Jahrhundertteams Brasiliens Hang zu brotloser Kunst

Sie zauberten auf dem Spielfeld, verzückten bei der WM 1982 die Fans - und standen am Ende mit leeren Händen da. Vier Jahre später ereilte die brasilianische Fußball-Nationalelf das gleiche Schicksal. Zu alten Erfolgen kehrte die Seleção erst zurück, als sie Mut zu spielerischer Hässlichkeit bewies.

Von Maik Rosner


Gescheiterte Seleção (vor dem WM-Spiel 1982 gegen Italien): Abgesang auf eine ganze Generation
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Gescheiterte Seleção (vor dem WM-Spiel 1982 gegen Italien): Abgesang auf eine ganze Generation

Ein Tor von zerstörerischer Kraft. Eine Volleyabnahme voller Dynamik und Grazilität beendete an diesem 5. Juli 1982 im Estádio Sarrià zu Barcelona eine Ära. Ein schnöder Abstauber, ein abgefälschter Schuss, eine verunglückte Flanke wären womöglich eine noch eindrücklichere Pointe gewesen, die schiere Schönheit des Treffers zum 3:2 durch Paolo Rossi für das italienische Team verlieh dem Schrecken eine ganz eigene Ästhetik.

Als 16 Minuten später der Sieg Italiens über Brasilien feststand, war die Niederlage der Seleção auch der Abgesang auf die Generation Sócrates. Denn zusammen mit all den anderen Künstlern, mit Zico, Falção, Cerezo und Éder, hatte Kapitän Sócrates bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien beweisen wollen, dass die Europäisierung des Fußballs in Brasilien in den siebziger Jahren zurecht gescheitert war.

Doch nach dem Aus in der Zwischenrunde blieb der Mannschaft von Trainer Tele Santana allein die tiefe Zuneigung der Fußballfans in aller Welt. "Die Ungerechtigkeit hat gesiegt, denn wir waren bei dieser WM die klar beste Mannschaft und hatten auch gegen Italien den Sieg verdient", sagte Zico später einmal.

Das Herzstück dieser Mannschaft bildete das Mittelfeld um den bärtigen Hünen Sócrates, dessen Vision eines modernen Spiels die Seleção prägen sollte. "Von taktischem Geplänkel halte ich ganz und gar nichts. Für mich darf der Sieg nie die Mittel heiligen. Es lebe der schöne Fußball." Ein Manifest gegen den Ungeist der kontrollierten Defensive, gegen taktische Wagenburgen, hervorgebracht von den ganz speziellen brasilianischen Verhältnissen: "Wir spielen auf der Straße und kicken gegen alles, was halbwegs rollt. Wir sind ständig zu Slalomläufen um herumliegende Steine und Baumwurzeln gezwungen - daher unsere Dribbelstärke. Das Spiel an den unmöglichsten Orten und in Gedanken - ganz ohne Ball - machen die hohe brasilianische Fußballschule aus!"

Und so pathetisch solche Verlautbarungen auch daherkamen, so konsequent wurde der "futebol arte" in beinahe jedem Spiel vom legendären Mittelfeld, von Sócrates ebenso wie von Zico und Falção, exerziert. Das Prinzip war überaus einfach, es fußte auf höchstmöglichen Freiheiten für die Spielgestalter im Mittelfeld, auf technischen Kabinettstückchen und auf überraschenden Einfällen, die auch dichte Abwehrbollwerke aushebelten. Jeder Spieler erfüllte dabei seine Aufgabe, während Sócrates den Schlachtenlenker und klugen Passgeber gab, fintierte und dribbelte sich Zico durch die Abwehrreihen, gab Falção den umsichtigen Partner für Doppelpässe. Ein bestechendes spielerisches Konzept, das nur einen einzigen Schönheitsfehler hatte: Es starb bisweilen in Schönheit.

Weltmeister Italien (1982, im Finale gegen Deutschland): "Schlecht für den Weltfußball"
DPA

Weltmeister Italien (1982, im Finale gegen Deutschland): "Schlecht für den Weltfußball"

Denn was in der Vorrunde der WM 1982 so traumwandlerisch sicher daher kam, in den souveränen Siegen über die UdSSR (2:1), Schottland (4:1) und Neuseeland (4:0), erwies sich in der Zwischenrunde gegen Italien als stumpfes Schwert. Zwar spielte die Seleção wieder ihr elegantes, technisch ausgereiftes Kurzpassspiel, wunderbar anzuschauen für die Zuschauer daheim und im Stadion. Doch besaß Italien an jenem Abend etwas, das den Brasilianern bei aller Liebe zum Spiel abging - den Zug zur Vollendung, den direkten Weg zum Tor, zum Sieg letztlich.

