Fußballnationalmannschaft Die Ablösung

Mit der Nichtnominierung von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller macht Joachim Löw den Schnitt, den viele schon im Sommer erwartet hatten. Die Zeit der Weltmeister ist vorbei, ihr Jahrzehnt ist beendet.
Jérôme Boateng, Thomas Müller, Mats Hummels, Sami Khedira

Jérôme Boateng, Thomas Müller, Mats Hummels, Sami Khedira

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Wolfsburg ist ein denkbar unspektakulärer Ort, um eine Ära zu beenden. Und doch wird das sportlich mäßig relevante Testspiel gegen Serbien in zwei Wochen zu einer Wendemarke. Ein Umbruch, wie ihn diese Mannschaft und dieser Verband seit Jahren nicht erlebt hat.

Es wird das erste Länderspiel ohne den langjährigen Topsponsor Mercedes ("Best never rest") sein, Volkswagen tritt an seine Stelle. Und mit der Ausbootung der drei Bayernspieler Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller beendet der Bundestrainer die Ära der Weltmeister von 2014. Die Spieler, die im vergangenen Jahrzehnt das Bild der Nationalmannschaft geprägt haben, haben ausgedient.

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Zurückgetretene Weltmeister: Zwei aus 14

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Hummels, Boateng und Müller, zuvor bereits waren Mesut Özil durch dessen Rücktritt und Sami Khedira an der Reihe - der Nächste wird Kapitän Manuel Neuer sein, der angesichts der konstanten Überform von Barcelona-Keeper Marc-André ter Stegen ohnehin nicht mehr der beste deutsche Torwart ist. Es sind, ergänzt durch Müller, die Spieler, deren Stern beim DFB vor zehn Jahren aufging, als sie bei der U21-Europameisterschaft unter Horst Hrubesch den Titel errangen. Ein Jahr später begeisterte die junge Mannschaft mit ihrem Hurrafußball bei der WM in Südafrika, der Löw-Fußball war geboren, die Basis für den Weltmeistertitel gelegt. Im Fußball ist sehr schnell und sehr viel von einer goldenen Generation die Rede. Diese Spieler gehörten tatsächlich dazu.

Die Geschichte wiederholt sich

Es gehört zur Logik des Fußballs und ein bisschen auch zu seiner Tragik, dass genau diese Spieler heute an dem Punkt sind, an dem ihre Vorgängergeneration vor zehn Jahren stand. An dem Punkt, an dem sie durch die Jungen abzulösen sind. Die Khediras, Hummels, Boatengs und Müllers von 2019 heißen Süle, Sané, Goretzka und Gnabry.

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Hummels, Müller und Boateng: Das Ende einer DFB-Ära

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Das innere Gefüge in der Nationalmannschaft wird sich ab sofort deutlich verändern, alle drei, ohne die es jetzt beim DFB weitergeht, waren in der Hierarchie der Mannschaft sehr weit oben, das ist nicht nur ihrer Erfahrung geschuldet. Das Trio bringt es zusammen auf 246 Länderspiele. Die künftig das Sagen haben, weisen derzeit noch 16 (Süle), 17 (Sané) oder fünf (Gnabry) DFB-Einsätze auf.

Hummels hat sich immer schon als Führungsspieler gefühlt, ein geborener Wortführer, klug, selbstbewusst in der Nähe zur Selbstüberschätzung, zuweilen polarisierend in seiner Art des Auftretens. Hummels war ein Kopf dieser Mannschaft, sportlich bei der WM in Brasilien auf dem Höhepunkt.

Müller spielte immer, Müller traf immer

Sein Nebenmann in der Abwehr, Boateng, stieg bei dieser WM ebenfalls zum Star auf, hart an der Grenze zum Superstar. Spätestens 2016 wurde er auch zum gesellschaftlichen Role Model, cool im Habitus, durch die Attacke von AfD-Mann Alexander Gauland auch noch zu einer quasi-politischen Figur stilisiert. Es war die Zeit, in der man dachte, ohne Boateng gehe gar nichts, in und außerhalb der Nationalmannschaft.

Und Müller? Für ihn galt über Jahre nicht nur: Müller spielt immer, sondern auch: Müller trifft immer. Wie das geschah, wusste wahrscheinlich auch er nicht zu erklären, es passierte einfach. Wenn nichts mehr ging, fand Thomas Müller eine Lücke. Torschützenkönig bei der WM 2010 mit gerade einmal 20 Jahren; Müller-Tore waren eine Selbstverständlichkeit, niemand machte sich darüber Gedanken, dass sie irgendwann ausbleiben könnten. Als es ab 2016 so weit war, war das allen ebenso unerklärlich wie sein Torglück zuvor.

Kaum vorstellbar, dass die DFB-Auswahl vor fünf Jahren ohne die Tore von Müller und die Abwehrarbeit von Hummels und Boateng den WM-Titel geholt hätte. Es gab Philipp Lahm, es gab Manu den Libero, den Schmerzensmann Bastian Schweinsteiger und die stoische Treffsicherheit von Miroslav Klose - dennoch: Die drei Tore von Müller im ersten Spiel gegen Portugal, das Kopfballtor von Hummels im Viertelfinale gegen Frankreich, seine Rettungstaten gegen Karim Benzema im gleichen Spiel, das Bollwerk Boateng und Hummels gegen Lionel Messi im Finale, das waren entscheidende Puzzlestücke, um Weltmeister zu werden.

Im Verein ebenfalls vor der Ablösung

Alle drei scheinen heute fußballerisch ihren Zenit überschritten zu haben. Im Verein sind sie längst nicht mehr unverzichtbar. In der Innenverteidigung des FC Bayern ist Niklas Süle zur neuen Nummer eins aufgestiegen, Hummels und Boateng wechseln sich in der Rolle ab, wer neben ihm in der Deckungszentrale stehen und neben ihm langsam aussehen darf. Die Szene im Pokalfinale 2018, als sich Hummels vom Frankfurter Ante Rebic überlaufen ließ, ist zu einem Symbolbild geworden dafür, dass die große Zeit der Arrivierten sich dem Ende neigt.

Müller ist unter Niko Kovac mehr Reserve- als Stammspieler, er wird ein- und ausgewechselt, in der Nationalmannschaft war man zuletzt nahe dran, Mitleid mit seinen Auftritten zu fühlen. Mitleid haben mit Thomas Müller - das hätte man sich wirklich vor ein paar Jahren nicht gedacht, und das hat er auch nicht verdient. Sein 100. Länderspiel hat der Bundestrainer ihn immerhin noch machen lassen, das hat er Michael Ballack voraus.

Löw reagiert jetzt mit der Nicht-mehr-Nominierung, erst jetzt, er vollzieht einen Schritt, der auch direkt nach der WM hätte erfolgen können, vielleicht auch müssen. Aber die Trennung von verdienten Spielern ist ihm immer schwergefallen. Bis jetzt konnte er sich ja auch auf sie meistens verlassen, so funktionierte sein System. Jetzt hat er mit Verspätung gemerkt, dass dieses System nicht mehr funktioniert.