Peter Ahrens

Löw nach dem DFB-Debakel Seine letzte Chance

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Nach dem Desaster von Sevilla wächst der Druck auf Joachim Löw. Sein sofortiger Rücktritt würde jedoch wenig bringen – weil die Krise der Nationalmannschaft nicht vor allem eine sportliche ist.
Joachim Löw hätte sich in Sevilla am liebsten komplett hinter der Maske versteckt

Joachim Löw hätte sich in Sevilla am liebsten komplett hinter der Maske versteckt

Foto: MARCELO DEL POZO / REUTERS

Man muss der Uefa sehr dankbar sein für die Einführung dieser Nations League. Sportlich ist die Bedeutung dieses Wettbewerbes zwar eher zweifelhaft, aber als Augenöffner macht er einen großartigen Job.

Bei seiner ersten Auflage 2018 war es ein 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande, das allen und selbst dem Bundestrainer klarmachte: So kann es nicht weitergehen. Zwei Jahre später erfüllt das desaströse 0:6 gegen Spanien vom Dienstagabend dieselbe Aufgabe.

Nach einem solchen Spiel Joachim Löw anzuzählen, ist sehr einfach. Es gibt auch bereits die ersten medialen Reaktionen, die seinen sofortigen Abgang fordern.  Angesichts des Fiaskos von Sevilla ist das ein nachvollziehbarer Reflex. Der aber nicht die Frage beantwortet: und was dann?

Tatsächlich hat die Mannschaft in Sevilla ein erschütternd schlechtes Bild abgegeben, die spanische Auswahl hat dieses Team sportlich gedemütigt. Vor allem aber hat sich die DFB-Elf von Anfang bis Ende demütigen lassen. Es war ein armseliger Auftritt, so miserabel, dass er nachhallen wird. Das war gegen die entfesselten Spanier eben keine deutsche B-Elf, wie man sie zuletzt so häufig auflaufen sah. Das war bis auf den verletzten Joshua Kimmich und den positiv getesteten Kai Havertz Löws derzeit bestes Aufgebot, das sich dermaßen herspielen ließ.

Personaldebatte ist absehbar

Die Personaldebatten, die jetzt losgetreten werden, sind vorhersehbar. Wichtiger aber, ob Thomas Müller, Mats Hummels, Mario Götze oder wer auch immer in dieses Team zurückkehren, wird sein, ob die Rückkehr des alten Joachim Löw in die Mannschaft gelingen wird. Und ob das überhaupt noch möglich ist.

Die Ursachen für die Krise dieser Nationalmannschaft, sie liegen tiefer, sie liegen Jahre zurück. Das macht es so schwierig, dieses Spiel mit einem Federstrich als Ausrutscher abzutun. Die Krise hat mit dem Selbstbild dieser Mannschaft zu tun, das auch das Selbstbild ihres Trainers und ihres Managers ist.

»Man kann den Jogi und mich gerne kritisieren«, hat Manager Oliver Bierhoff in seinem Dunkle-Wolken-Rundumschlag in der Vorwoche etwas generös gesagt. Dann nehmen wir ihn mal beim Wort und tun das.

In der Nationalmannschaft hat sich nach dem WM-Titel von 2014 eine fatale Selbstzufriedenheit eingenistet, eine Selbstzufriedenheit, die selbst das Vorrundenaus bei der WM 2018 nicht nachhaltig hat erschüttern können. Nach dem Russlanddebakel war viel von einer radikalen Fehleranalyse die Rede gewesen. Aber diese Analyse war allein verbalradikal, sie ging, zumindest soweit sie öffentlich kommuniziert wurde, niemals an die Wurzel.

Mehr Dax-Konzern als Fanfußball

Die Wurzel – das ist die über Jahre betriebene Abkoppelung von den Fans, das ist das Verlassen der Bodennähe einer Nationalmannschaft, die vielen mittlerweile mehr vorkommt wie ein Dax-Konzern als eine Fußballvereinigung. Das hat viel mit Bierhoff zu tun, der die Mannschaft als Marke positioniert hat, mit ihm als einer Art CEO.

