Abschied von Ex-Bundestrainer Löw Er war der Beste für seine Zeit

Mit Verspätung verabschiedet der DFB Joachim Löw. Es ist die Gelegenheit, das Wirken des Ex-Bundestrainers mit Abstand zu betrachten. Und zu würdigen, wie viel er in 15 Jahren für den deutschen Fußball getan hat.
Aus Wolfsburg berichtet Peter Ahrens
WM-Helden Bastian Schweinsteiger, Joachim Löw nach dem Titelgewinn in Rio 2014

WM-Helden Bastian Schweinsteiger, Joachim Löw nach dem Titelgewinn in Rio 2014

Foto: Srdjan Suki/ dpa

In Wolfsburg gegen Liechtenstein. Mit Verlaub, das wird ihm nicht gerecht. Es müsste gegen Argentinien sein, gegen Brasilien, Frankreich oder Italien, gegen eine der großen Fußballnationen, gegen die Joachim Löw seine Triumphe feierte oder seine großen Niederlagen kassierte. Es sollte San Siro sein oder das Maracanã oder Wembley oder zumindest Dortmund oder München. Oder Freiburg.

Ein Rahmen, der würdig wäre, Joachim Löw zu verabschieden.

So wird es heute Abend aber Liechtenstein in Wolfsburg (20.45 Uhr/TV: RTL). Es ist eine kleine Bühne geworden, die der DFB seinem 15-Jahre-Bundestrainer bereitet. Das passt zu seinem Abgang im Sommer. Ein frugales Achtelfinal-Aus bei der EM gegen England, Deutschland verabschiedet sich still und leise von dem Turnier durch die Hintertür, Joachim Löws Rücktritt, Monate vorher angekündigt, war kaum mehr als eine Vollzugsmeldung.

Am Ende nur noch als Hemmschuh wahrgenommen

Von 2004 bis 2021 war Löw beim DFB, erst als Assistent, dann als Cheftrainer, was für eine Spanne, er ist darüber alt geworden, das Jungenhafte, das ihn über so viele Jahre begleitet hatte, war am Ende verschwunden. Löw wirkte bei der EM im Sommer nicht ausgebrannt, man merkte ihm an, dass er noch einmal etwas bewegen, es den Leuten beweisen wollte. Sein Abschied sollte angemessen sein, aber es blieb beim Wollen.

Löw begann 2004 als Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und galt als taktischer Kopf im Hintergrund

Löw begann 2004 als Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und galt als taktischer Kopf im Hintergrund

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Löw hat auch immer von seiner Aura gelebt. Aber nun hatte er sie verloren. Als er ging, klang der Großteil der Würdigungen so, als habe man seine Verdienste eher pflichtgemäß zu loben: Joachim Löw hat Großes geleistet. Und dann kam schon das Aber.

Es liegt, auch wenn das ein großes Wort ist, eine gewisse persönliche Tragik darin, dass Löw in der Öffentlichkeit am Ende nur noch als Hemmschuh der Entwicklung gesehen wurde. Wobei er doch selbst ihr Motor war und diese Mannschaft, auch diesen Verband so viele Jahre nach vorn getrieben, auch vor sich hergetrieben hat.

Endlich frische Luft

Der Joachim Löw der Jahre 2004 bis 2014 hat die Nationalmannschaft verändert, grundlegend, er hat, auch das kann man sagen, den Fußball in Deutschland verändert. Dass die DFB-Elf zwischenzeitlich als eine gesellschaftliche Impulsgeberin wahrgenommen wurde, als Herzensangelegenheit, als eine Mannschaft, die sich abhob von der Wurstigkeit des Verbandes, stattdessen modern, multikulturell, integrativ, das ist Löws Wirken zu verdanken.

Es war die Zeit, in der man der Nationalelf gern zusah. Auch diejenigen, die sonst wenig oder gar nichts mit dieser Mannschaft verbinden. Löw hatte den Mief vertrieben, gelüftet, das Fenster aufgerissen, endlich frische Luft.

Dabei schien er Anfang 2010 schon am Ende. Als der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger seinen Vertrag nicht verlängern wollte und der Bundestrainer darüber so verärgert war, dass er nah daran war, alles hinzuwerfen. Im Nachhinein war dieser Krach das Beste, was dem deutschen Fußball passieren konnte.

Danach war Löw absolut klar: Von diesem Verband ist wenig zu erwarten, also machen wir bei der Nationalmannschaft nur noch unser eigenes Ding. Der Auftritt der Mannschaft in Südafrika war das Resultat: Das Beste, das am meisten Begeisternde, was diese Nationalelf in den vergangenen Jahrzehnten zu bieten hatte. Es war zugleich der Höhepunkt der Entfernung zwischen Nationalelf und DFB. Es war Löws Werk, es war Löws WM. Viel mehr noch als der Triumph von Rio vier Jahre später.

