Bayern-Zugang Ivan Perisic Reicht das?

Der FC Bayern hat Ivan Perisic verpflichtet und dafür auch Häme kassiert. Dabei spricht vieles für den Transfer. Die Frage ist nur, warum er erst jetzt kommt - und wen die Bayern noch holen.

Bayern-Zugang Ivan Perisic: Ideal für Kovacs Spielidee
John Walton / DPA

Bayern-Zugang Ivan Perisic: Ideal für Kovacs Spielidee

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Wenn Fußballvereine ihren Fans einen neuen Spieler präsentieren, ist deren Reaktion meist positiv. Als aber der FC Bayern München am Mittag auf Twitter die Verpflichtung von Ivan Perisic verkündete, fanden sich darunter auch viele gehässige Kommentare.

Das Problem, das die meisten kritischen Nutzer mit Ivan Perisic zu haben schienen, ist, dass er Ivan Perisic ist - und nicht Leroy Sané.

Sané, 23, zählt zu den spektakulärsten Offensivspielern weltweit. Die Bayern warben bekanntlich lange und öffentlich um den Profi von Manchester City. Seit seiner Kreuzbandverletzung Anfang August ist es ruhig um einen möglichen Transfer geworden.

Perisic, 30, zählt eher nicht zu den spektakulärsten Offensivspielern weltweit. Spott verdient aber weder er noch der FC Bayern. Für die Münchner dürfte sich die Verpflichtung von Perisic, der zunächst auf Leihbasis von Inter Mailand kommt, als guter Transfer erweisen. Angesichts der Kadersituation ist er sogar notwendig.

Aktuell hat der Klub keine 20 Spieler mit nennenswerter Profierfahrung beisammen. Als es kürzlich im Supercup gegen den BVB (0:2) darum ging, einen Rückstand aufzuholen, wechselte Trainer Niko Kovac Alphonso Davies und Renato Sanches ein, Talente, die das Niveau der Mannschaft nicht gerade anhoben.

Bayerns erstes Saisonziel, die Meisterschaft, schien gefährdet. Die erste Mannschaft war noch immer sehr gut. Doch ob 17, 18 erfahrene Profis für den Titel genügen?

Perisic passt zur Spielidee von Trainer Kovac

Perisic wäre gegen den BVB der namhafteste Angreifer auf der Bank gewesen, der Vizeweltmeister von 2018 dürfte mit Kingsley Coman um den Platz links vorne im bayerischen 4-3-3 konkurrieren. Sein sportliches Profil passt zur Spielidee von Trainer Kovac.

Die Bayern griffen zuletzt vor allem über die Seiten an, durch die Mitte versuchten sie es selten. Ideal für Perisic, der in den vergangenen Jahren meist linksaußen eingesetzt wurde, aber auch auf dem rechten Flügel funktioniert.

Perisic ist deshalb ein so wertvoller Außenbahnspieler, weil er sowohl vorbereiten als auch vollstrecken kann. Seine Hereingaben sind exzellent, was gerade dann, wenn als Abnehmer Robert Lewandowski und Thomas Müller bereitstehen sollten, zu vielen Torchancen führen dürfte. Und für Verteidiger ist es schwer zu berechnen, wann Perisic flankt, denn er kann dafür beide Füße nutzen - eine Qualität, die auf Topniveau, wo jede Aktion sitzen muss, selten ist.

Zugleich besitzt Perisic ein Gespür dafür, plötzlich im Strafraum aufzutauchen und Abwehrspieler zu überraschen. Das, gepaart mit seiner Kopfballstärke, macht ihn zu einem Zielspieler bei Flanken von der anderen Seite. Das Taktikblog Spielverlagerung.de nannte ihn im vergangenen Jahr "Weltklasse an beiden Enden einer Flanke".

Bayern-Trainer Niko Kovac: Man kennt sich, man schätzt sich
Robert Michael / DPA

Bayern-Trainer Niko Kovac: Man kennt sich, man schätzt sich

Außerdem ist der Transfer nahezu frei von Risiko. Perisic ist zunächst für ein Jahr ausgeliehen. Schlägt er ein, können ihn die Bayern fest verpflichten. Ablösesumme und Gehalt werden mit Sané-Dimensionen nichts zu tun haben. Dass sich Spieler und Trainer kennen und schätzen, ist ebenfalls ein Plus. In den 19 Spielen, in denen Kovac ab 2013 kroatischer Nationalcoach war, kam Perisic nur zweimal nicht zum Einsatz.

Der Transfer wirft aber auch Fragen auf. Ist Perisic tatsächlich der Sané-Ersatz? Das wäre eine fragwürdige Entscheidung. Perisic und Sané haben unterschiedliche Spielprofile, und man tritt Perisic nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass Sané der gefährlichere Fußballer ist. Der erreichte vergangene Saison einen Schnitt von rund 1,1 Torbeteiligungen pro 90 Minuten. Perisic kam auf 0,4.

