Bundestrainer Löw Er ändert sich nicht

Drei Wochen nach dem Fiasko gegen Spanien meldet sich Bundestrainer Joachim Löw erstmals zu Wort. Rücktrittsgedanken hat er nicht – er sei jedoch »maßlos enttäuscht« vom Verhalten des DFB.
Joachim Löw: »Was braucht die Mannschaft?«

Joachim Löw: »Was braucht die Mannschaft?«

Foto: Thomas Boecker / dpa

Joachim Löw ist seit 16 Jahren, vier Monaten und sieben Tagen Angestellter des Deutschen Fußball-Bunds, das sind, wenn man die Schaltjahre mit einrechnet, 5973 Tage. Dabei hat er als Cheftrainer bislang 189 Länderspiele absolviert, er war bei sieben Turnieren der Verantwortliche. Mit anderen Worten: Man kann nicht unbedingt erwarten, dass er in seinem 17. DFB-Jahr noch einmal ein ganz Anderer wird.

Auch nicht nach einem 0:6 gegen Spanien, und auch, wenn das die Öffentlichkeit und die aus dem Boden schießenden Experten seitdem vehement verlangen. Joachim Löw ist Joachim Löw und bleibt Joachim Löw. Zweifel daran dürfte es nach dem Auftritt des Bundestrainers am Montagnachmittag vor der Presse nicht mehr geben.

Die Frage ist nur: Ist das nun gut oder doch eher schlecht? Der öffentliche Überdruss zumindest, der seit der Pleite von Sevilla vor drei Wochen spürbar ist, scheint zu Joachim Löw nicht durchzudringen. Den Gedanken an Rücktritt, den habe er nie gehabt, sagt er. »Ich habe die Motivation, und ich habe sie nie verloren«, trat er dem Eindruck entgegen, er wirke ausgebrannt, auserzählt.

Für Löw war 2019 ein sehr gutes Jahr

Dass er sich erst jetzt erstmals zu Wort meldet, ist für ihn kein Anlass, Kritik anzunehmen: »Ich rede, wenn ich denke, dass es richtig ist.« Es habe ihn »verwundert, dass es hieß, der Löw sei abgetaucht«.

Wie zuvor schon DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der am Freitag vor die Presse getreten war, ist er der Ansicht, dass »wir 2019 ein sehr, sehr gutes Jahr hatten«. 2020 sei »die Entwicklung dann ein bisschen stehen geblieben«. Auch er wiederholte das Bekenntnis zu den von ihm ausgewählten Spielern, »die jedes Vertrauen verdienen, weil sie ein unglaubliches Potenzial haben«. Es gebe »keinen Grund, alles über den Haufen zu werfen«.

Ein solches Bekenntnis impliziert dann auch gleichzeitig, dass eine Rückholaktion der Weltmeister Hummels, Boateng und Müller bestenfalls eine Option in der Ferne sein kann. Er erwähnte das Trio nicht mal namentlich. Die Tür hält er sich und ihnen allerdings offen, eine Hintertür zumindest, das klang schon mal rigoroser bei ihm: Er werde »im Sinne des Erfolges alles Erdenkliche tun«, wenn er sehe: »Was braucht die Mannschaft?« Kurzfristig werde er jedenfalls von seinem Kurs nicht abweichen: »Wir entscheiden unmittelbar vor der Nominierung zur EM.«

Grundsatzkrise wird ausgeblendet

Entrückt sei er, das ist der Vorwurf, der Joachim Löw am häufigsten entgegenschlägt. Die, die das sagen, werden sich nach diesem Auftritt eher bekräftigt fühlen: Kein Wort zur grundsätzlichen Glaubwürdigkeitskrise der Nationalmannschaft, das war schon bei Bierhoff so. Vielleicht hält er sich dafür nicht für zuständig. Immer wieder formulierte er hingegen seine Enttäuschung über den Auftritt gegen die Spanier, »frustriert und wütend« sei er gewesen – und sei es immer noch. Aber dass die Beliebtheitswerte der Mannschaft vorher schon bröckelten, dass sich der Unmut am Duo Löw/Bierhoff entzündet, das will Löw zumindest nach außen nicht wahrhaben und wahrnehmen.

Auch nicht, dass es in einer solchen Gemengelage auch auf Gesten ankommt, zum Beispiel, beim Topspiel am Wochenende zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig nicht vor Ort zu sein. Dies habe damit zu tun, dass er sich strikt an die Corona-Vorgaben halte, möglichst nicht ins Stadion zu gehen: »Wir haben da auch eine Vorbildfunktion.« Außerdem: »Ich kenne die Bundesliga wie meine Westentasche, wir kennen all unsere Spieler aus dem Effeff. Das fließt alles in unsere Datenbank.«

»Nicht jede Woche eine Pressekonferenz«

Außenwirkung der Öffentlichkeit hat Löw nie interessiert, das ist ihm oft auch als Stärke ausgelegt worden, im Moment wird es als Schwäche interpretiert. Aber auch in einer solchen Situation bleibt Löw der, der er ist: »Ich habe so viel zu tun, ich muss nicht jede Woche in der Öffentlichkeit stattfinden und eine Pressekonferenz geben.« So wird er für die nächsten Monate wie gehabt im Winter weitgehend öffentlich unsichtbar bleiben.

Dinge intern regeln, möglichst wenig in Erscheinung treten, keine Öffentlichkeit, das ist im DFB gerade nicht unbedingt angesagt. Interna sickern durch, vertrauliche Gesprächsinhalte landen bei den Redaktionen, das ist das, was Löw im Moment am meisten aufregt, wenn man seinem Auftritt Glauben schenkt. Er sei »maßlos enttäuscht« gewesen, dass Einzelheiten aus den Sitzungen beim DFB an die Öffentlichkeit gelangt sind: »Ich bin damit groß geworden, dass interne Dinge auch intern bleiben, dass man sich auch mal vertraulich die Meinung sagen kann«, er habe beim DFB auch deutlich gemacht, dass »ich damit nicht einverstanden bin«. Ohnehin sei das angespannte Klima im Verband ein »Störfeuer, das normalerweise nicht sein muss«. Bei dem Thema herrsche bei ihm »Explosionsgefahr«.

Löw sagt: »Wir folgen weiterhin unserer roten Linie.« Den roten Faden meinte er vermutlich. Die rote Linie, das ist vielmehr die Linie, die man besser nicht überschreitet. Hinter ihr wird es kritisch.

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