Bayern-Verteidiger Jérôme Boateng Warum der Aussortierte nun doch bleiben könnte

Das Hickhack um Innenverteidiger Jérôme Boateng ist Sinnbild der bislang missglückten Transferpolitik der Münchner. Seriöse Angebote gibt es nach SPIEGEL-Informationen noch nicht.

Jérôme Boateng
Alexander Hassenstein/Getty Images

Jérôme Boateng

Von Florian Kinast, München


Am kommenden Wochenende nehmen die Spieler des FC Bayern wieder das Training auf. Nach den Strapazen der neuntägigen US-Reise und der Rückkehr am Mittwoch hatte Niko Kovac seinen Spielern erst einmal zwei Ruhetage gegönnt.

Wenn sich der Kader an der Säbener Straße auf den Audi Cup am 30. und 31. Juli vorbereitet, dann wird auch Jérôme Boateng wieder dabei sein: Der Innenverteidiger war vorzeitig aus den USA abgereist - und zwar aus privaten Gründen und nicht, wie bereits spekuliert worden war, um einen Wechsel zu einem anderen Klub fix zu machen.

Denn wie es aussieht, wird der 30-Jährige nirgendwo hingehen, sondern plötzlich doch in München bleiben. Seriöse Angebote anderer Klubs sind nämlich nach SPIEGEL-Informationen bisher gar nicht erst eingegangen. Und auf einmal könnten die Bayern Boateng angesichts der dünnen Personaldecke doch wieder ganz gut brauchen.

Hoeneß empfahl einen Wechsel

Die Personalie verdeutlicht sinnbildlich die bislang planlos anmutende Transferpolitik des FC Bayern in diesem Sommer. Noch unmittelbar nach Saisonende im Mai hatte Uli Hoeneß dem Ex-Nationalspieler einen Wechsel nahegelegt: "Ich empfehle ihm, sich einen neuen Verein zu suchen", sagte der Präsident rund um die Meisterfeierlichkeiten, es klang schon fast nach einem Rauswurf.

Und auch Karl-Heinz Rummenigge machte noch Anfang Juli klar, dass der Weltmeister von 2014 in den Planungen der Bayern keine Rolle spiele. Als er die Innenverteidiger für die kommende Saison aufzählte, nannte er Lucas Hernández, Niklas Süle und Benjamin Pavard. Boateng erwähnte er mit keinem Wort.

Doch nun deutete sich auf dem Sommer-Trip in die USA plötzlich eine Kehrtwende an. "Er hat sich innerhalb der Mannschaft sehr positiv verhalten und Pluspunkte gesammelt", sagte Rummenigge. Und auch Kovac signalisierte, er gehe davon aus, dass Boateng in München bleibe.

Plötzlich könnte Boateng doch wieder hilfreich sein

Aus gutem Grund: Schließlich könnten es sich die Bayern bei ihrem spärlichen 17-Mann-Kader derzeit kaum erlauben, noch einen weiteren Spieler abzugeben. Zwar ist die Defensivreihe gut bestückt, sollten bei Verletzungen aber die Stammspieler in der Zentrale ausfallen oder Hernández und Pavard auf den Außenpositionen auflaufen müssen, dann wäre ein Boateng in der Innenverteidigung ja doch wieder ganz hilfreich.

Das Hin und Her in der Causa Boateng dürfte zum einen auch ein Resultat der bislang gescheiterten Bemühungen um Neuverpflichtungen sein. Mag Sportdirektor Hasan Salihamidzic seit Saisonende wiederholt sein Mantra rezitieren, dass man bis Anfang September Zeit habe, neue Spieler zu verpflichten: Allmählich hören sich seine Sätze nach Durchhalteparolen an.

Ernüchtert, entfremdet, entrückt

Vergeblich forderte Niko Kovac bislang vier neue Spieler, und auch bei den Spielern macht sich allmählich Unruhe breit, Robert Lewandowski etwa wünscht sich Verstärkungen, um auch den so wichtigen Konkurrenzkampf und die Spannung im Training aufrechtzuerhalten. Anfang September wäre da etwas spät.

Zum anderen ist da die Sicht von Boateng selbst. Die vergangene Saison, die schwierigste seiner Karriere, hatte schon ernüchternd angefangen, als er unbedingt zu Paris Saint-Germain wechseln wollte, und der Klub von Thomas Tuchel noch am letzten Tag der Transferperiode ein verbessertes Angebot nach München geschickt haben soll. Die Rede ist von einer Ablösesumme von 50 Millionen Euro. Doch die Bayern lehnten ab und ließen Boateng nicht ziehen.

Auch sportlich lief es nicht gut, Kovac musterte ihn nach und nach aus, am Ende saß er meist nur auf der Bank. Spielen durften Niklas Süle und Mats Hummels, der den Verein mittlerweile verlassen hat und wieder bei Borussia Dortmund spielt. Am Schluss der Saison war Boateng ernüchtert, entfremdet, entrückt, hatte keinen Bezug mehr zur Mannschaft.

Geschätzte elf Millionen Euro Jahresgehalt

Bezeichnend, wie er nach dem 34. Spieltag allein mit seinen Zwillingstöchtern auf Höhe der Mittellinie saß, während seine Mitspieler eine Ehrenrunde nach der anderen drehten und sich mit Bierduschen übergossen.