Dieser Hang zur brotlosen Kunst ist später scharf kritisiert worden, vor allem vom Publikum, das in den achtziger Jahren überaus ungeduldig auf den Nachfolger des Triumphs von 1970 wartete. Aber auch im brasilianischen Verband setzte sich bereits 1982, nach der Rückkehr aus Spanien, die Ansicht durch, der "futebol arte" sei nun endgültig gescheitert. Zico hingegen sieht noch heute "dass die Niederlage schlecht für den Weltfußball war, denn wenn Brasilien gewonnen hätte, hätte sich der Fußball verändert." Zum Positiven, versteht sich.

Brasiliens WM-Star Zico (1982, beim 3:1-Sieg gegen Argentinien): Am Ende stand die Depression
AFP

Brasiliens WM-Star Zico (1982, beim 3:1-Sieg gegen Argentinien): Am Ende stand die Depression

So aber wurden die erfolgreichen, jedoch biederen Europäer zum Rollenmodell. Zu spielen wie die nur selten wirklich glanzvollen, aber ungemein disziplinierten und effizienten Italiener galt fortan als Königsweg zum Titel. Das Konzept der brasilianischen Mannschaft eines kreativen, ungebändigten, spielerischen Fußballs hingegen wurde als überholt, nicht mehr zeitgemäß angesehen.

Es gelang den Spielern um Sócrates auch bei der folgenden Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko nicht, die Kritiker vom Gegenteil zu überzeugen. Denn wieder einmal war vorzeitig Schluss, obwohl wieder alle Partien der Vorrunde gewonnen, und die nahezu endlosen Ballpassagen im Mittelfeld als des Fußballs höchste Kunst gerühmt wurden. Doch diesmal gelang es der Seleção nicht, im Viertelfinale die ebenfalls hoch gelobten Franzosen zu bezwingen. Die Niederlage bestätigte all jene Skeptiker, die den in die Jahre gekommenen Strategen um Sócrates ihre Ballverliebtheit, ihre Freude an der fußballerischen Miniatur übel nahmen.

Dabei war das verlorene Spiel gegen Frankreich, bei Licht besehen, gar keine Niederlage. Denn die Franzosen mit ihrem Mittelfeld um die Techniker Alain Giresse, Jean Tigana und Michel Platini waren die europäische Mannschaft, deren Spielweise dem brasilianischen Trickfußball am meisten ähnelte. Und so entwickelte sich in Guadalajara ein "Jahrhundertspiel", das durch technische Brillanz und schier überbordende Spielfreude auf beiden Seiten bestach. Am Ende hatten die Franzosen die Nase vorn, nur konsequent hatte das berauschende Spiel die beiden Teams ins Elfmeterschießen gezwungen, der Disziplin, die den Franzosen wie den Brasilianern am wenigsten lag und in der sowohl Platini als auch Sócrates scheiterten.

Französischer Spielmacher Platini (l., bei der WM 1986): Technisch beschlagen und erfolgreich
AP

Französischer Spielmacher Platini (l., bei der WM 1986): Technisch beschlagen und erfolgreich

Das Bedauern der Weltpresse über das Ausscheiden der Brasilianer war umfassend, ganz einhellig wurde die Ansicht vom vorweggenommenen Finale vertreten und Henri Michel war mit vielen Beobachter einer Meinung, es sei die bessere Mannschaft ausgeschieden. Lobreden, die in keinen Trophäenschrank passen. Der Empfang für Sócrates und seine Mitstreiter daheim kam hingegen überaus frostig daher. Die Fans zürnten den Schöngeistern. Weil auch in Brasilien nur der Erfolg dem schönen Spiel ein gutes Zeugnis ausstellt.

Erst 1994 sollte es für Brasilien wieder zu einem WM-Titel reichen, in den USA durch ein 3:2 gegen Italien im Elfmeterschießen. Mittlerweile war die Seleção fünfmal Weltmeister, doch der spielerische Glanz des 82er-Teams blieb trotz all der Ausnahmekünstler seither unerreicht. Immerhin folgte Brasilien dem Weltmeister von 1978, Argentinien, dann doch noch bei der Vergabe eines Titels: beim Fair Play Award 1982. Nicht einmal ein schwacher Trost für eine große, gescheiterte Mannschaft.



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