Löw über Özil Joachim Löw und Oliver Bierhoff sagen nichts zu Mesut Özil

Selbst die Bundeskanzlerin und der Außenminister äußern sich zum Rücktritt von Mesut Özil - nur der zuständige Bundestrainer und der DFB-Manager nicht. Dabei hat Joachim Löw seinem Mittelfeldspieler viel zu verdanken.

Am Sonntag hat der Nationalspieler seinen Rücktritt erklärt, der nach Thomas Müller im WM-Kader die meisten Länderspiele absolviert hat. 92-mal hat Bundestrainer Joachim Löw Mesut Özil für die DFB-Auswahl aufs Feld geschickt, Özil war sein zentraler Spieler, die Jahre Löws als Nationaltrainer sind eng mit ihm verbunden. Und wenn dieser Spieler seinen Abschied verkündet, sagt Joachim Löw dazu - nichts.

Sowohl Löw als auch DFB-Manager Oliver Bierhoff hüllen sich bisher in Schweigen. Es scheint wie eine ansteckende Krankheit zu sein. Erst sagt Özil über Wochen nichts zur Causa Erdogan, dann sagt der DFB nichts dazu, dass Özil mehr und mehr Ressentiments ausgesetzt wird, jetzt schweigen Löw und Bierhoff zu seinem Abgang. Die Bundeskanzlerin hat sich schon zu dem Rücktritt geäußert, der Bundesaußenminister, Uli Hoeneß, das Schauspielsternchen Sophia Thomalla: Also annähernd jeder, der dazu etwas oder nichts zu sagen hatte - nur der Bundestrainer und der Manager nicht.

Normalerweise gehört ein Statement des Bundestrainers fest zu den Ritualen, wenn sich verdiente Nationalspieler aus dem DFB-Team verabschieden. Dann gibt es die üblichen und angemessenen Dankesworte, gerne gestreut über eine Pressemitteilung des Verbands. Aber in diesem Fall ist nichts normal.

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Joachim Löw weilt derzeit im Urlaub auf Sardinien, auch von dort jedoch kann man sich zu Wort melden, wenn es angebracht erscheint. Auch 2014 urlaubte Löw, als der damalige Weltmeisterkapitän Philipp Lahm die Öffentlichkeit mit seinem Rücktritt überrumpelte. Selbstverständlich gab es damals auch einen Kommentar vom Bundestrainer dazu.

Aber der Lahm-Abschied war einer im Triumph, ohne all die Zutaten des Falls Özil. Ohne Schuldzuweisungen, ohne gekränkten Stolz, ohne die heiklen Umstände, dass der von Özil der Inkompetenz und des Rassismus Beschuldigte auch gleichzeitig Löws Vorgesetzter ist. Löws Berater Harun Aslan, der auch mit den Özil-Beratern geschäftlich verbandelt ist, behauptet, Löw sei von dem Rücktritt überrascht worden. Das kann aber eigentlich nur den Zeitpunkt und eventuell die Härte der damit verbundenen Vorwürfe gemeint haben. Dass Özil nach all dem, was in den Wochen zuvor passiert ist, nicht mehr die Motivation haben sollte, für Deutschland spielen zu wollen, dürfte auch Löw geahnt haben.

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Mesut Özil: Der Rückzug

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Allerdings hat selbst der DFB, dessen Präsident von Özil so harsch angegangen wurde, in seiner Stellungnahme es hinbekommen, Özil für all seine Verdienste im Nationaldress zu danken. Dass Löw und Bierhoff dies bisher unterlassen haben, passt ins Bild der Versäumnisse, die sich seit Mai rund um diese Angelegenheit angehäuft haben.

Tor gegen Ghana ebnete den Weg Richtung WM-Titel

Dabei weiß Löw selbstverständlich um die Wichtigkeit des Nationalspielers Mesut Özil in seinem Spielsystem. Özil, dem Löw seit 2009 sozusagen einen Freibrief ausgestellt hat, weil er sofort dessen ungewöhnliche Fähigkeiten erkannte. Kein deutscher Fußballer der vergangenen zehn Jahre hat so einen Blick für die Laufwege und Freiräume in der Offensive, Özil gehörte schon mit 21 Jahren bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zu den prägenden Spielern. Sein Tor zum 1:0 gegen Ghana in der Vorrunde sorgte erst dafür, dass diese Mannschaft anschließend bis ins Halbfinale stürmen konnte und dabei die Fußballwelt mit ihrem Stil begeisterte. Das Tor ebnete den Weg, der vier Jahre später zum WM-Titel führte.

Auch Bierhoff ist derzeit still. Anders als vor zwei Wochen, als er in einem Interview mit der "Welt" eine Verantwortung Özils für das miserable Bild, das das deutsche Team rund um die WM abgegeben hatte, ins Spiel brachte - und damit das seit Wochen glimmende Thema Özil-Erdogan-DFB wieder zum Lodern brachte. Dennoch hat Özil in seinem Statement sich allein Grindel vorgeknöpft, Löw und Bierhoff hätten ihn dagegen früh gegen Vorwürfe von Seiten des DFB-Bosses in Schutz genommen. Auch von daher gäbe es wenig Grund für Löw und Bierhoff, sich jetzt nicht zumindest für eine sportliche Würdigung des Özil-Jahrzehnts beim DFB aufzuraffen.

Nach der EM 2012, als der Bundestrainer nach dem enttäuschenden Halbfinal-Aus von Warschau gegen Italien ebenfalls über Wochen aus der Öffentlichkeit verschwunden war, hatte Joachim Löw seine erste anschließende Pressekonferenz zu einer Art Regierungserklärung genutzt. Man hat das vielleicht vergessen, aber auch damals schäumte bereits die populistische Kritik an den Spielern, die die Nationalhymne nicht mit Inbrunst mitsingen, hoch.

Löw nutzte damals seinen ersten Auftritt nach dem wochenlangen Schweigen für eine Ehrenerklärung zugunsten seiner Spieler. Er sagte, dass es unter ihm niemals eine Hymnenpflicht geben würde, dass er es als fatal empfinde, dass man den Spielern unterstelle, sie seinen "keine guten Deutschen", und es war klar, welche Spieler er da vehement verteidigte: Mesut Özil, Sami Khedira, Jérome Boateng - die Spieler, die aus Einwandererfamilien stammten. Möglicherweise braucht Joachim Löw auch 2018 einfach nur wieder Zeit.

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