Bayern-Talent Musiala Schmächtig erfolgreich

Nach seinem Champions-League-Tor und seiner Entscheidung für Deutschland ist Jungprofi Jamal Musiala in aller Munde. Wer ist dieser Spieler? Und welche Rolle kann er beim FC Bayern und in der DFB-Auswahl einnehmen?
Von Constantin Eckner
Bayern-Jungstar Jamal Musiala

Bayern-Jungstar Jamal Musiala

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ALBERTO LINGRIA / REUTERS

Es war eine besondere Woche für Jamal Musiala. Am Dienstag schenkte ihm sein Trainer beim FC Bayern, Hans-Dieter Flick, in der Champions-League-Partie gegen Lazio Rom von Beginn an sein Vertrauen. Musiala traf zum zwischenzeitlichen 2:0 und wurde zum jüngsten Spieler, der jemals ein Tor für eine deutsche Mannschaft in der Königsklasse erzielt hat. Am Mittwoch wurde bekannt, dass Musiala sich von Bundestrainer Joachim Löw hat überzeugen lassen, künftig für Deutschland und nicht für England zu spielen. Und an diesem Freitag feiert Musiala seinen 18. Geburtstag, was ihn in die Lage versetzt, schon bald einen neuen Vertrag bei den Münchnern zu unterschreiben.

Der Offensivspieler ist zum großen Thema im deutschen Fußball geworden, viele reden über den Teenager, für den sogar Löw und DFB-Direktor Oliver Bierhoff im Januar nach München reisten, um ihn für die DFB-Auswahl zu gewinnen. Dabei behagt Musiala die neuerliche Aufmerksamkeit gar nicht: »Ich bin eher ein ruhiger Typ und keiner, der das Rampenlicht sucht«, sagt Musiala dem SPIEGEL.

Wer ist dieser Spieler? Und welche Rolle kann er beim FC Bayern und in der DFB-Auswahl einnehmen?

Ein fußballerisch Frühreifer

Jamal Musiala ist etwas Besonderes. Das liegt zum einen daran, dass im deutschen Fußball im Moment Talente in seinem Alter selten sind. Zum anderen aber ist auch seine Lebensgeschichte außergewöhnlich. Er ist ein kommender deutscher Nationalspieler, der zu einem Großteil in England ausgebildet wurde.

Geboren in Stuttgart als Sohn einer deutschen Mutter und eines britisch-nigerianischen Vaters siedelte Musiala im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach England um, weil seine Mutter Soziologie an der Southampton University studierte. Früh fiel sein Talent auf. Musiala wurde schon mit acht Jahren vom FC Chelsea verpflichtet, spielte mit 13 bereits in der englischen U15-Nationalmannschaft. Ein Ausnahmetalent selbst im mit Talenten gesegneten englischen Fußball, ein fußballerisch Frühreifer, der schon mit 15 für Chelseas U18 auflief.

Der FC Bayern verpflichtete Musiala 2019 für seine Jugendabteilung. Erst spielte er in der B-Jugend, wurde aber schnell in die A-Jugend und später in die zweite Mannschaft hochgezogen, die in der 3. Liga antritt. Immer fiel Musiala mit seiner geschmeidigen Spielweise und Ballfertigkeit auf. Seit dieser Saison ist er fester Bestandteil des Profiteams von Flick. 16 Bundesliga- und vier Champions-League-Spiele hat er bereits bestritten und dabei vier Tore erzielt.

»Ich sehe in ihm ein riesiges Potenzial«

Bundestrainer Joachim Löw über Jamal Musiala

»Er ist sehr ballsicher und hat ein gutes Gespür dafür, in welchen Räumen er sich aufhalten muss«, lobt ihn Bayern-Trainer Flick. Löw, der nach den Jahren mit Flick in der Nationalelf immer noch enge Verbindungen zum Bayern-Trainer hat, sieht in Musiala »ein riesiges Potenzial« und hat angekündigt, ihn für die Länderspiele im März erstmals nominieren zu wollen. 23-mal hatte er für englische Jugendauswahlen gespielt, nun soll Musiala fest beim DFB bleiben.

