Nachruf auf Jimmy Greaves Ein Herz für Tore

Keiner hat in England mehr Tore geschossen: Einige Rekorde von Jimmy Greaves bestehen bis heute. Er war der Held der Fans – aber ausgerechnet den größten Moment im englischen Fußball verpasste er.
Jimmy Greaves in Aktion (Foto von 1968): Sechsmal war er der Torschützenkönig in England – Rekord bis heute

Jimmy Greaves in Aktion (Foto von 1968): Sechsmal war er der Torschützenkönig in England – Rekord bis heute

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Evening Standard/ Getty Images

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Ach ja, natürlich, die Geschichte mit dem Hund. So traurig der Anlass auch ist, so sehr muss sie jetzt noch einmal erzählt werden.

Es ist die Fußball-Weltmeisterschaft 1962, im Viertelfinale stehen sich England und Brasilien gegenüber, da läuft plötzlich ein Hund aufs Spielfeld. Das Tier lässt sich einfach nicht vertreiben, mehrere Spieler versuchen es vergeblich, bis sich Jimmy Greaves auf alle Viere niederlässt, sich dem Hund auf Augenhöhe nähert und ihn einfangen kann. Als er ihn in den Armen hält, pinkelt der Hund dem englischen Stürmer das Trikot voll, so muss er die Partie zu Ende spielen.

England verliert 1:3 und scheidet aus dem Turnier gegen den späteren Weltmeister aus, Greaves und seine Mitspieler gehen buchstäblich wie die begossenen Pudel vom Platz.

Garrincha, Brasiliens Superstürmer dieses Turniers, ist von der Geschichte so begeistert, dass er den Hund anschließend als sein Haustier adoptiert. Nicht nur in England kennt jeder bis heute Jimmy Greaves, auch in Brasilien.

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Greaves hatte also nachweislich ein Herz für Tiere, aber viel nachweislicher hatte er ein Herz für Tore. 357 Treffer gelangen ihm in der ersten englischen Liga, keiner hat je mehr erzielt. Sechsmal war er der Torschützenkönig in England, auch das hat vor ihm und nach ihm niemand geschafft, 1959, 1961, 1963, 1964, 1965, 1969.

Egal, für wen er spielte, er traf immer sofort in der ersten Partie: für Chelsea, für Tottenham, für West Ham, für die englische U23 und für die englische Nationalmannschaft. Er war in seiner Zeit Englands Gerd Müller.

Rekordspieler für Tottenham

Mit 81 Jahren ist Greaves am Sonntag gestorben. Welch wunderbare englische Mannschaft ist dort jetzt im Himmel vereint. Im Tor Ray Clemence, Nobby Stiles, der Aufräumer, Norman Hunter, der Beißer, Jack Charlton und Colin Bell, vorn sorgen Paul Mariner und Jimmy Greaves für die Tore. Sie alle sind in den vergangenen zwei Jahren verstorben, bloody Hell.

Große Namen, aber Greaves ragt noch aus ihnen hervor. Was für ein Torjäger! Allein bei Tottenham, seinem Herzensklub, bei dem er von 1961 bis 1970 321 Ligapartien absolvierte, traf er sagenhafte 220 Mal. Tottenhams jetziger Supertorjäger Harry Kane ist nun auch seit elf Jahren ein Hotspur, er kommt Greaves noch am nächsten mit 166 Toren aus 242 Spielen.

Zu den Spurs kam Greaves 1961 vom AC Mailand. Er spielte dort nur ein paar Wochen, er fühlte sich einfach in der Fremde nicht wohl, Aber auch, wenn Greaves sich nicht wohlfühlte, traf er: Bei Milan spielte er nur 14 Mal – und schoss dabei neun Tore. Tottenhams Manager Bill Nicholson verpflichtete den damals 21-Jährigen für die Ablöse von 99.999 britischen Pfund. Als Begründung für die ungewöhnliche Summe sagte der Manager damals, Greaves solle nicht gleich mit der Belastung antreten, er sei der erste 100.000-Pfund-Spieler in der englischen Liga.

