Löws WM-Analyse Die Scheinriesen vom DFB

Am Mittwoch soll sie also endlich erfolgen, die große öffentliche Analyse des Bundestrainers zum WM-Aus. Zwei Monate hat Joachim Löw geschwiegen, jetzt kann er die hohen Erwartungen eigentlich nur enttäuschen.
Straßenkunst mit Löw-Porträt

Straßenkunst mit Löw-Porträt

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Bislang war die Bekanntgabe eines Nationalmannschaftsaufgebots für kommende Länderspiele ein sehr formaler Akt. Der DFB gab meist am Freitagmittag eine schmucklose Pressemitteilung heraus, die von den Medien routiniert zu einer mittelgroßen Meldung verarbeitet wurde. Das war es.

Wenn Joachim Löw am Mittwoch seinen Kader für die Länderspiele gegen Frankreich und Peru bekannt gibt, wird das ein Staatsakt.

Löw hat nach dem WM-Desaster von Russland fast zwei Monate nichts gesagt, als habe er ein Schweigegelübde abgelegt. Um ihn herum tobte der Meinungskampf über Löws Schlüsselspieler Mesut Özil, über Rassismus, über die sportliche Zukunft der Mannschaft und über die berufliche Zukunft des DFB-Präsidenten. Nur der Bundestrainer hat geschwiegen, so lange, bis das Schweigen selbst den Raum gefüllt hat. Er hat alles für den morgigen Auftritt vor der Öffentlichkeit aufgespart - und damit der Veranstaltung am Mittwoch einen Erwartungsdruck mitgegeben, dem dieser Auftritt gar nicht gerecht werden kann.

Es soll die große WM-Analyse werden, die Verkündung tief greifender Veränderungen - all das ist dem Auftritt Löws ins Gepäck getan worden. Die Messlatte wurde so hoch gehängt, dass der Bundestrainer mit dem, was er zu sagen hat, nur unter ihr hindurchtauchen kann. In der Geschichte von Jim Knopf gibt es den Scheinriesen Tur Tur, der in der Ferne gewaltig groß erscheint und schrumpft, je näher er kommt. So dürfte es auch der WM-Analyse ergehen.

Schneider und Siegenthaler auf der Kippe

Von den tief greifenden Veränderungen scheint nach all dem, was bisher durchgesickert ist, nicht so furchtbar viel übrig geblieben zu sein. Löw hat sich für sein Konzept in der Vorwoche die volle Rückendeckung von DFL und DFB abgeholt, auch das spricht beileibe nicht für eine Revolution.

Was sich andeutet: Die Tage von Löw-Assistent Thomas Schneider scheinen ebenso gezählt wie die des altgedienten Scouts Urs Siegenthaler. Schneider stieß nach dem WM-Erfolg in Brasilien vor vier Jahren zum Team, jetzt könnte seine Zeit bereits wieder vorbei sein, so sehr er sich auch stets bemühte, nach außen zu demonstrieren, dass er zum allerinnersten Kreis gehört.

Joachim Löw

Joachim Löw

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Siegenthaler ist seit dem Anfang von Löws DFB-Zeit als Wegbegleiter dabei, der über Jahre hochgelobte Scout ist mittlerweile 70 Jahre alt. Die Kritik nach dem WM-Aus in Russland entzündete sich auch an seiner Arbeit. Dass der DFB den Auftaktgegner Mexiko mit einer gänzlich anderen Taktik erwartet hatte, wurde auch Siegenthaler und seiner Crew zur Last gelegt. Die ebenfalls massiv in der Kritik stehende Kommunikationsabteilung soll dagegen wohl weitgehend in der bisherigen Form weitergeführt werden, hört man.

Beim Kader wird Löw zweifellos mit einigen Neuerungen aufwarten, der ganz große Umbruch wird es aber schon daher nicht werden, weil fast alle Spieler aus dem WM-Aufgebot weitermachen wollen. Und weil Löw bis auf wenige Ausnahmen auch die besten Leute nach Russland mitgenommen hatte.

Vertrauensverlust wird schwer gutzumachen sein

Die wirklich tief greifende Veränderung rund um die Nationalmannschaft ist ohnehin schon erfolgt: Der DFB, das Team, die Spieler, der Bundestrainer, sie alle haben in diesen Monaten einen tiefen Vertrauensverlust erfahren. Viele, die sich seit 2010 dieser Mannschaft zugewendet haben, haben ihr nach den Vorgängen in Russland und den Wochen danach emotional den Rücken gekehrt und mit Liebesentzug reagiert. Das klingt überall und immer wieder durch, wenn man sich umhört. Die Mannschaft hat ihr Signet als Sympathieträger, als kulturelles Symbol einer offenen Gesellschaft, als eine Mannschaft, die Teamgeist und Zusammenhalt verkörpert, weitgehend eingebüßt. Umso spannender wird sein, wie die Mannschaft bei den Spielen in München (gegen Frankreich) und Sinsheim (gegen Peru) aufgenommen werden wird.

"Die ganze Mannschaft - und damit auch die sportliche Leitung - müssen so arbeiten, dass die Fans am 6. September eine andere Mannschaft sehen, die mit größerem Einsatz, größerem Kampfgeist bei der Sache ist und wo man eben merkt, dass sie sich anders präsentieren will", hat der DFB-Präsident in dieser Woche noch einmal gesagt.

Dazu gehört auch, den Eindruck zu verwischen, durch die Mannschaft gehe in irgendeiner Weise ein Riss . Dieser Eindruck, das Team sei gespalten in diejenigen, die aus Einwandererfamilien stammen und einen eigenen kulturellen Lebensstil pflegen, und die, die es eher geerdet mögen, war zuletzt leicht überhöht worden. Die Lifestyle-Unterschiede zwischen den Boatengs und Özils auf der einen und den Müllers und Neuers auf der anderen Seite gab es schließlich auch schon, als die Mannschaft Weltmeister wurde und sich die Öffentlichkeit darin überschlug, wie großartig der Teamspirit dieser Elf doch sei.

Dass dies vier Jahre später alles verschwunden scheint, fällt vor allem auf den zurück, der diese Mannschaft geformt hat. Joachim Löw ist in der Kritik nach der WM bislang erstaunlich glimpflich davon gekommen. Kein Vergleich mit der Wucht, mit der er nach dem Halbfinal-Ausscheiden bei der EM 2012 angegangen wurde. Seine Verdienste als Weltmeistercoach haben ihm dabei ebenso genützt wie sein beharrliches Abtauchen.

Dass der Bundestrainer derjenige ist, der dafür die Hauptverantwortung trägt, eine Mannschaft entsprechend auf Turnier und Gegner einzustellen, ist in der Gewitterlage um Mesut Özil untergegangen. Löw hat sich viel Zeit genommen, nehmen wollen, um über alles in Ruhe und Ehrlichkeit nachzudenken. Er müsste dabei auch auf eigene Fehler gestoßen sein.