Havertz, Wirtz, Musiala

Musiala sagte dem US-Portal »The Athletic«, er spüre zwei Herzen in seiner Brust: Eines schlage für England und eines für Deutschland. Das habe ihm die Entscheidung schwer gemacht. Am Ende könnte die Wahl für den DFB aber klug gewesen sein, denn auf seiner Position im zentralen, offensiven Mittelfeld gibt es in Deutschland keinen Talente-Überfluss. Kai Havertz vom FC Chelsea gilt hier als kommende 1A-Lösung, hinter ihm wartet aber lediglich Florian Wirtz von Bayer Leverkusen, der sogar noch zwei Monate jünger ist als Musiala und schon über mehr Bundesliga- und Europapokalerfahrung verfügt.

Florian Wirtz von Bayer Leverkusen

Florian Wirtz von Bayer Leverkusen

Foto: Soeren Stache / dpa

Wie Havertz und Wirtz ist Musiala vielseitig einsetzbar: »Bei Chelsea war ich am Anfang Stürmer, ein Neuner. Tore schießen hat mir immer Spaß gemacht, wie jedem kleinen Jungen«, erinnert sich Musiala. »Mit der Zeit bin ich dann ein bisschen nach hinten ins offensive Mittelfeld, auf die Zehn gerutscht. Da habe ich häufiger den Ball am Fuß, kann mehr dribbeln, Tore vorbereiten und erzielen. Da fühle ich mich sehr wohl. Aber ich kann auch auf den Flügeln spielen, wo es noch mehr ins Eins-gegen-eins geht. Das mag ich auch.«

Musiala bewegte sich oftmals geschickt zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Seine Beweglichkeit und enge Ballführung erlauben es ihm, bedenkenlos in enge Räume zu stoßen. Auch wenn er als Flügelspieler eingesetzt wird, zieht er regelmäßig mit Ball am Fuß in die Mitte.

Nachholbedarf besteht am ehesten im Passspiel, denn Musialas Zuspiele finden in wichtigen Situationen noch zu selten die Mitspieler. Das wurde gerade deutlich, als ihn Flick zuletzt in mehreren Partien etwas weiter hinten im Mittelfeld einsetzte. Bayerns Cheftrainer und auch Musialas Mitspieler hätten ihn aber ermutigt, immer frei aufzuspielen und sich auf seine Stärken zu konzentrieren, »also zu dribbeln, ins Eins-gegen-eins zu gehen«, sagt er.

In München könnte er irgendwann mal die Rolle von Thomas Müller, 31, übernehmen. Das Gespür für Räume haben nur wenige so perfektioniert wie der Weltmeister von 2014. Und noch ist Müller mit seiner Torgefahr unersetzlich.

Um sich für diese Aufgabe zu wappnen, schiebt Musiala Extraschichten am Kopfball-Pendel mit Co-Trainer Hermann Gerland und übt verstärkt Abschlüsse mit Miroslav Klose – früher sein Trainer in der B-Jugend, nun Co-Trainer von Flick.

Sieben Kilogramm zugelegt

Beim FC Bayern sind sie angetan von der Mischung aus jugendlicher Leichtigkeit auf dem Feld und einer für das Alter überdurchschnittlich großen Reife daneben. Das dürfte ihm dabei helfen, seine bisher noch größte Schwachstelle zu beheben.

Bei seinen ersten Auftritten in der Bundesliga wurde Musiala trotz starker Dribblings und Bewegungen am Ball noch recht häufig von gegnerischen Verteidigern abgedrängt. Das ist mittlerweile immer seltener der Fall. Mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka geht er regelmäßig in den Kraftraum. Nebenher nimmt er noch die Dienste des früheren Nordischen Kombinierers Steffen Tepel in Anspruch, der ihn als Privattrainer in sensomotorischen Dingen schult und an seiner reflexiven Stabilität arbeitet.

Zu Saisonstart wog Musiala bei einer Größe von 1,81 Meter nur 65 Kilogramm. Sieben Kilogramm hat er seitdem zugenommen und ist zwei Zentimeter gewachsen. Er ist immer noch schmächtig, aber er kann sich nun körperlich besser behaupten.

Das dürfte dabei helfen, dass Jamal Musiala auch nach dieser Woche noch öfter von sich reden machen wird.