Fußballnationalmannschaft Das Havertz-Problem

Vielen gilt Kai Havertz schon als bester Spieler der Bundesliga. Für Joachim Löw ist der 20-Jährige noch der Mann der Zukunft. Dabei wurde es für den Bundestrainer schon mal gefährlich, ein Toptalent spät zu integrieren.

Moritz Müller/ imago images

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Groß ist im Fußball erst der, der nicht mehr verglichen wird.

Kai Havertz, 20 Jahre alt und Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen, wurde schon an viele Vergleichsgrößen herangehalten: Den "neuen Özil" nannte ihn die "Welt", die "Süddeutsche Zeitung" fand, sein Spiel ähnele auch dem von Toni Kroos. Und Reiner Calmund, ein Leverkusener Größen-Experte, erkannte in Havertz "ein bisschen Ballack, ein bisschen Beckenbauer".

Multiple Begabungen

Derlei Vergleiche tun einem Spieler im Heranwachsen selten gut. Und im Fall von Kai Havertz greifen sie auch noch zu kurz. Denn es lässt sich jetzt schon erahnen - nach 91 Bundesligaeinsätzen und drei Länderspielen -, dass dieser schmalschulterige Jungprofi aus Aachen auf eine gewisse Weise einzigartig ist im deutschen Fußball.

Oft haben große Spieler ein oder zwei besonders herausragende Fähigkeiten: Özil hat sein Gespür für den Raum und die Kunst des letzten Zuspiels vor einem Tor, Kroos seine Passsicherheit. Ballack war torgefährlich und kopfballstark wie kaum ein deutscher Mittelfeldspieler vor ihm. Und Beckenbauer ist der eleganteste deutsche Spieler der Geschichte. "Havertz aber zeichnet die Vielfalt seiner Begabungen aus", sagt ein Mitarbeiter aus dem Stab von Joachim Löw dem SPIEGEL.

Der Bundestrainer hat grundsätzlich erkannt, dass er mit Havertz über einen Spieler verfügt, der prägend für das Spiel der deutschen Nationalmannschaft werden könnte, wie es Özil zwischen 2010 und 2018 war.

44 direkte Torbeteiligungen in 91 Ligaspielen

Der offensive, zentrale Mittelfeldspieler besitzt eine außergewöhnliche Technik, um auf engem Raum gefährliche Situationen für Mitspieler zu kreieren. 19 Tore bereitete er in der Bundesliga vor. Aber er ist auch selbst torgefährlich, erzielte 25 Treffer und ist damit in 91 Ligaeinsätzen an 44 Toren direkt beteiligt gewesen. Michael Ballack war ein Spieler, der seine Mannschaften oft mit dem ersten Treffer auf die Erfolgsspur setzte. Havertz erzielte in der vergangenen Saison neunmal das 1:0 für Leverkusen.

In der vergangenen Saison erzielte Kai Havertz für Bayer Leverkusen neun Mal das 1:0
DPA

In der vergangenen Saison erzielte Kai Havertz für Bayer Leverkusen neun Mal das 1:0

Dazu kommt bei Havertz eine außergewöhnliche Schnelligkeit: 35,02 Km/h wurden in der vergangenen Spielzeit bei ihm gemessen, womit er einer der Schnellsten der Liga war. Darüber hinaus ist Havertz taktisch derart versiert, dass er in Leverkusen von der Sturmspitze bis zum Sechser vor der Abwehr schon alle Positionen spielen konnte. "Diese Kombination aus unterschiedlichen Fähigkeiten gibt es selten", sagt der Löw-Vertraute.

Gegen die Niederlande wohl wieder nur auf der Bank

Doch der Bundestrainer hat mit Havertz auch ein Problem: Einerseits sehen ihn viele bereits heute als den besten Spieler der Bundesliga. Bei einer Umfrage des "Kicker" nach der vergangenen Saison wählten ihn 250 Erstligaprofis auf Platz eins. Es gilt als ausgemacht, dass er Leverkusen im Sommer 2020 für eine Ablöse jenseits der 100 Millionen Euro verlassen wird.

Andererseits hat Löw in seinem üppig besetzten Nationalelf-Mittelfeld um Kroos, Ilkay Gündogan, dem als Sechser gesetzten Joshua Kimmich und dem ersten Herausforderer Leon Goretzka noch keinen Platz für Havertz gefunden. Nur bei den Testpartien gegen Russland (3:0) und Serbien (1:1) im Frühjahr stellte der 59-Jährige ihn in die Startelf. Gegen Peru (2:1), beim Freundschaftsspiel vor einem Jahr, wurde er zwei Minuten vor Schluss eingewechselt. Bei allen Punktspielen aber, bei denen Havertz bisher im Kader stand, spielte er keine Sekunde.

Dass er bei den beiden EM-Qualifikationsspielen gegen die Niederlande am Freitag und Nordirland am Montag (beide 20.45 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: RTL) in der Startelf stehen wird, ist unwahrscheinlich.

