Neuer DFB-Kapitän Diese Großchance wird vergeben

Manuel Neuer wird aller Wahrscheinlichkeit nach zum neuen Kapitän der Nationalelf ernannt. Das ist eine gute Lösung. Aber nicht die beste.

Nationaltorwart Manuel Neuer
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Nationaltorwart Manuel Neuer

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Bastian Schweinsteiger hat gesagt, er wisse noch nicht, an wen er die Kapitänsbinde am Abend bei seinem Abschiedsspiel weiterreichen werde. Aber das stimmt natürlich nicht. Er weiß das genau, und mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit wird der 32-Jährige noch einmal den langen Weg von der Mittellinie bis zum eigenen Tor auf sich nehmen, um Manuel Neuer die Binde überzustreifen.

Neuer war schon bei der Europameisterschaft der faktische Kapitän, wegen Schweinsteigers zahlreicher Verletzungsprobleme führte er die Mannschaft in sechs von sieben EM-Partien aufs Feld. Nur beim Halbfinal-Aus stand Schweinsteiger noch einmal in der Startformation. Von daher ist die vermutliche Kür Neuers zum neuen Spielführer nicht nur eine logische Lösung, sondern zweifellos auch eine verlässliche. Neuer ist eine unbestrittene Führungsfigur im Team, er stand im Unterschied zu Schweinsteiger in der Vergangenheit fast immer zur Verfügung. Dennoch hätte es auch eine andere Entscheidung geben können.

Das Kapitänsamt hat im Fußball viel von seiner Bedeutung eingebüßt, die Profis sind mündiger, auf dem Platz selbstständiger geworden, sie sind mannschaftstaktisch schon in jungen Jahren bestens ausgebildet. Da braucht es gerade in der Nationalmannschaft keinen mehr, der in der Kabine vor dem Spiel den Teamkollegen sagen muss, wo es lang geht. Die Kapitänsbinde hat heute mehr symbolische Bedeutung bekommen - und ein DFB-Kapitän Jérôme Boateng wäre eine Symbolfigur gewesen.

Boateng ist zuletzt nicht nur sportlich in die allererste Garde aufgerückt, er ist auch außerhalb des Platzes einer der bekanntesten Fußballer Deutschlands geworden. Die Attacken aus der rechten Ecke der AfD auf die Nationalspieler, deren Eltern aus anderen Ländern nach Deutschland eingewandert sind, haben sich immer wieder auf ihn fokussiert. Bei der unsäglichen Nachbar-Debatte, angestoßen von AfD-Vize Alexander Gauland, stand er im Mittelpunkt. Das ist im Jahr 2016 zwar ziemlich traurig, aber Boateng polarisiert immer noch, auch wenn er es gar nicht will.

Ihm jetzt die Kapitänsbinde wie selbstverständlich zu überantworten, wäre deutlicher als die üblichen Bekenntnisse ein Signal gewesen, wie wenig man sich in der Nationalmannschaft um nationale Töne schert. Seht her, so normal ist es in diesem Deutschland von heute, dass die Nationalmannschaft von einem Kapitän mit dunkler Hautfarbe angeführt wird.

Boateng selbst hat in den vergangenen Monaten mehrfach betont, dass er das Kapitänsamt sehr gerne übernehmen würde, dass er es gar als eine Ehre betrachte. Löw und der DFB hätten diese Vorlage aufnehmen können. Manuel Neuer hätte das sicher verstanden.

So aber wird wohl wieder einmal die Nummer sicher gefahren. Der Bundestrainer hat bei der EM oft über die mangelnde Chancenauswertung seines Teams geklagt. Er ist gerade dabei, selbst eine Großchance zu vergeben.



insgesamt 106 Beiträge
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ozapftis 31.08.2016
1. Neuer die richtige Wahl
Manuel Neuer ist zusammen mit Buffon der bekannteste Torhüter auf der Welt und gilt als Bester seines Faches. Er hat Charisma. Er ist redegewandt. Er ist unumstrittene Nummer 1 im Tor. Wie kann man diese Wahl infrage stellen? Fußball ist Fußball - keine Politik.
ktomy69 31.08.2016
2. volle Zustimmung!
Das hätten wir jetzt wirklich gebraucht ...
vodihagen 31.08.2016
3. reine Spekulation
Mich ärgern diese haltlosen Spekulationen in der Medienlandschaft! Schade das sich spon demn nun auch anschließt! Soll Löw unter Druck gesetzt werden oder was soll das? Warum kann die Presse sich nicht einfach zurückhalten oder zumindest ganz wertfrei aulisten, wer für die Kapitänsbinde in Frage kommen würde!! Boateng würde auch ich für eine gute Lösung halten, es könnte aber ebenso gut Hummels sein! Warten wir doch einfach den heutigen Abend ab.
hal5000 31.08.2016
4.
Ich schätze Boateng und hätte keinerlei Problem damit, ihn als Kapitän der NM zu sehen. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass, bezogen auf Status, Verdienst und fußballerischer Gesamterscheinung, Neuer die bessere Wahl ist. Zumal Neuer, im Gegensatz zu Boateng, keinen subtilen Druck aufzubauen versuchte, um die Entscheidung in seinem Sinn zu beeinflussen. Insofern hat Löw keine Großchance vegeben, sondern eine genutzt. Nämlich die, sich nicht einer PC und damit einhergehenden positiven Diskriminierung zu beugen und nach sachlichen statt nach politischen Erwägungen zu handeln.
thrust26 31.08.2016
5. Och nö
Auch wenn ich Boateng gerne als Kapitän gesehen hatte: Man muss doch aus alles und jedem ein politisches Symbol machen. Das nutzt sich allzu schnell ab. Außerdem braucht der Fußball keine Symbolpolitik sondern sollte sich lieber mal wirklich um rechtsradikale, rassistische "Fans" kümmern. Von der Kreisklasse aufwärts bis in die Bundesliga.
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