Brasilien 2014 war dann nur die Vollendung dieser Entwicklung. Es gibt immer noch Leute, die behaupten, Deutschland sei in jenem Jahr nicht wegen, sondern trotz Löw Weltmeister geworden. Das ist ausgemachter Quatsch.

Er wurde zum Sonderling

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten, dass genau darin, in diesem Erfolgsweg, auch der Grundstein von Löws Abstiegs gelegt war. Dass er am Ende von den meisten nur noch als entrückt beschrieben wurde, hatte hier seinen Ursprung.

Löw, der Alleinentscheider, Löw, der am besten weiß, was zu tun ist – das war sein Erfolgsrezept. Sturheit war für ihn kein Makel, es war seine Qualität. Irgendwann wandte sie sich gegen ihn. Er durfte und konnte seine Schrullen ausbilden, seine Eigenheiten. Zuletzt war er nicht nur Bundestrainer, er war auch ein Stück weit ein Sonderling geworden. Sein Rückzugsort Freiburg wurde zur Eremitage.

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Wer ihn über die vielen Jahre beobachtet, begleitet hat, konnte das allein an den Pressekonferenzen ablesen. Löw mochte man immer gern zuhören, wie banal das auch sein mochte, was er erzählte. Er erzählte es gut. Kraftvoll, unterhaltsam. Irgendwann jedoch ist es gekippt, die Löw-Auftritte wurden Pflichtübungen, uninspiriert. Am Ende konnte man ihn nicht mehr hören.

Bei seinen Spielern war es offenbar anders: Löw hat 15 Jahre lang den wichtigsten Job im deutschen Fußball bekleidet. Aber bis heute gibt es kaum einen Spieler, der schlecht über ihn redet. Und das in einer Branche, in der die üble Nachrede weitverbreitet ist. Selbst der von ihm mit ungeahnter Härte aussortierte Michael Ballack hat irgendwann seinen Frieden mit ihm gemacht.

Löw ist immer Mensch geblieben, trotz all des Drucks, nach innen, ja, durchaus warmherzig. Das allein ist bereits eine Leistung.

Zwischen 2010 und 2014 hat Löw diese Mannschaft auf einen Höhepunkt geführt, Özil, Götze, Klose, Neuer: Die Spielfreude, die von diesem Team ausging, gerade in den Jahren von 2010 bis 2012, das war neu, das hatte es vermutlich seit 1972, seit Netzer, Beckenbauer und Müller nicht gegeben. Das 4:1 gegen England, das 4:0 gegen Argentinien, eine Explosion, eine fast brutale Vernichtung des Rumpelfußball-Images, das 6:2 gegen Österreich in der EM-Qualifikation, die deutsche Mannschaft war das weiße Ballett. Und Löw war ebenso Bundestrainer wie Ballettmeister.

Wer war der Beste? Egal

Hansi Flick hat gesagt, Löw sei der beste Bundestrainer, den Deutschland je hatte. Das ist sehr freundlich vom netten Herrn Flick. Aber ist Löw der Bessere als der herzensgute Helmut Schön, der 1972 die langmähnigen wilden Gladbacher und Bayern von der Leine ließ und zwei Jahre später Weltmeister wurde? Besser als Beckenbauer, der 1990 mit Matthäus, Völler, Littbarski, Buchwald und Co. die Mannschaft hatte, die mit unbändigem Siegeswillen zum Titel stürmte? Besser als der Chef, Sepp Herberger? Wer will das beurteilen? Man muss das überhaupt nicht beurteilen.

Eine Zeit lang zumindest war Löw der Beste, den dieses Land haben konnte.

Viele haben gesagt, Löw hätte nach der WM 2014, auf dem Höhepunkt seines Ansehens, aufhören sollen. So wie es sein cleverer Kapitän Philipp Lahm getan hat. Es wäre vermutlich klug gewesen, man würde heute ganz anders auf ihn schauen. Aber eines wäre es noch gewesen: bequem. Auf dem Zenit abzutreten, das wird immer noch als bewundernswerte Leistung gewürdigt, als besonders honorig. So wie Beckenbauer es 1990 getan und gleichzeitig dem Nachfolger den schwerstmöglichen Rucksack auf den Weg gegeben hat.

Löw hat 2014 auch lange überlegt, sich dann fürs Weitermachen entschieden. Und damit für den weit unbequemeren Weg, einen Titel zu verteidigen, eine Mannschaft auf einem Niveau zu halten, auf das er sie selbst geführt hat. Er ist daran gescheitert, aber er hat es versucht.

Joachim Löw hat Großes geleistet. Kein Aber.

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