuer weiterverkaufen. In Verona verhinderten rechtsextreme Ultras 1996 die Verpflichtung des farbigen Holländers Michel Ferrier. Sie gingen mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen ins Stadion und hängten eine überlebensgroße schwarze Stoffpuppe auf. Daran war ein Schild befestigt mit den Worten: "Negro, go away!" Die Unbeugsamen, wie sich die Ultras von Lazio Rom nennen, paktierten im vergangenen Jahr sogar mit der Mafia, um mit Hilfe des Clubs Geld zu waschen. Solche Auswüchse sind in Europa einmalig.

Selbst ein Abbruch der Meisterschaft würde die Kriminalität im Fußball nicht beseitigen. Das Ultra-Problem ist verwoben mit Italiens gesellschaftlichen Problemen, mit den rechtsextremen Tendenzen im ganzen Land - und der Unfähigkeit respektive dem Unwillen der Politik und Verbände, wirksam etwas entgegenzusetzen.

Die italienischen Gerichte sind überlastet, sie verhandeln noch über Krawalle, die Jahre zurück liegen. Präventive Fanprojekte wie in Deutschland gibt es nicht. Eine effektive Koordinationsstelle wie in London oder Düsseldorf baut die Polizei erst auf.

Nach Racitis Tod verfügten die Verantwortlichen, dass es nur noch Namenstickets für die Stadien geben soll, außerdem Taschen- und Personenkontrollen an den Eingängen und eine völlige Isolierung der gegnerischen Fanblocks voneinander. Das führte zu einem Rückgang der Gewalt in den Stadien um angeblich 80 Prozent.

Tatsächlich wurde sie nur nach draußen verlagert.

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