José Mourinho Der Feldherr, der aus der Zeit fiel

Seit einem Jahr ist José Mourinho ohne Trainerjob. Zwar wird er oft gehandelt wie in München, aber eine Nachfrage gibt es noch nicht. Sein Stil des Destruktiven im Spiel und in der Menschenführung hat sich überholt.

José Mourinho hat in seiner Karriere oft verbrannte Erde hinterlassen
Nick Potts/ PA Wire/ DPA

José Mourinho hat in seiner Karriere oft verbrannte Erde hinterlassen


Vor 14 Tagen klingelte der Postbote. Er brachte einen Brief mit braunem Umschlag und schwarz-rot-goldener Briefmarke, adressiert war er an "Herr José Mourinho, Champion Street, London". Der portugiesische Trainer nahm dankend entgegen und tätschelte dem Boten zufrieden die Wange.

Ein Jobangebot aus München oder Dortmund, per Einschreiben? Nein, nur ein guter Witz. Die Szene ist Teil eines Ende Oktober erstmals ausgestrahlten Wettfirma-Promotion-Videos, das Mourinho als Spitzentrainer a.D. zu Hause bei launiger Gartenarbeit und dem Sondieren von neuen Offerten zeigt, während im Hintergrund programmatisch der Soulklassiker "Mr Big Stuff" (Jean Knight) dudelt. Das strategisch im Wohnzimmerregal platzierte "Teach Yourself German"-Buch darf dabei nicht fehlen. Der 56-Jährige lernt laut eigener Aussage ja fleißig Deutsch.

Die Zeiten der freien Auswahl an Spitzenklubs sind vorbei

Interessant ist der auf halber Strecke zwischen Selbstironie und Selbstmythologisierung angesiedelte Clip aber vor allem, weil er weniger den geldgebenden Buchmacher als Mourinho persönlich bewirbt. Der "Special One", seit Dezember 2018 unbeschäftigt, gibt sich betont umgänglich. Er streichelt sogar liebevoll einen grauen Weimaraner, der in Anlehnung an den ehemaligen Chelsea-Stürmer Drogba auf den Namen Didier hört. Merke: Wer Tiere mag, kann doch kein ganz so schlimmer Sauhund sein.

Die Imagekampagne, zu der auch regelmäßige Auftritte als Studioexperte beim britischen Sky-Fernsehkanal gehören, kommt passend zur nasskalten Trainerkündigungszeit. Ein Etappenziel hat sie bereits erreicht: von inselansässigen Medien wird Mourinho dieser Tage reflexartig mit jedem halbwegs verfügbaren Job in Verbindung gebracht.

Wer sich in der Branche umhört, erkennt jedoch schnell, dass sich die tatsächliche Nachfrage (noch) in Grenzen hält. Florentino Pérez, der Vereinsboss von Real Madrid, gilt zwar als ausgesprochener Fan; Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke werden ebenfalls Sympathien für den egozentrischen Seitenlinien-Maestro nachgesagt. Die Zeiten, in denen "Mou" einer Nektar suchenden Biene gleich mal eben von einem Spitzenklub zum nächsten fliegen konnte, sind jedoch vorbei.

Ein Grundkonflikt, der alle Beteiligten erschöpft

Sein Versprechen - maximaler, sofortiger Erfolg - hat aufgrund zahlreicher Risiken und Nebenwirkungen deutlich an Attraktivität eingebüßt. Am Wochenende distanzierte sich der FC Arsenal von Gerüchten, wonach der frühere Porto- und Chelsea-Trainer die Nachfolge von Unai Emery antreten könnte. Quellen, die Mourinho nahestehen, hatten zuvor von einem Essen mit Arsenal-Geschäftsführer Raul Sanllehi berichtet.

Dass der Mann aus dem Atlantikstädtchen Setúbal einen oft rein auf das Ausbeuten von gegnerischen Schwächen ausgerichteten Kratz-und-Beiß-Fußball spielen lässt, ist noch das geringste Übel. Problematischer sind die Konsequenzen, die sich aus dieser Ausrichtung ergeben. Seit er 2010 die soldatisch-organisierte Veteranentruppe von Inter zum Champions-League-Sieg führte, traf er bei Real Madrid, Chelsea (zweite Amtszeit) und zuletzt Manchester United regelmäßig auf Vereine beziehungsweise Stars, die sich dem Diktat der Destruktion nicht restlos unterwerfen wollten.

