Zoff zwischen Löw und Keller Von der Trainer- direkt zur Präsidentendebatte

Plötzlich angriffslustig: Bundestrainer Joachim Löw geht gestärkt aus dem Kampf um seine Zukunft beim DFB hervor. Der Verlierer scheint ein anderer zu sein: der irrlichternde Präsident Fritz Keller.
DFB-Präsident Fritz Keller: »Es ging hoch her«

DFB-Präsident Fritz Keller: »Es ging hoch her«

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Patrick Seeger / dpa

Joachim Löw hat die Lage wieder im Griff. Nach dem 0:6 gegen Spanien wurde heftig spekuliert, ob der Bundestrainer vielleicht seinen Job verlieren könnte. Inzwischen ist klar: Er bleibt im Amt. Der Weltmeistercoach von 2014 wird sich in den nächsten Monaten in seiner Heimat Freiburg zurückziehen und in aller Ruhe den Auftritt der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im kommenden Juni vorbereiten.

Für einen anderen Freiburger werden die nächsten Wochen hingegen unangenehm. Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), muss sich fragen lassen, ob er für das Amt eigentlich geeignet ist.

Zwischen dem Winzer aus dem Breisgau und Löw kam es am Montag zu einem heftigen Krach. Die beiden Männer hatten sich in der DFB-Zentrale in Frankfurt zu einem Gipfel-Treffen verabredet. In Anwesenheit des Präsidialausschusses des DFB diskutierten Keller und Löw über die Frage, wie es mit der kriselnden Nationalmannschaft weitergehen soll. Löw soll Keller im Zuge der Debatte massiv angegriffen haben. Der Bundestrainer habe dem Verbandschef sinngemäß vorgehalten, so berichten Beobachter dem SPIEGEL, er fühle sich von ihm hintergangen.

Löw fühlte sich vorgeführt

Der Grund: Keller hatte Löw nach dem 0:6 gegen Spanien offenbar zugesagt, ihm trotz der Blamage beizustehen. In einer Pressemitteilung ließ der Präsident am Tag nach der Klatsche in Sevilla dann tatsächlich verbreiten, er stehe voll und ganz hinter den Spielern der Nationalmannschaft, der eingeschlagene Weg mit jungen Akteuren sei genau der richtige. Der Name des Bundestrainers war in der Erklärung jedoch nicht erwähnt.

Das Statement, das offenbar nicht mit anderen Mitgliedern des DFB-Präsidiums abgesprochen war, ging per Mail an die Medien – und schlug ein wie eine Bombe. Sofort wurde über eine mögliche Entlassung Löws oder einen Rücktritt des Bundestrainers spekuliert. Als es dann auch noch hieß, Löw habe dem DFB-Präsidium bei einer turnusgemäßen Sitzung am 4. Dezember eine Analyse des Blackouts von Sevilla vorzulegen, wirkte es, als sei er ernsthaft angezählt.

Da sah die Welt noch anders aus: Bundestrainer Löw und Präsident Keller Ende November 2019

Da sah die Welt noch anders aus: Bundestrainer Löw und Präsident Keller Ende November 2019

Foto: Simon Hoffmann / UEFA via Getty Images

Löw fühlte sich vorgeführt. Auch, so erzählen es Vertraute, sei er erbost gewesen, dass er sich überhaupt erklären musste. Um die Spekulationen in den Medien und bei den Fans zu beenden, drängte der Bundestrainer auf eine schnelle Klärung der Situation. So kam es zu dem vorzeitigen Treffen mit Keller und weiteren DFB-Funktionären am Montag.

Löw sei bei der Unterredung in der Bibliothek der DFB-Zentrale sehr emotional, aber auch selbstbewusst aufgetreten, berichten Insider. »Es ging hoch her.« Keller sei von der Vehemenz des Bundestrainers überrascht worden. Laut »Bild«-Zeitung soll der Präsident versucht haben, dem wütenden Coach die Zustimmung abzuringen, nach der EM zurückzutreten. Löw, dessen Vertrag bis 2022 läuft, soll dies abgelehnt haben.

