DFB-Bundestrainer How Löw can you go?

So schlecht wie 2018 stand die deutsche Nationalmannschaft am Ende eines Jahres noch nie da. Dennoch diskutiert kaum jemand über den Trainer. Warum eigentlich nicht?

Joachim Löw: Ernüchternde Bilanz, man kann auch sagen: eine desaströse.
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Joachim Löw: Ernüchternde Bilanz, man kann auch sagen: eine desaströse.

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Das schlechteste Jahr der deutschen Fußballnationalmannschaft in ihrer 110-jährigen Länderspielkarriere ist zu Ende gegangen - man muss sagen: endlich. Noch nie zuvor hat ein deutsches Team in einem Kalenderjahr so oft verloren, erstmals seit 1938 ist Deutschland bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden, als Sahnehaube gab es den Abstieg aus der A-Gruppe der Nations League obendrauf, sieglos, zwei Remis, zwei Niederlagen.

Das ist eine ernüchternde Bilanz, man kann auch sagen, eine desaströse. Der Trainer ist am Ende dieses Jahres allerdings immer noch derselbe und wird auch nicht maßgeblich infrage gestellt. Um Joachim Löw gibt es keine echte Debatte. Und man muss sich schon fragen: Warum eigentlich nicht?

Beim FC Bayern reichen drei schwache Partien, um einen Trainerstuhl wackeln zu lassen. Das kann man absurd finden, aber es ist das, was man das Gesetz der Branche nennt. Es passiert bei annähernd jedem Spitzenklub, bei Real Madrid hat es Julen Lopetegui den Job gekostet, bei Manchester United wackelt José Mourinho. Die deutsche Nationalmannschaft dagegen scheint auch in dieser Hinsicht ein gewisses Eigenleben zu führen.

Heute freut man sich über knappe Siege gegen Peru

Deutschland ist als Weltranglistenerster in dieses Jahr gegangen, also als die beste Mannschaft der Welt, wenn man das Fifa-Ranking als seriös betrachtet. Und jetzt freut man sich über knappe Siege in Testspielen gegen Peru oder über einen Erfolg gegen eine russische B-Elf.

Der Anspruch, zu den Topteams der WM zu gehören - über Jahre eine Selbstverständlichkeit - ist einer merkwürdigen Demutshaltung gewichen. Das tut dem Verband ganz gut, aber der Verantwortliche wird nicht hinterfragt. Im Gegenteil: Der Präsident hat ihm einen Persilschein ausgestellt. Vor der WM und nach der WM noch einmal. Nach dem Russland-Debakel wurde stattdessen über die Ämter von DFB-Boss Reinhard Grindel und Manager Oliver Bierhoff gestritten, die Debatten über sie und Mesut Özil waren wie ein aufgespannter Schutzschirm für den Bundestrainer.

Löws Verdienste sind unbestritten. Er hat die Nationalmannschaft aus der konservativen Rumpelecke herausgeholt, er hat ihr ganz neue Freunde zugeführt, die vorher nie etwas mit dieser Mannschaft zu tun haben wollten. Umso absonderlicher ist es, dass der Bundestrainer am härtesten kritisiert wurde, als die Mannschaft eigentlich den schönsten und berauschendsten Fußball spielte: Das Halbfinal-Aus 2012 gegen Italien wurde zum medialen Scherbengericht über den Trainer in einer Zeit, als die Mannschaft die ganze Welt mit ihrem Offensivspiel begeistert hat.

Die Öffentlichkeit zuckt nur die Achseln

Die Jahre von 2010 bis 2012 waren die beste Zeit dieses Teams, Löw und seine Mannschaft befanden sich auf der Höhe ihrer Schaffenskraft, das 6:2 gegen Österreich, das 3:2 über Brasilien waren Feste. Zudem war es eine Mannschaft, die für ein neues, anderes, buntes Deutschland stand, und so wurde sie auch verkauft. Es reichte dann ein einziges verlorenes Spiel, eben jenes gegen Italien, um all die Kritiker und Reaktionäre, denen die ganze Richtung nicht passte, aus dem Loch hervorkommen zu sehen.