Aber es ist inzwischen eine Marke, die rasant ihre Kundschaft verliert. Weil die Leute keine Lust mehr auf Fußball als Markenprodukt haben. Ihrem Verein verzeihen sie das noch, einer Nationalmannschaft nicht mehr. Das alles dazu unter den Rahmenbedingungen einer Zeit, die es grundsätzlich schwer genug macht, so etwas wie Fußball zu feiern.

Bierhoff hat gesagt, die Zuneigung zurückzuholen, ginge nur über Ergebnisse. Auch deswegen haben Löw und er zuletzt fast mantraartig auf das 6:1 gegen Nordirland zum Abschluss des Vorjahres hingewiesen, als Fans und Team wieder eine Einheit hergestellt zu haben schienen. Aber es war eine Scheineinheit, eine Augenblicksversöhnung. Und Nordirland war ein Team, das sich selbst für eine EM, bei der 2021 Finnland, Nordmazedonien und Schottland dabei sein werden, nicht qualifizieren konnte.

Geht es nur über Ergebnisse?

Schauen wir uns demnach mal die Ergebnisse dieses Jahres an: Die Nationalelf hatte in den sieben Partien 2020 vor dem Sevilla-Desaster zwar nicht begeistert, aber immerhin kein einziges Mal verloren. Dennoch war es schon vor dem 0:6 ein einziger Herbst des Missvergnügens, ein Festival der schlechten Laune, es wurde an der Mannschaft herumgekrittelt, sie wurde verspottet.

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Bierhoff wirkt angesichts der Großwetterlage mindestens irritiert, wenn nicht entgeistert. Man habe doch öffentliche Trainings gemacht. Der fatale Kurzflug der Mannschaft von Stuttgart nach Basel, eine also buchstäblich abgehobene und der Normalbevölkerung vollkommen entrückte Elf – das jedoch ist letztlich der Eindruck, der in der Öffentlichkeit hängen bleibt. Und nicht ein paar Autogrammstunden, die von den Social-Media-Plattformen des Verbands als gelebte Bürgernähe abgefeiert werden.

Bierhoff hat letztens im SPIEGEL-Interview gewarnt, der Fußball müsse »aufpassen, dass wir das Rad nicht weiter überdrehen«. Das sagt derjenige, der über Jahre mit Schwung dieses Rad betätigt hat.

Pressekonferenzen nur noch abgespult

Dazu kommt ein Bundestrainer, der mehr und mehr dabei ist, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu verlieren. Als entrückt hat man ihn schon oft beschrieben, zuletzt wirkte Joachim Löw aber auch ausgelaugt, nicht wie einer, dem man den nötigen Aufbruch zutraut.

Seine Pressekonferenzen spult er nur noch routiniert herunter, jahrelang war es vorher so, dass man Löw auch dann noch zuhören mochte, wenn er nichts Weltbewegendes zu verkünden hatte. Als die Corona-Pandemie über Deutschland kam, da hat er mal Einblicke in sein Seelenleben zugelassen, da war plötzlich wieder so etwas wie Leidenschaft spürbar. Aber abgesehen davon ist zuletzt nichts mehr von ihm haften geblieben.

Vier Monate hat Löw jetzt Zeit bis zum nächsten Länderspiel. Die wird er bekommen, auch weil diejenigen, die für das Bundestraineramt ins Gespräch gebracht werden (von Julian Nagelsmann über Hans-Dieter Flick bis Jürgen Klopp) in ihren verantwortungsvollen Vereinsjobs eingebunden sind. Eine ernsthafte Nachfolgediskussion vor der EM wird es im Verband nicht geben. Auch wenn ein Bierhoff-Interview in dieser Woche von einigen Medien so interpretiert wurde, als ob der Manager den Druck auf den Trainer erhöhe: Löw und Bierhoff sitzen in einem Boot. Das ist seit 14 Jahren so, und das hat sich auch 2020 nicht geändert.

November bis März, das ist normalerweise die Zeit, in der Joachim Löw sich ausruht, sich zurücknimmt, Energie sammelt. Jetzt jedoch muss er diese vier Monate richtig hart arbeiten, vor allem an sich. Möglicherweise so hart, wie er es bisher nie getan hat. Er muss der Öffentlichkeit glaubhaft einen Plan für das EM-Turnier vermitteln, personell, konzeptionell. Diese Chance hat er noch. Es ist seine letzte.