Bei Manchester United, seiner bisher letzten Trainerstation, überwarf sich José Mourinho (vorn) mit seinem einzigen Weltstar Paul Pogba (hinten)
REUTERS

Bei Manchester United, seiner bisher letzten Trainerstation, überwarf sich José Mourinho (vorn) mit seinem einzigen Weltstar Paul Pogba (hinten)

Je talentierter die Spieler, desto geringer ist zumeist ihre Bereitschaft, sich auf vereinzelte Guerilla-Attacken zu beschränken und ansonsten dem Gegner den Spaß zu nehmen. Dieser Grundkonflikt wirkt anfangs noch belebend, erschöpft auf diesem Niveau aber nach spätestens zwei Jahren alle Beteiligten, da weder Team noch Trainer wirklich miteinander glücklich werden.

Bei United gab es sogar Streit mit dem Koch

Mourinho weiß um dieses Dilemma und strebt deswegen stets die absolute Autorität über die Kaderzusammensetzung an. Im Jahr 2019 sind gut geführte Spitzenvereine jedoch Unterhaltungsunternehmen, für die der Gewinn von Trophäen nur ein Teil des Geschäftsfeldes ist. Sie wollen dem Publikum auch aufregende Geschichten erzählen, ihre großen Helden vermarkten. Und sie wollen Trainer, die als Wertschöpfer agieren, indem sie aus guten, mittelteuren Spielern superteure Koryphäen machen. Für all diese Dinge hat sich Mourinho allerdings noch nie interessiert.

Und mit den Jahren scheint ihm auch die Fähigkeit - oder die Lust - abhandengekommen zu sein, die Angestellten mit seinem nicht unerheblichen Charme auf Linie zu bringen. Ganz offensichtlich wurde das zuletzt bei Manchester United, als er sich mit dem einzigen Weltklassekicker Paul Pogba überwarf, die bestehende Belegschaft mit rabiaten Forderungen nach Verstärkungen verunsicherte und talentierte Youngster wie Marcus Rashford keinen Schritt weiterbrachte. Sogar mit dem Koch gab es Streit: Mourinho hatte immerzu über das Kantinenessen genörgelt.

Die "Times" verglich seine rabiaten Führungsmethoden einst mit einem antiken Feldherrn, der stets verbrannte Erde hinterlässt. Diesem Zerstörungssturm will sich kaum jemand ausliefern, schon gar nicht bei den stets vor zu viel Trainermacht zitternden Münchnern, die nach dem Aus für Niko Kovac einen neuen Coach suchen, aber andere Kandidaten favorisieren.

Post aus Deutschland kommt deswegen derzeit nur im Werbevideo, es bleibt Zeit für den Garten. Bis Real-Präsident Pérez seinen Trainer Zinedine Zidane entlässt.



insgesamt 12 Beiträge
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Standeck 05.11.2019
1. Eben...
Seinen Antifussball will keiner mehr sehen, vor allem nicht bei Bayern, wo wir in den letzten Jahren unter Pep, Heynckes und Co. wunderschönen Offensiv Fussball gesehen haben. Mourinho ist out!
eimer-gelbwurst 05.11.2019
2. Korrekt
Richtigerweise hat das System Mourinho ausgedient. Schlimm war sein Fußball meistens. Aber mittlerweile auch nicht mehr erfolgreich. Für einen Nichtspitzenklub ist sich Mou vermutlich zu fein. Dennoch vielen Dank für das CL-Finale 2010 ! :)
bmt2k13 05.11.2019
3. Nicht erfolgreich?
Ich sehe schon: nur Experten hier. Wie meistens beim Thema "Mourinho". 2. Platz mit ManUnited + Gewinn der EL. Wo sie ohne ihn landen, kann man gerade ja gut sehen. Davor mit Chelsea die PL gewonnen. Davor mit Real die Phalanx von Barca in Spanien zerrüttet. Aber ja: nicht erfolgreich. :D
skeptikerjörg 05.11.2019
4. Gibt es dazu Quellen?
"Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke werden ebenfalls Sympathien für den egozentrischen Seitenlinien-Maestro nachgesagt"? Gibt es dazu irgend welche Quellen? Sollte Aki Watzke auch nur laut über Mourinho nachdenken, würde ihm der stürmische Gegenwind der Mehrheit der Fans ins Gesicht blasen! Etliche haben schon Probleme mit Favre: Zu unattraktiver Fußball, zu wenig Spektakel, usw. Und dann Mourinho mit seinem Anti-Fußball? Ich meine Favre ist selbst für seine Kritiker immer noch ein netter Kerl, Mourinho dagegen ist überheblich
fischblase 05.11.2019
5.
Sehe ich nicht so, wenn er freie Hand bekommt, ist er immer erfolgreich gewesen, es muss einem sein defensives Zerstörungsspiel nicht gefallen, aber Erfolg hatte er damit immer. Wo sich das überholt haben soll, ist nicht zu erkennen.
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