Fußballfans in Aufsichtsräten von Vereinen "Beim FC Bayern ist es aussichtslos"

Eigentlich ist er Ingenieur - nebenbei hat Jörn Kleinschmidt sich an der Uni dem Thema "Fanvertreter in Aufsichtsräten" gewidmet. Es wäre aus seiner Sicht ein Schritt zu mehr Mitbestimmung im Fußball.
Fans des 1. FC Köln

Fans des 1. FC Köln

Foto: Federico Gambarini/ dpa
Zur Person

Jörn Kleinschmnidt (52) ist in Stuttgart im Management eines Unternehmens der Automatisierungstechnik tätig. Nebenher hat er Sportmanagement an der Hochschule Wismar studiert. Seine Abschlussarbeit widmet sich dem Thema "Fanvertreter in Aufsichtsräten". Obwohl gebürtiger Ostwestfale, gehört sein Fußballherz dem VfB Stuttgart.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kleinschmidt, Sie haben im normalen Leben einen Beruf, der mit Fußball gar nichts zu tun hat. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dem Fußball wissenschaftlich nachzugehen?

Jörn Kleinschmidt: Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, neben meinem sehr technischen Beruf bei einem Zulieferbetrieb auch noch etwas anderes zu machen. Auf einer Hochzeitsfeier vor ein paar Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Bekannten, der sich gerade furchtbar echauffierte, als Robin Dutt Sportvorstand beim VfB Stuttgart wurde und er zu mir sagte: "So einen Job, das könntest du sogar." Damit hat er mich natürlich angestachelt. Ich habe mich daraufhin im Studiengang Sportmanagement eingeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Abschlussarbeit widmet sich der Frage, ob Fanvertreter bei Fußballvereinen in die Aufsichtsräte gehören. Wie sind Sie darauf gekommen?

Kleinschmidt: Ich bin dem VfB Stuttgart seit langem verbunden, als kritischer Fan, zudem bin ich beim Fanverein "FC Play Fair"  aktiv, da lag es nah, sich für das Thema zu interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Nicht unbedingt bisher ein Thema für die Wissenschaft.

Kleinschmidt: Ja, das stimmt, es gibt bislang auch sehr wenig Literatur zu Satzungen von Vereinen, ich musste mich schon direkt an Vereine wenden. Immerhin gibt es schon eine Menge an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Mitbestimmung.

SPIEGEL ONLINE: Sie vergleichen die Fans in Fußballvereinen mit der Rolle von Arbeitnehmern in Unternehmen? Der Fan als Gewerkschafter des Fußballs?

Kleinschmidt: Ja, die Rolle der Fans ist aus meiner Sicht durchaus vergleichbar. Deutschland ist ein klassisches Land der Mitbestimmung, ein Land, in dem auch die in den Konzernen eine Stimme haben sollten, die zur Wertschöpfung eines Produktes beitragen. Und dass die Fans zum Wert des Produktes Fußball ihren Beitrag leisten, ist ja wohl unbestritten. Die gesamte Stimmung kommt von den Fans, letztlich auch ein Großteil des Geldes, das im Fußball kursiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Vereine, die in dieser Hinsicht schon ähnlich denken und handeln und Fans in ihren Aufsichtsräten einen Platz geben?

Kleinschmidt: Die gibt es, auch wenn es bislang nur wenige sind. Der FC St. Pauli ist auch in dieser Hinsicht sehr weit vorne, aber auch beispielsweise bei Schalke und Mainz wird in dieser Richtung gehandelt. In vielen Vereinen gibt es latentes Verständnis für dieses Anliegen. Darüber hinaus geht es allerdings bei den meisten noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht das beim Serienmeister aus München aus?

Kleinschmidt: Beim FC Bayern ist es aussichtslos. Präsidium und Verwaltungsbeirat schlagen sich gegenseitig zu Wahl vor und besetzen dann gemeinsam den Aufsichtsrat, da haben die Fans im Grunde keine Chance. Ähnlich ist es bei Vereinen wie Bayer Leverkusen, RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg, die tatsächlich keine Vereine mehr sind, sondern reine GmbHs. Da müssten die Gesellschafter letztlich freiwillig Plätze für Fans freimachen. Da sehe ich wenig Aussichten.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Möglichkeiten, Fans den Zugang zu Aufsichtsräten zu ermöglichen?

Kleinschmidt: Dazu müsste bei den Vereinen explizit die Satzung entsprechend geändert werden, dazu bräuchte es bei den Mitgliederversammlungen eine Mehrheit von 75 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Was kann, was könnte ein Fan in Aufsichtsräten denn tatsächlich ausrichten? Ist der Fan nicht letztlich zahnlos, wenn es um die wichtigen Entscheidungen geht - Sitz im Aufsichtsrat hin oder her?

Kleinschmidt: Ich habe keine großen Illusionen, dass ein Fanvertreter die Vereinspolitik komplett ändern kann. Er hätte schließlich kein Vetorecht gegen Fehlentwicklungen im Klub. Aber er hätte in diesem wichtigen Gremium eine Stimme, und der Aufsichtsrat müsste zumindest die Sichtweise der Fans mit bedenken. Und wenn er nur sein Vorgehen erklären muss, ist schon etwas getan.

SPIEGEL ONLINE: In Hannover erleben wir gerade ein tiefes Zerwürfnis zwischen Fans und Klubführung.

Kleinschmidt: Eines steht fest: So wie es bei Hannover 96 gerade der Fall ist - so darf es nirgends werden.

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