Das Beispiel Sané

"Kai ist der Spieler der nächsten Jahre", hat Löw kürzlich gesagt, und das bedeutet, dass seine Zeit in der Nationalelf erst noch kommen wird. "Er macht einen sehr reifen Eindruck, aber er wird noch Hürden überspringen müssen. Wir haben in meinen 15 Jahren beim DFB viele junge Spieler gesehen, die hochgepusht und hofiert wurden und erst die Talsohle durchschreiten mussten", sagte Löw dem "Kicker".

Leroy Sané ist nach der WM in Russland zur Stütze im DFB-Team gereift. Aktuell fehlt er verletzt
DPA

Leroy Sané ist nach der WM in Russland zur Stütze im DFB-Team gereift. Aktuell fehlt er verletzt

Einer dieser hofierten Spieler war Leroy Sané. Der Flügelstürmer fuhr als bester Jungprofi der Premier League zur WM-Vorbereitung 2018. Aber Löw schaffte es vorher und auch im Trainingslager in Südtirol nicht, ihn ins Team zu integrieren, ließ Sané dann zu Hause, was später oft als einer der Geburtsfehler der desolaten WM bezeichnet wurde. Nach Russland war Sané für Löw im Sturm gesetzt - bis zu seinem Kreuzbandriss bei Manchester City im August. Es war auch eine späte Einsicht.

Soweit überzeugt ist der Bundestrainer bei Havertz noch nicht. "Wir wollen sehen, ob sich Kai neben der Ligaebene auch im internationalen Vergleich behaupten kann", sagt der Löw-Vertraute. Mit Leverkusen spielt Havertz in diesem Jahr Champions League.

Aber der Bundestrainer sieht durchaus die Gefahr, dass von ihm zu früh zu viel erwartet wird. Auch deshalb begrüßen sie beim DFB die Entscheidung, dass Havertz noch ein Jahr in Leverkusen spielen wird, obwohl es in diesem Sommer bereits Kontakt zum FC Bayern gegeben hat. "Es ging alles sehr schnell für Kai. Manchmal war es fast ein bisschen zu viel für ihn, auch körperlich", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Er hoffe, so Bierhoff, dass er im "professionellen, ruhigen Ambiente" in Leverkusen weiterwachsen kann.

Es ist dann davon auszugehen, dass in ein paar Jahren irgendein junger, begabter Spieler mit Kai Havertz verglichen wird.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
hackee1 05.09.2019
1. Wäre er bei den...
...Bayern unter Vertrag, wäre er schon seit 3 Jahren Stammspieler in "Das/Der/Dem Mannschaft".
Freifrau von Hase 05.09.2019
2. @1
Möglich, aber das zeigt vor allem, wie wichtig für Havertz ein Wechsel nach München wäre. Dieses Jahr noch Leverkusen - okay. Aber dann muss man den nächsten Schritt gehen sonst droht eine (weitgehend) titellose Laufbahn. Siehe Lars Bender.
ray05 05.09.2019
3.
Ja. Ist eine der wirklich spannenden Fragen in dieser Saison, ob sich der sehr vielversprechende Havertz auch in der Champions-League als Spieler, der den Unterschied ausmacht, durchsetzen kann. Von der heurigen Saison wird viel für ihn abhängen. Jetzt, genau jetzt, kommt's für ihn drauf an. Ich hoffe, dass Havertz für sich internalisiert hat, dass er an einer entscheidenden Weggabelung seiner Karriere steht.
World goes crazy 05.09.2019
4. Havertz ist verdammt gut
Aber ein paar Kritikpunkte am Artikel: Toni Kroos und Passsicherheit? Welche Spiele hat denn der Journalist der Süddeutschen gesehen? Schon 2014 hat der nen Bockmist gespielt...ich habs nicht verstanden, warum er nicht gegangen worden ist nach dem WM-"Desaster"...mit Sané stimmt natürlich. Aber ein anderes großes Problem an das ich mich erinnere ist die EM 2012, als Reus bspw. im Halbfinale erst einmal auf der Bank saß....dabei hat der damals in seiner Einsatzzeit geliefert ohne Ende und ist auch (mMn) noch der beste deutsche Spieler aktuell. Löws Entscheidungen sind manchmal aber eher "an Treue" gebunden als an Leistung...zu Mor. Kimmich...der lässt es diese Saison eher schleifen und hat ja mit seiner Sancho-Knöchel-Tritt-Aktion gezeigt, dass er charakterlich bei Bayern angekommen ist (wie scheinbar auch viele Schiedsrichter und VARs -.-). #1 hat sicher Recht, wäre Havertz bei Bayern, würde er schon längst spielen...den Kimmich könnte er in der jetzigen Form definitiv ausstechen. Neben Gündogan und Goretzka seh ich ihn auf jeden Fall im MF gesetzt, und Ilkay wird auch nicht jünger :/ . Ich hoffe für ih jedoch, dass er eventuell bei einem Verein wie Barca, Liverpool oder in Dland beim BVB unterkommt, sonst versaut er sich selbst seine Zukunft hier im Lande. (Klar ist das nur meine Meinung als einer von 82 Mio. potentiellen Bundestrainern ;) .)
neurobi 05.09.2019
5.
Havertz? Wer ist das? So ist das, wenn Fußball sich weitgeht aus dem Fernsehen verabschiedet hat. Es wird nicht mehr lange dauern, dann können selbst Nationalspieler unerkannt einkaufen gehen.
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