kicker.tv

Guardiola bei Bayern München Macht oder nix

Nach außen schwärmten sie unaufhörlich voneinander: Guardiola von den Bayern, der Klub von Guardiola. Vieles passt zwischen Trainer und Verein - aber nicht alles. Der Zeitpunkt der Vertragsgespräche ist Ausdruck eines dauernden Machtkampfes.

Am liebsten hätte Bayern München schon vor zwei Jahren mit Josep Guardiola verlängert, der Spanier passe perfekt zum Verein, freuten sich die Klubbosse. Ein Jahr war der Spanier da erst Trainer, aber die Bayern waren ihm verfallen wie wohl noch keinem Coach zuvor.

Seitdem wiederholte sich das Prozedere regelmäßig: Karl-Heinz Rummenigge betonte bei jeder Gelegenheit, er würde Guardiola gerne halten, "aber keine Hektik". Rummenigge sprach im Brustton der Überzeugung davon, dass der Katalane bleiben werde. Das änderte sich nach und nach. "Trainer kommen, Trainer gehen irgendwann auch", sagte Rummenigge Ende November, einen Tag vor der Jahreshauptversammlung.

Solche Events sind normalerweise die Bühne, auf der die Bayern ihre größten Coups verkünden. Im Mai 2014 die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Manuel Neuer, im darauffolgenden November gab Präsident Karl Hopfner bekannt, dass der Klub Benfica Lissabon als mitgliederstärksten Verein der Welt abgelöst habe. Dem zögernden Michael Ballack wurde einst ein Ultimatum gestellt: Er möge sich doch gefälligst bis einen Tag vor der Hauptversammlung entscheiden, ob er bleiben wolle oder nicht. Dort wurde dann unter tosendem Applaus bekannt gegeben, dass man das Angebot an Ballack zurückzog, bevor er überhaupt ablehnen konnte. Es war eine Machtdemonstration.

Natürlich ist Guardiola mächtiger als Ballack, viel mächtiger. So mächtig, wie noch kein Trainer vor ihm an der Säbener Straße. Aber auch wenn Guardiolas Position so stark ist wie bei keinem seiner Vorgänger - ihm den Klub zu Füßen zu legen, dieser Versuchung ist der FC Bayern nicht erlegen. Besonders deutlich wurde das bei dem Zeitpunkt der Vertragsverlängerung. Der Klub liebt es, frühzeitig und auf Jahre hinaus zu planen - Guardiola hätte mit seiner Entscheidung am liebsten bis April gewartet, schreibt der "Kicker". Das aber ist undenkbar gewesen für den FC Bayern.

Ein dauernder Machtkampf um Details

Das könnte dem Verein nun zum Verhängnis geworden sein. Auch wenn seit Monaten erst im Wochen-, dann im Tagesrhythmus Experten oder enge Vertraute Guardiolas verkündeten, die Entscheidung sei gefallen, mal pro Bayern, dann pro Manchester City, dann wiederum für Manchester United und zuletzt für den FC Chelsea. Der Trainer ließ sich nicht drängen. Auch nicht vom Verein.

So harmonieliebend sich Guardiola und der Verein stets gaben, darf man nicht vergessen, was für Egos an der Säbener Straße tagein, tagaus aufeinandertreffen. Das Selbstverständnis des familiären Weltvereins mit deutschen Fußballgiganten auf der einen Seite, der schon nahezu mythisch aufgeladene Wundertrainer auf der anderen Seite. Auch wenn es nicht knallt, ist das ein dauernder Machtkampf um Details. Die Bayern waren bereit, für den Katalanen fast alles zu tun. So viel Macht hat der Verein noch nie an einen Trainer abgegeben, auch nicht an Louis van Gaal.

Fast jeder Wunsch wurde Guardiola erfüllt, aber eben nicht jeder.

