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23. Juni 2013, 12:23 Uhr

Bundestrainer Löw

"Wir werden unseren Spielstil nicht umstellen"

Quartiersuche, Gegnerbeobachtung, WM-Check: Joachim Löw ist beim Confed-Cup - und von Gastgeber Brasilien begeistert. Im Interview spricht der Bundestrainer über die Proteste in dem Land, taktische Herausforderungen und die Frage, wo das DFB-Team 2014 wohnen wird.

In einem Jahr findet in Brasilien die WM statt, die deutsche Mannschaft gilt als einer der Favoriten auf den Titel. Oder doch nicht? Experten wie der Franzose Gérard Houllier haben Zweifel daran, dass der vom DFB-Team und auch von den deutschen Top-Clubs Bayern München und Borussia Dortmund praktizierte Pressing-Fußball 2014 in Brasilien eine Chance hat. "Ich glaube, dass die [äußeren] Bedingungen in Brasilien das Tempo bestimmen werden. Man wird nicht viel Pressing sehen", mutmaßt Houllier.

Joachim Löw sieht das anders. Der Bundestrainer, der mit Assistent Hans Flick und Manager Oliver Bierhoff zum Confed-Cup gereist ist, glaubt, die in dem südamerikanischen Land herrschenden Verhältnisse könnten "vielleicht sogar ein Vorteil für uns sein". Im Interview spricht Löw auch über die Suche nach einem geeigneten Mannschaftsquartier und die seit Wochen anhaltenen Proteste in Brasilien.

Frage: Joachim Löw, nach Ihrer Stippvisite beim Confed-Cup: Was waren Ihre Eindrücke?

Löw: Ich bin begeistert von Brasilien, obwohl es hier organisatorisch die eine oder andere Schwierigkeit gegeben hat. Aber die Begeisterung der Leute, ihre große Freude am Fußball, ist etwas Wunderbares. Egal, wo man hinkommt: Die Stadien sind gefüllt, es herrscht eine unglaubliche Stimmung. Bei mir ist die Vorfreude auf die WM noch einmal extrem gestiegen.

Frage: Trotz der allgegenwärtigen Proteste?

Löw: Natürlich haben wir die Proteste über die Medien mitbekommen, direkt aber nur ein wenig in Fortaleza, als der Verkehr zum Stadion deshalb fast zusammengebrochen ist. Es ist schon verständlich, wenn die Leute für mehr Bildung und bessere Lebensbedingungen protestieren. Hierfür werden ja oft Großereignisse genutzt. Auch die brasilianische Mannschaft um Trainer Luiz Felipe Scolari hat mehr als Verständnis für die Demonstranten.

Frage: Sie werden die Frage der Quartierwahl auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Sind Sie denn da schon weitergekommen?

Löw: Wir haben da einige Eindrücke gesammelt, werden die aber erst zu Hause auswerten und uns dann in Ruhe Gedanken machen, wo wir hingehen. Salvador da Bahia ist dabei eine von mehreren Optionen, aber wir haben auch noch zwei, drei andere wie etwa São Paulo oder Recife. Wir müssen uns erst die Vor- und Nachteile jedes Standortes vor Augen führen. Wann wir die Entscheidung dann fällen, steht noch nicht fest.

Frage: Speziell die Italiener klagten beim Confed-Cup über die teilweise strapaziösen klimatischen Bedingungen. Sehen auch Sie darin ein Problem?

Löw: Für europäische Mannschaften ist das in der Tat ungewohnt, darauf muss man sich einstellen, auch taktisch. Die Brasilianer oder Mexikaner, die ja hier beim Confed-Cup dabei sind, aber auch Mannschaften wie Argentinien oder Ecuador haben da sicher mehr Erfahrung. Aber ich mache mir da keine großen Sorgen, wir haben vor dem Turnier ja auch ein bisschen Eingewöhnungszeit vor Ort.

Frage: Worauf wird es dabei ankommen?

Löw: Gute körperliche Voraussetzungen sind entscheidend, das wird eine wesentliche Rolle spielen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man je nach Spielplan zu weiten Reisen gezwungen ist. Und die Spiele, die wir hier gesehen haben, hatten fast ausnahmslos ein gutes Niveau, gutes Tempo - da hat man gesehen, dass man nur spielerisch eine Chance hat. Wer glaubt, hier mit destruktivem Fußball etwas gewinnen zu können, der täuscht sich gewaltig.

Frage: Experten behaupten, auch mit Dauer-Pressing sei 2014 nichts zu gewinnen, weil es schlicht zu kraftraubend sei. Müssen Sie den Spielstil Ihrer Mannschaft an die Gegebenheiten anpassen?

Löw: Wir werden sicher nicht unseren Spielstil umstellen können, sondern wir müssen versuchen, ihn auf den Platz zu bringen. Das Spiel unserer Mannschaft zeichnet ein gutes Umschaltspiel aus, und, dass wir nach Ballbesitz schnell zum Torabschluss kommen - und zwar noch bevor der Gegner Zeit hat, sich neu zu formieren. Denn danach wird es schwieriger. Das ist im modernen Fußball essentiell - und darauf wird es 2014 in Brasilien ankommen. Deshalb können die hier herrschenden Verhältnisse vielleicht sogar ein Vorteil für uns sein.

Das Interview führte der Sportinformationsdienst

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