Kommt noch ein zweiter Spieler für die Offensive, etwa Barcelonas Philippe Coutinho, für den laut "El Mundo Deportivo" eine Bayern-Anfrage vorliegen soll? Oder wird gar doch noch der verletzte Sané verpflichtet, und Perisic dient der Überbrückung?

"Wollen in der Champions League angreifen"

Dass die Münchner Perisic schon lange verpflichten wollten, ist jedenfalls nicht sehr plausibel. Erst kürzlich schrieb die "Sport Bild", Kovac habe seinen ehemaligen Schützling intern bei den Bayern als Zugang vorgeschlagen, sei damit aber gescheitert. Sofern das stimmt, wirft das die Frage auf, weshalb die Bayern Perisic nicht bereits früher unter Vertrag genommen haben. Beziehungsweise, warum sie nun umgedacht haben. Die Transferstrategie der Bayern ist aktuell schwer zu durchleuchten.

Als die Personalie am Mittag bekanntgegeben wurde, veröffentlichte der FC Bayern ein Video auf der eigenen Webseite, das Perisic beim Medizincheck zeigt, dazu eine Mitteilung. Perisic kommt darin auch zu Wort. "Wir wollen nicht nur in der Bundesliga und im DFB-Pokal, sondern auch in der Champions League angreifen", wird er zitiert. Ob das gelingt, hängt wohl weniger mit ihm selbst zusammen. Sondern mit der Frage, wie die Bayern die kommenden Wochen nutzen. Bis zum 2. September dürfen sie noch Spieler verpflichten. Dann endet das Transferfenster.

insgesamt 154 Beiträge
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login37 13.08.2019
1. Perisic kann vorbereiten und vollstrecken. NICHT.
«Perisic ist deshalb ein so wertvoller Außenbahnspieler, weil er sowohl vorbereiten als auch vollstrecken kann.» Der Autor des Artikel erzielt da einfach Märchen. Linksaußen werden in der Tat an Toren als auch Assists gemessen. Soweit richtig. Die Maßeinheit dafür sind Scorerpunkte. Und will man wissen, wie gut/effektiv ein Spieler ist, so setzt man die Scorerpunkte ins Verhältnis zu den Spielminuten. In 45 Spielen und bei 3.600 Spielminuten hat Perisic in der letzten Saison gerade mal 17 Scorerpunkte gemacht. Alle 212 Minuten ein Scorerpunkt. Das ist unterirdisch und absolut nicht das Niveau, dass bei einer Top-Mannschaft auf der Position des Linksaußen benötigt wird. Ein Sane hat letzte Saison alle 79 Minuten einen Scorerpunkt gemacht. Perisic ist hinsichtlich Scorerpunkten noch mal deutlich schlechter als Gnabry und Coman: und dazu ist Perisic sehr viel langsamer. Der macht Bayern kein bisschen besser und hilft Bayern kein bisschen weiter.
timtimtam 13.08.2019
2. Nein
Guter, sehr guter Spieler, aber für die CL reicht die Truppe insgesamt im der kleinen Zusammensetzung nicht... Ist ja noch Zeit zum Pokern bis September
Papazaca 13.08.2019
3. Gute Frage. Wobei schon Fragen unsere Freunde provozieren.
Wahrscheinlich besteht viel Unsicherheit. Wer kommt noch? Ist die Mannschaft gemessen an den Aufgaben gut genug? Werden Verletzungen zu einem Problem? Und vor allem: Geht die Erfolgsserie der Bayern weiter oder markiert ein möglicher Weggang von Uli Hoeneß quasi eine Zeitenwende? Und in solchen Zeiten der Unsicherheit ist es schon mal gut, wenn man der anderen Seite zeigt, wo der Hammer hängt.
widower+2 13.08.2019
4. @Login 37
Das mit den Scorerpunkten pro Spielminute stand auch im Artikel. Da muss sich der Autor von Ihnen gewiss nicht belehren lassen.
skeptikerjörg 13.08.2019
5. Logisch
Die Perisic Ausleihe ist ein logischer Schritt nach dem Sané Fiasko. Perisic hilft den Bayern im Moment weiter - nicht in der Spitze, aber in der Breite. Der Kader ist für den Tanz auf drei Hochzeiten zu klein, in der Offensive gibt es keine Backups. Solange nichts passiert sind sie mit Gnabry, Coman und Lewandowski spitzenmäßig besetzt, wenn sich einer ernsthaft verletzt, wird es bitter. Perisic kann theoretisch alle drei Positionen spielen, qualitativ eben eine Stufe niedriger. Was fehlt ist ein überdurchschnittlicher defensiver Mittelfeldspieler. Thiago allein stößt an Grenzen, Martinez ist verletzungsanfällig wie Coman, Kimmich ist als RV bedeutend wertvoller, zumal es im Kader auf der Position keinen Ersatz gibt. Perisic schließt eine Lücke, andere Warten auf Lösungen.
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