Weltmeister – aber kein WM-Held

Wenn dies ein psychologischer Trick war, dann hat er in jedem Fall funktioniert. Bei Tottenham explodierte Greaves regelrecht, dreimal holte er sich mit den Spurs die Torjägerkrone, er gewann den FA Cup 1962 und ein Jahr später den Europapokal der Pokalsieger: 5:1 gegen Atletico Madrid, na klar, zwei Greaves-Tore dabei. Es war tatsächlich der erste europäische Titel für eine britische Mannschaft. Der Klub würdigte ihn am Sonntag mit dem Satz: »Football will not see his like again.«

Auch West Ham gedenkt des Torjägers Jimmy Greaves

Auch West Ham gedenkt des Torjägers Jimmy Greaves

Foto: DAVID KLEIN / REUTERS

Es gehört zu den Absonderlichkeiten dieser Karriere, die wie zugeschnitten war auf den Höhepunkt der Heim-WM 1966, dass sich Greaves zwar Weltmeister nennen darf, aber kaum jemand von ihm spricht, wenn man an die Helden von Wembley denkt. Greaves ging als Stammstürmer in das Turnier, alle Hoffnungen der Engländer ruhten auf der Treffsicherheit ihres Angreifers, und Greaves lieferte zunächst wie von ihm erwartet ab – drei Tore gingen auf sein WM-Konto.

Aber dann verletzte er sich im Spiel gegen Frankreich, nichts Schlimmes, aber er musste erst einmal aussetzen. Für ihn kam Geoff Hurst in die Mannschaft und rettete England mit seinem Tor im Viertelfinale gegen Argentinien. Trainer Sir Alf Ramsey entschied sich danach, Hurst im Team zu belassen, das war aus englischer Sicht nicht seine schlechteste Entscheidung.

Es gibt ein Foto aus dem Wembleystadion, da sitzt Greaves in Anzug und Schlips auf der englischen Bank, um ihn herum nichts als Jubel nach dem Finalsieg dank der Tore von Geoff Hurst. Greaves guckt mehr verwundert als glücklich. Erstaunt darüber, warum er nicht zum Finalhelden wurde.

Kampf mit dem Alkohol gewonnen

57 Länderspiele machte Greaves für die Three Lions, 44 Tore fielen dabei ab. Besser sind in der Geschichte Englands nur drei gewesen: Wayne Rooney, Bobby Charlton und Gary Lineker.

In den Siebzigerjahren ließ Greaves seine Karriere bei unterklassigen Vereinen langsam austrudeln, das Aufhören fiel ihm schwer, Greaves kam mit der Zeit nach der großen Karriere zunächst nicht klar, er fing an zu trinken, es dauerte Jahre, bis er den Kampf gegen den Alkohol gewonnen hatte. 1978 veröffentlichte er seine Biografie, die mit den Worten beginnt: »Ich bin Jimmy Greaves. Ich bin ein Profifußballer. Ich bin Alkoholiker.«

Und wieder war es, ähnlich wie bei Gerd Müller, der Fußball, der ihm half, wieder festen Boden zu gewinnen: Als TV-Experte und Sportmoderator wurde er ein bekanntes Fernsehgesicht, die Fußballshow Saint & Greavsie, in der er gemeinsam mit Ian St. John auftrat, war über Jahre populär.

2015 zog er sich nach einem schweren Schlaganfall aus der Öffentlichkeit zurück, er erholte sich davon nicht mehr zur Gänze.

Am Sonntagabend spielte Tottenham gegen Chelsea. Das ganze Stadion gedachte vor dem Spiel der Vereinslegende. Anschließend verloren die Spurs 0:3. Sie hatten einen Harry Kane. Sie hätten einen Jimmy Greaves gebraucht.

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