Peter Ahrens

Bundestrainer-Entscheidung Weiter so, Deutschland. Weiter so, Löw

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Der DFB hat also entschieden: Er setzt die Arbeit mit Joachim Löw als Bundestrainer fort. Das ist wahrlich keine Entscheidung des Aufbruchs. Falsch muss sie dennoch nicht sein.
Joachim Löw, der ewige Bundestrainer

Joachim Löw, der ewige Bundestrainer

Foto: Michael Sohn / AP

Der Deutsche Fußball-Bund kann einen also doch noch überraschen. Seit dem 0:6-Fiasko von Sevilla hatte der DFB über Tage kommuniziert, am Freitag, den 4. Dezember, werde das Präsidium über die Zukunft von Joachim Löw und der Nationalmannschaft befinden. Nun fiel die Entscheidung einfach ein paar Tage früher. Wie sie ausgefallen ist, das allerdings fällt dann eher unter die Kategorie: erwartbar.

Joachim Löw darf weitermachen, mindestens bis zur Europameisterschaft 2021 im Sommer, im Erfolgsfall dort möglicherweise auch noch ein Jahr länger. Sein gültiger Vertrag läuft schließlich noch bis 2022, und eine vorzeitige Entlassung durch den Verband mit der damit verbundenen hohen Abfindung galt angesichts der zuletzt finanziellen Probleme im DFB ohnehin als sehr unwahrscheinlich.

Es lag demnach in den Händen des Bundestrainers selbst. Er hätte angesichts des gewaltigen öffentlichen Missbehagens, das nach dem Spanienspiel über ihn hereinbrach, von selbst sagen können: Leute, das muss ich mir nicht antun, ich reite in den Sonnenuntergang. Aber so ist Joachim Löw eben nicht. Er glaubt nach wie vor, dass er mit dieser Mannschaft noch etwas Großes erreichen kann. Er glaubte auch, dass er nach dem WM-Desaster von 2018 der Mann für den Neuanfang war. Er glaubt einfach, dass er, der Weltmeistertrainer, grundsätzlich der Richtige ist. Und vielleicht kann er sich auch gar nichts anderes mehr vorstellen. Nach 16 Jahren beim DFB.

Entscheidung halb richtig, halb falsch

»Ein einzelnes Spiel kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein.« Das ist vermutlich der zentrale und gleichzeitig angreifbarste Satz der Erklärung, mit der der DFB am Nachmittag seinem Bundestrainer den Rücken gestärkt hat. Auf der einen Seite stimmt er: Vor dem 0:6 haben nur ein paar Außenseiter den Rücktritt von Löw verlangt, stattdessen konnte Löw auf seine Bilanz verweisen, 2020 noch ungeschlagen zu sein, die Qualifikation für die EM im Jahr zuvor souverän bestritten zu haben – und nicht zuletzt durch die handstreichartige Ausbootung der drei Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérome Boateng seinen Willen zu einem Umbruch aller Welt deutlich gemacht zu haben.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Zur anderen Hälfte gehört der Umstand, dass die Elf ihre Defensivprobleme auch in den Spielen nicht in den Griff bekommen hat, in denen sie nicht verlor. Dass diese Mannschaft schon lange keinen begeisternden Fußball mehr gespielt hat. Dazu gehört, dass vor allem Müller, aber auch Hummels ihre Form seitdem wieder auf hohem Niveau stabilisierten, was gewissermaßen Pech für Löw ist, weil seine Entscheidung vom Frühjahr 2019 im Herbst 2020 plötzlich ganz anders wahrgenommen wird. Und dazu gehört, – und das ist wohl am gravierendsten – dass die Nationalmannschaft zuletzt nur noch unter einem Grauschleier wahrgenommen wird.

Also war jede Entscheidung des DFB, die er zu fällen hatte, eine Güterabwägung. Jede Entscheidung konnte nur halb richtig sein, aber eben auch nur halb falsch. Mutlos und mutig zugleich. Eine Irgendwie-Entscheidung, um ein Lieblingswort des Bundestrainers aufzunehmen.

Wenn man es ernst mit dem Neuaufbau nimmt, dann sind Rückschläge eigentlich eingepreist. Aber sie dürfen eben nicht dermaßen ausfallen, dass Statistiker bis in die frühen Dreißigerjahre zurückgehen müssen, um ein ähnliches Fiasko in ihren Chroniken zu finden. Bei einem 0:3 hätte man gemurrt, dann wäre es so weitergegangen. Aber es war ein 0:6, das auch ein 0:10 hätte sein können. Da fällt das Weitergehen schon deutlich schwerer.

Kein Nachfolger mit Strahlkraft in Sicht

So bekommt Joachim Löw eben noch einmal seine Gelegenheit, und gleichzeitig hat der Verband Zeit gewonnen, ab sofort die Suche nach einem geeigneten Nachfolger zu beginnen. Denn auch das gehört zum Verständnis dieser Entscheidung dazu: Letztlich hätten sich zu diesem Zeitpunkt lediglich die DFB-Angestellten Stefan Kuntz und Marcus Sorg für diesen Job ernsthaft angeboten, den Grauschleier hätte man damit kaum wegbekommen.

Alles, was Strahlkraft gehabt hätte, hätte nicht zur Verfügung gestanden: Kein Klopp, kein Tuchel, kein Nagelsmann, auch kein Flick. Das kann im nächsten Jahr schon anders aussehen. Eine Lösung mit einem international renommierten Coach aus dem Ausland traut man dem DFB ohnehin nicht zu. Was gar nicht unbedingt nur am Verband liegen muss, sondern mindestens genauso an den Beharrungskräften in der Öffentlichkeit.

Die Entscheidung von heute ist keine des Aufbruchs. Es ist eine Entscheidung des Weiter so. Was der Witz an all dem ist: Vielleicht ist es am Ende sogar die richtige Entscheidung gewesen.