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Das deutsche Länderspieljahr in Bildern: Ein historisches Debakel


Jetzt jedoch, nach diesem fürchterlichen Länderspieljahr, da hätte man die Löw-Kritik erwarten können, gar müssen. Der Bundestrainer hat in diesem Jahr vieles getan, das man ihm als Fehler auslegen kann: Seine Zusammenstellung des WM-Kaders, sein Verzicht auf Leroy Sané, sein Festhalten an den formschwachen Weltmeistern, sein Umgang mit der Torwartfrage, sein Zögern beim Neuanfang, seine Passivität in der Causa Özil. Mit all dem hat er seinen Beitrag dazu geleistet, dass dieses Jahr so werden konnte, wie es wurde.

Doch statt darüber heftig zu streiten, zuckt die Öffentlichkeit mehr oder weniger bei jeder neuen Niederlage die Achseln. Es ist fast so, als wäre es mittlerweile egal, ob die Nationalmannschaft gut oder schlecht dasteht, und das ist vielleicht das ruinöseste Urteil über dieses DFB-Jahr.

insgesamt 147 Beiträge
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adrian.ruest 20.11.2018
1. Löw muss weg!
Was für ein Unsinn, die Holländer hätten im Schlafwagenmodus gespielt und nur so den Deutschen eine Chance gegeben. Die Holländer sind in Wirklichkeit eine recht biedere Mannschaft mit wenigen Stars, die etwa auf Rang 8 bis 12 auf der Welt anzusiedeln ist. Die Deutschen hingegen gehören locker in die Top 5, da müsste einfach ein anderer Trainer an die Seitenlinie. Junge Spieler in einer solchen Menge wie Sane, Werner, Brandt, Havertz, Gnabry, Kimmich, Ter Stegen, Leno, Tah, Süle, Ginter, Kehrer, Dahoud oder Goretzka haben ansonsten nur Frankreich und Spanien. Dazu ein paar noch hungrige Routiniers wie Gündogan, Reus, Rüdiger oder Kroos und nie mehr Müller, Khedira, Özil, Boateng oder Hector, dann läuft das wieder.
mr.strahlemann 20.11.2018
2. Das sehe ich anders!
Es ist wichtig, dass man nicht immer jemandem die Schuld gibt und ihn absägt. Das passiert in keiner normalen Firma und wurde niemand mit ihnen machen. Er hat großartige Arbeit geleistet und es ist immens schwer nach solch einem Titel sofort wieder die richtigen Entscheidungen zu treffen. Er lernt und hat gelernt und man sieht jetzt schon wohin es gehen kann. Dass, das nicht von heute der Fall sein wird muss auch klar sein. Auch das wäre nach einem grauenhaften Geschäftsjahr nicht anders. Wir schimpfen, über den HSV und co und sie fordern eine Entlassung? Nein, bitte eher wie Freiburg und Herrn Streich. Außerdem muss er es nur noch zwei Jahre machen, bis Herr Klopp eine neue Herausforderung sucht.
burscheider 20.11.2018
3.
Was ist denn die Öffentlichkeit? Unter Fans wird doch das ganze Jahr schon Löws Rücktritt gefordert, in den Print/online Medien auch, die einzigen, die dies nicht tun, sind ARD und ZDF. Und das könnte möglicherweise daran liegen, dass das auch nicht die Aufgabe der ÖR ist. Davon abgesehen waren alle Spiele seit der WM egal. Sollte Deutschland in Gefahr geraten, die EM Quali zu verspielen, was nicht passieren wird, wird Löw schon rechtzeitig entlassen, keine Sorge.
torflut 20.11.2018
4. Gestern gegen die NL
war ich mal wieder verblüfft. Nacheinander nimmt Löw den kompletten Sturm aus dem Rennen um Müller sein 100. Spiel zu gönnen? Okay, Goretzka und Reuss kann man bringen... aber beim Stand von 2:0 und einer intakten Formation? Müllers Verdienste sind unbestritten, aber er ist aktuell keine Bereicherung der deutschen N11.
luisfigo 20.11.2018
5. Müller hat fertig
100 ist eine runde Zahl, da kann man ruhig abtreten und hat Spuren hinterlassen. So desolat wie Müller gestern nach der Einwechslung rumgefallen ist, fast nur Fehlpässe, sollte Löw seinen Lieblingsschüler zukünftig nicht mehr berücksichtigen. Seine Zeit ist vorbei.
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