Hector und Helmes im Doppel-Interview "Natürlich beeinflussen einen die Fans"

Nationalspieler Jonas Hector und der ehemalige Angreifer Patrick Helmes sind beide beim 1. FC Köln aktiv, der eine auf der Außenbahn, der andere als Trainer. Im Doppel-Interview sprechen sie über Karriereplanungen, Vereinswechsel und Anfeindungen.

imago

Ein Interview von Linus Geschke


Jonas Hector hat derzeit einen Lauf: Der Außenverteidiger von 1. FC Köln war einer der großen Gewinner der Länderspielpause. Mit der Nationalmannschaft gewann er gegen Polen und in Schottland und überzeugte dabei durch gute Leistungen und zwei Torvorlagen. Bei den Kölnern ist er längst eine Stütze der Mannschaft.

Am Rhein spielte Hector auch mit Patrick Helmes zusammen, früher ebenfalls Nationalspieler. Der talentierte Angreifer war Publikumsliebling in Köln, verscherzte es sich dann aber mit den Fans, weil er nach Leverkusen wechselte. 2013 kehrte er wieder zum FC zurück, musste aber im vergangenen Jahr seine Karriere aufgrund einer Verletzung beenden.

Die eine Karriere ist zu Ende, die andere startet erst so richtig durch - was haben sich Jonas Hector und Patrick Helmes zu sagen? Eine Begegnung.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hector, es gibt nicht viele Fußballer, die mit 20 noch in der Oberliga spielten und mit 24 Nationalspieler sind. Was hilft Ihnen, nicht abzuheben?

Hector: Vor allem die Familie und alte Freunde. Wenn ich bei denen mal einen Spruch loslasse, der so rüberkommt, als wäre ich abgehoben, gibt es sofort auf den Deckel. Außerdem verlief meine Karriere in der eigenen Wahrnehmung gar nicht so überfallartig. Ich bin vom SV Auersmacher ja nicht direkt in die Profimannschaft des 1. FC Köln gewechselt, sondern in die Regionalliga zur U21 gegangen - die hatte damals auch noch einen richtigen Co-Trainer (grinst zu Helmes, der derzeit dort Co-Trainer ist).

SPIEGEL ONLINE: Aber dann ging es Schlag auf Schlag.

Hector: Finden Sie? Als Fußballer kommt einem das eher wie Schritt für Schritt vor. Nach zwei Jahren Regionalliga hat mich der damalige Trainer Holger Stanislawski in den Profikader für die Zweite Liga berufen, worauf wiederum zwei Jahre später der Aufstieg in die Bundesliga folgte. Für mich selbst konnte ich das immer alles ganz gut einordnen. Okay, als irgendwann das Telefon geklingelt hat und ich von der Nominierung in die Nationalmannschaft erfuhr, musste ich schon durchatmen und entspannen. Ich habe als erstes meine Familie angerufen und nach zwei Stunden ging's dann wieder.

Zur Person
    Jonas Hector, 25 Jahre alt, wechselte 2010 vom SV Auersmacher in die U21 des 1. FC Köln. Zwei Jahre später wurde er in den Profikader übernommen, 2014 erfolgte der Aufstieg in die Erste Liga. Jonas Hector ist deutscher Nationalspieler mit aktuell sechs Länderspieleinsätzen. Im EM-Qualifikationsspiel am 04.09.2015 gegen Polen wurde er zum besten Spieler gewählt.
Helmes: Innerhalb der Mannschaft nennen wir den Jonas ja nicht umsonst Harry Hektik. Diese Ruhe und Bodenständigkeit sind - neben den fußballerischen Qualitäten und der Abgeklärtheit auf dem Platz natürlich - sicher seine Hauptstärken.

SPIEGEL ONLINE: Herr Helmes, Ihre größte Stärke lässt sich am besten in Zahlen ausdrücken: 79 Zweitligaspiele, 43 Tore. 98 Spiele in der ersten Liga, 45 Tore. Dazu kommen noch vier Tore bei sechs Europa-League-Spielen - eine Treffsicherheit, die Sie dann im Januar 2011 auch von Leverkusen nach Wolfsburg führte.

Hector: ...und die mir verrät, dass ich froh sein kann, nie gegen Patrick spielen zu müssen!

Helmes: Zu der Zeit war Jupp Heynckes Trainer in Leverkusen, und er fing damals mit der heute bei Spitzenmannschaften üblichen Rotation in der Startaufstellung an. Mittlerweile ist mir klar, dass das Prinzip richtig war, aber damals wollte ich das nicht einsehen, hatte meine Probleme damit. Ich wollte einfach nur spielen, immer, in jeder Partie! Gleichzeitig hat sich dann Wolfsburg sehr um mich bemüht. Also habe ich bei Rudi Völler so lange Druck gemacht, bis er mich im Winter gehen ließ.

SPIEGEL ONLINE: Was rückblickend aus sportlicher Sicht ein Fehler war: Leverkusen wurde in der Saison Vizemeister und spielte anschließend in der Champions League, Wolfsburg konnte sich mit Mühe vor dem Abstieg retten.