"Thiago oder nix", hatte Guardiola im Sommer 2013, zu Beginn seiner Bayern-Zeit, öffentlich gefordert. Er war es aus vier Jahren Barcelona gewohnt, über die Transferpolitik eines Vereins zu herrschen. Und so wollte es der 44-Jährige am liebsten auch bei den Bayern fortführen: Thiago Alcántara wurde verpflichtet, auch Guardiolas Wunschtransfers Xabi Alosono, Juan Bernat und Pepe Reina hatte man im Jahr darauf erfüllt. Dann war Schluss.

Stattdessen gab der Verein im Juli 2014 die Verpflichtung von Michael Reschke als technischen Direktor bekannt. Es war eine neu geschaffene Position, in der Reschke als Bindeglied zwischen Sportdirektor Matthias Sammer und Guardiola arbeiten und hauptverantwortlich für die mittelfristige und langfristige Entwicklung des Kaders sein sollte.

Es war eine Entscheidung, die Guardiola nicht gefallen hat. Sein Einfluss auf Transfers wurde gewaltig reduziert.

"In diesem Verein kauft der Verein die Spieler", sagte der Bayern-Coach zur Verpflichtung: "Ich muss mich dieser Situation anpassen." Solche Aussagen hörte man von Guardiola in den folgenden Monaten immer häufiger. Dem Katalanen, der bereits vor seinem Amtsantritt versucht hatte, Neymar nach München zu locken, wurden jetzt die Spieler vorgesetzt.

"Schweinsteiger ein Mensch wie Pep Guardiola"

Zuletzt etwa Douglas Costa, den Reschke nach der Copa América dringend empfahl oder Kingsley Coman, über den Guardiola sagte: "Michael Reschke hat mich über ihn informiert. Ich habe ihn bei Juventus gesehen, aber da war die Spielweise eine andere. Reschke hat gesagt, er ist gut."

Hinweise auf eine schlechte Beziehung zwischen Reschke und Guardiola gibt es öffentlich nicht. Im Gegenteil: Der 44-Jährige lobt den Sportchef häufig. Nur: Wie viel ist ein Lob von Guardiola wert? Der Trainer hatte bei fast jeder Gelegenheit betont, dass "Mario Mandzukic ein Super-Super-Spieler" ist. Kurz darauf hatte er keine Verwendung mehr für den Stürmer. Das "super, super" gehört ohnehin zu Guardiolas Lieblingsausdruck, wenn er über andere sprechen muss.

Öffentliches Lob von Guardiola bekam auch Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der langjährige Vereinsarzt, die Vereinsikone, die von einem Tag auf den anderen ihren Posten bei Bayern München aufgab. Davor soll monatelang ein Streit zwischen Müller-Wohlfahrt und dem Trainer getobt haben.

Als Nachfolger von Müller-Wohlfahrt stellte der Klub dann Dr. Volker Braun ein. Auch das dürfte Guardiola kaum gepasst haben. Er vertraute eher spanischen Ärzten, denen er auch die Behandlungen des immer wieder verletzten Thiago überließ. Es gab weiter regelmäßig Konflikte, zuletzt löste die erneute Verletzung von Franck Ribéry einen neuen Streit mit den Bayern-Ärzten aus.

Es gibt also Gründe für Guardiolas Zögern, wenn es um die Entscheidung über seinen Verbleib bei Bayern München geht. Trotzdem schätzen ihn die Klubbosse als Person.

Rummenigge zieht eine interessante Parallele. Über Bastian Schweinsteiger hatte er gesagt: "Bastian ist ein sehr beliebter Spieler, der beim FC Bayern beinahe alles erlebt hat. Nicht umsonst trägt er bei unseren Fans den Spitznamen 'Fußballgott'. Er ist in Sachen Planung allerdings ein Mensch wie unser Trainer Pep Guardiola. Jemand, der nicht ein Jahr vorher wissen muss, was passiert." Im Sommer war Schweinsteiger weg.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.