Herthas Torunarigha rassistisch beleidigt "Dann kicken wir nicht weiter"

Beim Pokalspiel zwischen Schalke und Hertha kam es offenbar zu rassistischen Beleidigungen. DFB und Polizei ermitteln. Hätte das Schiedsrichterteam anders reagieren müssen?
Berlins Jordan Torunarigha (M):

Berlins Jordan Torunarigha (M):

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LEON KUEGELER/ REUTERS

Die Woche steht bei Schalke 04 im Zeichen des Kampfs gegen Diskriminierung und Ausgrenzung, zu erkennen am Hashtag "#stehtauf", mit dem Schalke dazu in den Sozialen Netzwerken Mitteilungen verbreitet. Bis zum Samstag, dem Heimspiel gegen den SC Paderborn, läuft die Aktion noch. Überschattet wird sie durch einen aktuellen Fall, der zeigt, wie nötig und aktuell der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Diskriminierung jeglicher Art ist.

"Ja, ganz klar", hatte Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider in der Nacht zu Mittwoch auf die Frage geantwortet, ob die wahrscheinlichen rassistischen Beleidigungen gegen den Berliner Fußballer Jordan Torunarigha auch den Pokalsieg gegen Hertha BSC (3:2 n.V.) überschattet hätten.

Jetzt wird ermittelt in einem Fall, der auf zwei Ebenen Fragen aufwirft.

Die erste lautet: Wer gab die Affenlaute von sich, von denen Torunarigha während des Spiels seinen Mannschaftskollegen berichtete? Der Vorfall soll sich rund um die 70. Minute ereignet haben. Auf TV-Bildern ist zu sehen, wie Torunarigha während einer Spielunterbrechung nahe der Seitenlinie steht, das Gesicht den Zuschauern zugewandt. Dann läuft Hertha-Torwart Rune Jarstein aus seinem Strafraum zu ihm und scheint auf ihn einzureden. Torunarigha wirkt perplex. In der Nähe: einer der beiden Schiedsrichterassistenten.

Der DFB ermittelt, die Polizei ist eingeschaltet

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes hat Ermittlungen eingeleitet. Der FC Schalke kündigte an, alle Wege auszuschöpfen, auch Videoaufnahmen aus der Arena auszuwerten, um die Rassisten ausfindig zu machen und bestrafen zu können. Bis zum Mittwochnachmittag gab es noch keine Hinweise, auch nicht von einer "#stehtauf-Anlaufstelle", die der Verein vor der Saison eröffnet hatte. Dort sollen sich Opfer von Diskriminierung melden, aber auch jene, die Täter erkannt haben. Auch die Polizei ist in die Ermittlungen eingeschaltet.

Die andere Ebene umfasst die Rolle des Schiedsrichters. Harm Osmers wusste von den Vorwürfen Torunarighas. Der DFB bestätigte durch Peter Sippel aus der Gruppe "Elite-Schiedsrichter" die Aussage der Hertha, nach der Sportvorstand Michael Preetz vor der Verlängerung zu Osmers gegangen sei und ihn auf die rassistischen Beleidigungen aufmerksam gemacht habe. Osmers, so die Berliner, habe das "zur Kenntnis genommen".

"... dann kicken wir nicht weiter"

Nach Abpfiff, so die übereinstimmende Darstellung von DFB und den Berlinern, habe es ein weiteres Gespräch zwischen Preetz und Osmers gegeben. Im Anschluss habe der Schiedsrichter einen Sonderbericht angefertigt, der nun als Grundlage für die Ermittlungen dient. Laut Klubseite der Berliner habe Preetz Osmers um Schutz für Torunarigha gebeten.

Rassismus in Fußballstadien: Fans des FC Schalke waren dadurch bislang nicht auffällig geworden. "Das ist total untypisch für Schalke", sagte Sportvorstand Schneider, der Torunarighas Darstellung vorbehaltlos glaubte und von "Vollidioten" sprach, die zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Auf die Zuschauer mag das Prädikat "untypisch" zutreffen, aber auf Schalke? Im vergangenen August hatte sich Präsident Clemens Tönnies rassistisch über Afrikaner geäußert. Daraufhin ließ er sein Amt aus eigenem Antrieb ruhen. Schalkes Ehrenrat hatte den Vorwurf des Rassismus für "unbegründet" gehalten.

Schalkes Trainer David Wagner räumte nun ein, dass er Verständnis für Torunarigha gehabt hätte, falls der vom Platz gegangen wäre. "Wenn wir sagen, wir kicken nicht weiter, dann kicken wir nicht weiter. Ich hätte überhaupt kein Problem damit." Der vormalige Trainer von Huddersfield Town, der die striktere Vorgehensweise gegen Rassisten in englischen Stadien hervorhob, schränkte aber ein, dass auch alle Parteien die Diskriminierungen mitbekommen müssten. Das wiederum könnte problematisch für die Betroffenen werden.

"Kontext nicht mehr herzustellen"

Und eigentlich obliegt es dem Schiedsrichter, eine Partie abzubrechen. Seit Juli 2019 empfiehlt der Weltverband Fifa einen Drei-Stufen-Plan. Die erste Stufe sieht eine Durchsage im Stadion vor, die zweite bei weiteren Vorfällen eine Unterbrechung, die dritte den Abbruch des Spiels.

Schiedsrichter Osmers habe laut Sippel zunächst keine Beleidigungen mitbekommen. Als er schließlich vor der Verlängerung - also rund 20 Minuten nach dem Vorfall - auf die Aktion aufmerksam gemacht wurde, sei es für Stufe eins, die Stadiondurchsage, zu spät gewesen. Das sagte Sippel im Gespräch mit sportschau.de . Demnach sei da "der Kontext nicht mehr herzustellen gewesen", so Sippel. Eine eigenartige Argumentation. Rassistische Übergriffe haben schließlich keine Halbwertszeit von 20 Minuten.

So gab es keine Durchsage, die Partie wurde regulär fortgesetzt. Für Jordan Torunarigha dauerte sie allerdings nur noch etwa zehn Minuten. Nach einem heftigen Zweikampf rutschte er über die Seitenlinie, dann verlor er die Beherrschung und schleuderte eine Getränkekiste auf den Rasen. Schiedsrichter Osmers zeigte ihm Gelb-Rot. Die Aktion ereignete sich wenige Meter vor den Zuschauerrängen.