Bundestrainer Löw »Ich saß da und dachte: Jetzt bin ich so allein«

Den Trainer der deutschen Fußballnationalelf kennen hierzulande so ziemlich alle. Wie es aber in Joachim Löw aussieht? In einem Interview mit der »Zeit« spricht er über schwierige Momente – und wird sehr konkret.
Joachim Löw: »Das ist der Preis dieses Lebens als Bundestrainer«

Joachim Löw: »Das ist der Preis dieses Lebens als Bundestrainer«

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Joachim Löw hat ausführlich über Last und Leere in seiner Amtszeit als Fußball-Bundestrainer gesprochen. Selbst nach seinem größten Triumph, dem WM-Titel 2014, sei er »nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung« gewesen, sagte Löw im Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit« : »Nach jedem Turnier ist da eine Leere.«

In seinem angemieteten Haus auf Sardinien habe er damals viel nachgedacht. »Ich saß da und dachte: Jetzt bin ich hier so allein, wo sind meine Leute, wo ist mein Team, wo sind meine Spieler, wo sind die Ziele?« Damals sei sein Berater zu ihm gestoßen. »In was für einer Stimmung bist du denn?!«, habe er gesagt: »Du bist doch Weltmeister! Und machst hier den Anschein, als würde die Welt untergehen!«

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Auch nach dem historischen 7:1 im WM-Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien habe er Einsamkeit gespürt. »Es war vielleicht das schönste Spiel meiner Karriere, aber es war für mich als Trainer zu viel«, sagte Löw.

Besonders zugesetzt haben ihm schwierige Personalentscheidungen. Es sei furchtbar gewesen, altgedienten Spielern mitzuteilen, dass sie nicht mehr zum Team gehören: »Natürlich berührt mich das, sehr sogar. Manchmal liege ich nachts wach. Ich bin doch auch ein Mensch.« Löw hatte 2019 die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng ausgemustert, Müller und Hummels inzwischen aber zurück in seinen Kader geholt.

»Ich habe mir so etwas wie einen Panzer zugelegt«

Dieses »Wellenbad der Gefühle« habe ihn »verschlossener« gemacht, bilanziert Löw: »Das ist der Preis dieses Lebens als Bundestrainer. Ich habe mir so etwas wie einen Panzer zugelegt. Vor allem, als mir so richtig bewusst wurde, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein.«

An manchen Tagen sei das »eine schwere Belastung, da sehne ich mich nach Anonymität. Leider gelingt es mir nicht immer, diesen Panzer im privaten Leben einfach abzulegen«. Richtig glücklich, so Löw, sei er zuletzt ganz am Anfang seiner Trainerlaufbahn gewesen, »bei der Amateurmannschaft. Da war die Freude am reinsten«.

Löw sprach auch über die Zeit nach der bevorstehenden Europameisterschaft (11. Juni bis 11. Juli), nach der er seine 15-jährige Amtszeit als Bundestrainer beenden wird. Er habe davor zwar keine Angst. »Ich stelle es mir erst mal erleichternd vor, Verantwortung abzugeben, zumindest für eine gewisse Zeit. Verantwortung ist manchmal schon eine Last. Ich freue mich auf eine gewisse Freiheit. Es wird neue Aufgaben geben, aber wahrscheinlich muss ich die Leere erst mal zulassen. Ich werde Zeit brauchen, um mich nach 17 Jahren bei der Nationalmannschaft emotional freizumachen.«

mon/sid
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