Nach dem Schlagabtausch zwischen Löw und Keller wurden die Mitglieder des DFB-Präsidiums zugeschaltet. Am Ende der Sitzung wurde wieder eine Pressemitteilung verfasst. Diesmal eine, die besser abgesprochen war. Darin wurde Löws Arbeit überschwänglich gelobt. Die Führung des DFB sei sich sicher, hieß es nun, der Weltmeistercoach von 2014 werde mit seinem Team eine »begeisternde EM« spielen. Hipp Hipp Hurra.

Löw hatte mit Keller Tacheles geredet – und sich durchgesetzt. Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der Löw vor dem 0:6 gegen Spanien mit einem Interview indirekt zur Diskussion gestellt hatte (Er sagte: »Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit.« Dabei läuft Löws Vertrag noch bis 2022), soll von Löw kritisiert worden sein. Es heißt, er habe sich bei Löw entschuldigt.

Der ewige Bundestrainer, den die meisten Fans laut Umfragen nicht mehr für den Richtigen auf dem Posten halten, geht gestärkt aus der Sache hervor. Er macht einfach weiter. Und Keller?

Ein weiterer seltsamer Auftritt

Am Mittwochmittag gab der Präsident in Frankfurt eine große Pressekonferenz. Sehr viele Medienvertreter hatten sich zugeschaltet. Alle wollten etwas zu dem Streit mit Löw erfahren. Eine Sprecherin verkündete jedoch, der Präsident werde sich dazu nicht äußern. Stattdessen referierte Keller über die wichtige Arbeit der ehrenamtlichen Helfer bei den Klubs in Zeiten von Corona. Er wolle nicht über das 0:6 von Sevilla sprechen, »auch, wenn das wohl reizvoll für den ein oder anderen wäre«, sagte Keller. Er wolle vielmehr über die »Heldinnen und Helden« im Ehrenamt reden, um ihnen die Plattform zu geben, die sie verdienen. Es wirkte trotzdem, als stünde da einer im stürmischen Regen, tue aber so, als würde die Sonne scheinen.

Es war ein weiterer seltsamer Auftritt eines Mannes, von dem langsam niemand mehr weiß, wofür er steht. Keller, seit über einem Jahr DFB-Präsident, übernahm das Amt von Reinhard Grindel, der nach etlichen Affären gehen musste. Keller, langjähriger Präsident des SC Freiburg, schien genau der Richtige zu sein, um den vom Sommermärchenskandal beschädigten DFB wieder in die Spur zu bringen. Der 63-Jährige ist ein erfolgreicher Unternehmer. Auf seinem Weingut in der Nähe von Freiburg, so hört man, tritt er als Alleinherrscher auf. Was der Chef sagt, wird gemacht.

Im weitverzweigten DFB-Imperium, in dem viele Alphatiere mitregieren wollen, wirkt Keller jedoch mitunter verloren, ohne Orientierung. Seit Monaten liefert sich der Präsident einen Machtkampf mit Generalsekretär Friedrich Curtius. Kürzlich sprach Keller Franz Beckenbauer ohne jeden Grund von dessen Verantwortung in der Sommermärchenaffäre frei. Es hagelte Kritik von allen Seiten.

Grandios gescheitertes Manöver

Auch Kellers Vorgehen bei der Personalie Löw sorgt jetzt bei manchen DFB-Funktionären für Kopfschütteln. Beobachter berichten, der Präsident habe nach der Blamage in Sevilla zu keiner Zeit wirklich den Plan verfolgt, Löw kurzfristig aus dem Amt zu drängen. Dass sich Keller aber nicht öffentlich hinter den Bundestrainer stellen mochte, stattdessen mit einer luftigen Pressemitteilung die Spekulationen schürte, scheint dem Umstand geschuldet zu sein, dass der DFB-Boss sein Schicksal nicht mit dem Löws verknüpfen wolle. So deuten es Verbandsinsider. Mit einer gewissen Distanz zu dem umstrittenen Coach wolle Keller vermeiden, im Falle eines Misserfolgs bei der EM in Mithaftung genommen zu werden.

Wenn das tatsächlich der Plan war, ist das Manöver grandios gescheitert. Am Freitag tagt das DFB-Präsidium. Löw wird dann kein Thema mehr sein – wohl aber der irrlichternde Präsident.