Helmes: Das stimmt. Dennoch habe ich den Wechsel nie bereut. Es war eine gute Zeit beim VfL. Ich hatte in meiner Karriere immer das Glück, dass ich mir die Vereine aussuchen konnte. In jungen Jahren hätte ich auch zum FC Bayern gehen können, wollte das aber nicht. Viele andere Spieler haben das gemacht, Marcell Jansen, Jan Schlaudraff, wie sie alle heißen. Für meine Karriere wäre das nicht gut gewesen. Und auch, wenn manche Fans das nicht gerne hören: Leverkusen und Wolfsburg gehören seit Jahren konstant zu den Top-Vier oder Fünf der Liga.

Hector: Ich kann das gut nachvollziehen, was der Patrick über das Bemühen des Vereins gesagt hat: Bevor ich nach Köln gegangen bin, hatte ich auch Probetrainings bei anderen Klubs, aber keiner davon hat sich so bemüht wie der FC. Ich habe mich hier von Anfang an wohlgefühlt, für mich war das auch einer der ausschlaggebenden Gründe, nach Köln zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Fans bei solchen Entscheidungen?

Helmes: Ich bin jetzt ganz ehrlich: Als ich von Köln nach Leverkusen gegangen bin, habe ich das total unterschätzt! Ich habe die Fanseite damals einfach nicht bedacht, mich in erster Linie gefragt, wie ich weitermachen möchte. Vielleicht war das naiv von mir. Später zumindest habe ich mir oft gesagt: "Okay, wärst du vielleicht mal lieber nach Dortmund gewechselt, dann hätte das weniger Stress gegeben."

SPIEGEL ONLINE: Von den Kölner Tribünen hingen Transparente mit der Aufschrift "Helmes, du Hurensohn" und "Zigeuner"-Rufe hallten durchs Stadion. Wie empfanden Sie das als 23-Jähriger?

Helmes: Das war extrem schwierig und ich stand zu der Zeit enorm unter Druck. Auch, weil ich den Wechsel ja bereits ein Jahr zuvor bekanntgegeben hatte. Zum Glück hat in dieser Saison aber die Leistung auf dem Platz gestimmt und zusammen mit Milivoje Novakovic habe ich den FC ja noch in die Erste Liga geschossen. Dennoch war die Gesamtsituation nicht leicht.

Hector: Natürlich beeinflussen einen die Fans. Ich kann mich immer noch gut an das Gefühl erinnern, als ich zum ersten Mal ins Rhein-Energie-Stadion einlief und 50.000 die Hymne sangen. Das war Gänsehaut pur, und dieses Gefühl hat sich bis heute nicht verändert.

Zur Person
    Patrick Helmes, 31 Jahre alt, spielte für den 1. FC Köln, Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg in der Bundesliga, dazu absolvierte er 13 A-Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft. Im Schnitt brauchte Helmes keine zwei Ligaspiele für ein Tor. Im Sommer 2015 musste er seine Karriere aufgrund eines Knorpelschadens beenden. Heute betreut er als Ko-Trainer die in der Regionalliga spielende U21 des 1. FC Köln.
SPIEGEL ONLINE: 2013/2014 haben Sie eine Saison lang gemeinsam in einer Mannschaft gespielt, bevor bei Patrick Helmes ein Knorpelschaden an der Hüfte auftrat, der später das Karriereende bedeutete. Ihr erster Eindruck voneinander?

Hector: Ich weiß noch, dass wir Flanken geschlagen haben. Ich glaube, im allerersten gemeinsamen Training. Und der Patrick hat sie alle reingezimmert, ohne Ausnahme. Da denkst du dir als Spieler schon: "Klasse, dass der jetzt bei uns ist!" Ohne seine Tore hätte es mit dem Aufstieg wohl auch nicht so problemlos geklappt.

Helmes: Mit ein bisschen Erfahrung als Fußballer erkennt man ja schnell, wie die Kollegen ticken und wer was kann. Beim Jonas hat's nur Minuten gebraucht, um zu kapieren, dass er einer der besten Außenverteidiger der Liga ist. Dazu kam, dass der gesamte Verein nur noch wenig mit dem zu tun hatte, den ich 2008 verlassen habe.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Helmes: Alles war anders: Das Präsidium, die Entscheidungsträger und der komplette Charakter der Mannschaft. Früher gab es wahnsinnig viele, die unbedingt im Fokus stehen wollten, was sich auch auf die mediale Darstellung ausgewirkt hat. Immer Stress, überall Theater. Heute dagegen herrscht hinter den Kulissen deutlich mehr Ruhe, alle ziehen an einem Strang, das "Wir-Gefühl" ist wesentlich stärker.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Pläne für diese Saison?

Hector: Als Verein mindestens 40 Punkte holen und die Klasse sichern, das ist das Wichtigste! Persönlich will ich mich einfach als Spieler innerhalb der Mannschaft weiterentwickeln.

Helmes: Als Co-Trainer der zweiten Mannschaft geht es ja in erster Linie darum, am Ende über dem Strich zu stehen, Spieler weiter zu bringen und an den Profibereich heranzuführen. Ich glaube, dass ich da meine eigenen Erfahrungen gut einbringen kann. Und irgendwann möchte ich als Trainer natürlich gerne in höheren Ligen arbeiten.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
siegerländer79 12.09.2015
1.
Patrick Helmes, einer der besten Stürmer die wir je hatten, wäre als Siegerländer besser mal in Siegen geblieben. Wer weiß, wo die Sportfreunde heute stünden. Den Aufstieg in die 2. Liga hatte er quasi im Alleingang bewerkstelligt. Nachdem er zum 1. FC wechselte gings nur noch bergab. Für die Freunde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.