Nun aber überzeugte Boateng bei den Testspielen gegen Arsenal (1:2) und Real Madrid (3:1), mit viel Einsatz, Präsenz und Selbstbewusstsein. Aus seinem engsten Umfeld ist zu hören, der lange Urlaub hätte ihm gutgetan, viereinhalb Wochen am Stück, so lange hatte er seit rund zehn Jahren nicht mehr.

Zeit, um zu reflektieren, nachzudenken und zu dem Entschluss zu kommen, kommende Saison bei den Bayern wieder anzugreifen. Und wechseln muss er ja nicht zwingend, sein Vertrag läuft noch bis 2021, bei einem geschätzten Jahresgehalt von elf Millionen Euro. Fraglich, ob er woanders jetzt noch so viel bekommt.

Natürlich sind weitere Wendungen im Fall Boateng nicht ausgeschlossen, sie kämen in der derzeitigen Situation auch nicht überraschend. Und das Transferfenster ist ja bis Anfang September geöffnet. Ist noch viel Zeit. Das sagt ja auch Salihamidzic.



insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 25.07.2019
1. Weltmeister-Helden
Verstehe ich nicht, wieso bekommt der Mann keine Angebote? Mit dieser Extraklasse, Beliebtheit und seiner loyalen, professionellen Einstellung. 30 ist doch kein Alter für einen Innen dieser Brillianz.
Papazaca 25.07.2019
2. Sanches, Boateng, Hoeneß. Gibt es noch Transfers?
Wenn man was zu den Bayern schreibt, könnte immer alles mögliche Vermutet werden. Ablehnung, Kritik, aber auch Lobhudelei. Aber im Moment tut sich ja wirklich viel, Thema Hoeneß. Aber die Bayern sind ohne wenn und aber der erfolgreichste Verein Deutschlands und deshalb zu Recht ein Dauerthema. Boateng hat auf der USA-Reise überzeugt. Auch mit Sanches scheint es einen neuen Anlauf zu geben. Beides ist sicher von dem kleinen Kader von 17 Spielern und den Schwierigkeiten bei den Transfers kaum zu trennen. Falls Hoeneß wirklich geht, frage ich mich, ob Salihamidzic weiter seinen Job behält? Ohne das alles jetzt zu bewerten: die Bayern scheinen vor der größten Veränderung seit Jahrzehnten zu stehen. Aber die Welt wird sicherlich nicht untergehen, es gibt genug gutes Personal, das die Bayern in das nächste Kapitel führen kann. Als Hoeneß "verhindert war" klappte es ja auch gut. Richtige Sorgen müssen sich die Bayern-Fans nicht machen. Ganz im Gegenteil wird es vielleicht wieder besser laufen, denn so ganz glatt lief es zuletzt ja nicht, siehe die letzten Transfers bzw. die nicht zustande gekommenen Transfers. Der deutsche Fußball braucht starke Bayern (vielleicht nicht zu stark....). Trotz aller Nebengeräusche sieht es nicht schlecht aus.
amasan 25.07.2019
3. Wenn man Unwahrheiten immer wiederholt
Kovac hat 2 neue Spieler gefordert, nicht 4. Roca und Sane werden wahrscheinlich kommen, damit ist da ein Haken dran :) Und warum soll Boateng nicht bleiben, wenn er wieder gute Leistungen zeigt, neu motiviert ist und damit Leben kann nicht Verteidiger #1 oder 2 zu sein? Allenfalls das hohe Gehalt ist aus Vereinssicht ärgerlich. Davies macht seine Sache als Linksverteidiger ganz gut, könnte der Hakimi dieser Saison werden, von daher sehe ich nicht mal den Bedarf hinten auch ohne Boateng. Als Bayernfan kann ich nur sagen, läuft! Die Vorbereitung hat mir sehr gut gefallen. Das lief alles wesentlich schneller mit mehr Zug zum Tor ab als in den 2 Jahren davor. Dazu Coman in beeindruckender Form, Davies pfeilschnell. Das haben wir gebraucht. Hoffentlich bleibt ersterer mal eine Zeit von Verletzungen verschont. Dann wird die Hinrunde ein Knaller.
_gimli_ 25.07.2019
4.
Zitat von taglöhnerVerstehe ich nicht, wieso bekommt der Mann keine Angebote? Mit dieser Extraklasse, Beliebtheit und seiner loyalen, professionellen Einstellung. 30 ist doch kein Alter für einen Innen dieser Brillianz.
Boateng ist für Spitzenmannschaften zu langsam geworden und anderen Mannschaften zu teuer. Der moderne Fussball wird immer schneller und athletischer. Mit 30 ist da für viele Spieler Schluss, Ausnahmen bestätigen die Regel.
zeisig 25.07.2019
5. Traumjob
"Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf". Was für ein Leben. Da spielst du eine grottenschlechte WM, da spielst du schlecht im Verein und sitzt nicht einmal mehr auf der Bank, sondern schaust das Spiel mit deinen Kindern auf der Tribüne. Aber das wird schon wieder, ein Verein wie der FCB läßt dich nicht hängen. Das finde ich einerseits lobenswert, aber im Falle Boateng - ich weiß nicht. Wenn man ihn schon behält, kann man so jemandem nicht einfach das Gehalt um die Hälfte kürzen? Das fände ich angemessen.
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