Italiens Triumph Das harte, trockene Brot der Abwehrarbeit

Mit klassischem Catenaccio haben sich die Italiener ins EM-Finale gegen Frankreich gekämpft. Wer will es ihnen verdenken, schließlich hatten sie fast 90 Minuten einen Mann weniger auf dem Feld.

Von Katrin Weber-Klüver


Undurchlässiges Abwehrbollwerk: Italiens Spieler während des Elfmeterschießens
AFP

Undurchlässiges Abwehrbollwerk: Italiens Spieler während des Elfmeterschießens

Amsterdam - So endet ein Spiel. Neun Italiener stehen im Mittelkreis, sich aufgereiht in den Armen haltend, blicken sie auf das Tor, in dem der Zehnte von ihnen einen Ball pariert. Da steht es uneinholbar 3:1 im Elfmeterschießen, und die Italiener freuen sich, und springen einer auf den anderen. Sie haben das Finale der Europameisterschaft erreicht.

Das war es, was gestern in der Amsterdamer Arena passierte. Eine traurige Veranstaltung. Und nun die einzige Hoffnung: dass Frankreich es im Finale als erste Mannschaft dieses Turniers schafft, die perfekte Destruktivität des italienischen Spiels durch ein noch perfekteres konstruktives Spiel auseinander zu nehmen.

Denn was hatte das schon mit Fußball zu tun, was die Italiener gegen Holland geboten hatten? Nichts, wenn man dem Postulat dieser EM folgt, dass in der Gegenwart der schöne Fußball auch der erfolgreiche ist. Andererseits ist Fußball immer noch ein Spiel mit pragmatischen Regeln. Unter anderem der, dass, wenn man in der regulären Spielzeit eines K.o.-Spiels kein Tor kassiert und in der Verlängerung auch nicht, man die Sonderveranstaltung Elfmeterschießen erreicht, um dort die Begegnung zu entscheiden.

So gesehen verhielten sich die Italiener absolut sinnvoll. Von Anfang an war ihnen anzusehen, dass sie nichts wollten, als über die Zeit zu kommen. Die etwas überraschende Aufstellung von Alessandro del Piero anstelle von Francesco Totti tat dazu nur ihr Übriges. Del Piero spielte fürchterlich. Er ist 25 Jahre alt, aber er wirkte, als sei ein alternder Ballfummler auf der letzten Runde seiner Abschiedstournee. Der Rest des Teams beschäftigte sich schnörkellos mit dem Zerstören der holländischen Angriffe.

Der italienische Anhang zeigte sich einverstanden mit dieser Betonstrategie. Ein Transparent verkündete die Begeisterung der doch eigentlich für Sinnenfreuden empfänglichen Italiener für die Spielstrategie: "Catenaccio !!!" Nichts anderes stand da zu lesen. Wenn man um sich nur Feindseligkeit wahrnimmt, lauter Gourmet-Junkies, die die Schönheit des Fußballs preisen und einen anklagen, besonders phantasielos und ohne Sehnsucht zu sein, dann schweißt das wohl besonders zusammen. Dann behauptet man eben, dass man nichts lieber hat als das harte, trockene Brot der Abwehrarbeit.

Allen voran die italienischen Spieler selbst haben das verinnerlicht. Als sie nach 34 Minuten durch einen Platzverweis gegen Gianluca Zambrotta nur noch zu zehnt waren, war es endgültig um die Partie geschehen. In stoischer Ordnung sorgten ab da zwei Viererketten dafür, dass nichts gelang, was die Holländer - anfangs unermüdlich, später immer frustrierter - versuchten, um dem spielerischen, gestalterischen Aspekt des Fußballspiels gerecht zu werden und damit einen Torerfolg zu erzielen. Nun kann man es natürlich einem Alessandro Nesta oder Fabio Cannavaro nicht vorwerfen, wenn sie ihre Arbeit in der Abwehr einer Nationalmannschaft so gut machen, dass ein Patrick Kluivert als Mittelstürmer der Gegenseite verzweifelt. Italien kämpfte in diesem Sinne zwei Stunden lang für nichts anderes als das Elfmeterschießen. Das ist eine neue, aber nicht zu sanktionierende Idee vom Fußballspiel, auch weil es ein Ansatz ist, der mit Fußball an sich nichts viel zu tun hat. Zuzugeben ist, dass Italien bei einem Anteil der Ballbesitze von unfassbar minimalistischen 34 Prozent in der zweiten Halbzeit sogar ein paar Torchancen durch den eingewechselte Marco Delvecchio hatte.

Schließlich war der Spielausgang - pragmatisch, also italienisch betrachtet - dann nur noch konsequent. Denn den Holländern war nun einmal zwei Stunden lang nichts eingefallen, um die Begegnung im Spiel zu entscheiden. Sie bemühten sich um Variationen von Angriffszügen, sie erprobten sich in Kombinationsspiel und in wechselnden Mittelfeldbesetzungen. Aber ihr Spiel war nicht schnell genug, nicht überraschend genug, nicht glücklich genug. Am Ende all der Anläufe stand - nichts. Oder Nesta. Oder Cannavaro. Oder Pech, bei einem Pfostenschuss von Dennis Bergkamp (15.). Oder standen die Nerven. Besonders die Nerven. Holland vergab zwei Foulelfmeter schon in der regulären Spielzeit. Beim ersten scheiterte Frank de Boer an Torwart Francesco Toldo, beim zweiten setzte Kluivert den Ball vor Schreck an den Pfosten. Natürlich kann man nicht sagen, dass die Holländer diese Chancen wegwarfen, weil sie ihnen zu profan gewesen wären. Sie haben später ja auch nicht absichtlich drei von vier Schüsse im Elfmeterschießen vergeben. Man kann gar nicht viel zu solcher einer Ballung an Elfmeterdramen sagen.

Auch Frank Rijkaard vermochte es nicht. Er trat noch am Abend zurück. Alles, was man sagen kann, ist, dass der schönere Fußball auch im Jahr 2000 nicht per se gewinnt. Nicht, wenn er sich gegen den besten unschönen Fußball des Kontinents behaupten muss.



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