Guardiola beim FC Bayern Projekt abgeschlossen

Drei Jahre sind genug: Josep Guardiola hat beim FC Bayern seine Vorstellungen vom perfekten Fußball umgesetzt. Was aber bleibt von ihm? Eine Bilanz.

Josep Guardiola: Im Sommer ist Schluss in München
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Josep Guardiola: Im Sommer ist Schluss in München

Von Sebastian Winter, München


In den vergangenen Tagen hat Josep Guardiola einen Spruch fast schon wie ein Mantra wiederholt, wenn die Reporter mal wieder wissen wollten, was denn nun ist mit seinem Vertrag. "Jungs, am Sonntag wisst ihr es", sagte er dann stets. Guardiola hielt Wort. Seit heute ist klar: Er geht im Sommer, nach drei Jahren beim FC Bayern.

Was als Nächstes kommt für den Star-Trainer, weiß bisher niemand ganz genau - außer wahrscheinlich Guardiola selbst. Was aber bleibt von ihm?

Am 4. Juli 2013 hatte er seine erste Pressekonferenz als Cheftrainer von Bayern München gegeben. Leger gekleidet war er an jenem Sommertag in Riva, am Nordende des Gardasees, in Bluejeans, bunten Turnschuhen, weißem Hemd und dunkler Sonnenbrille. Er war glattrasiert, braungebrannt, hatte keine Augenringe. Die Auszeit in New York hatte ihm gut getan. "Ich will hierbleiben für eine lange, lange Zeit", sagte er. Der damals 42-Jährige formulierte dann noch eine Frage, die gar keine Frage war, sondern sein Leitmotiv: "Wie kann ich den Spielern helfen, sich glücklich zu fühlen auf dem Spielfeld?"

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Bayern-Trainer Josep Guardiola: Hinhaltetaktikexperte
Nun, fast zweieinhalb Jahre später, hat sein Verein den Abschied im Sommer verkündet und Guardiolas Nachfolger schon angekündigt. Es wird der Italiener Carlo Ancelotti. Von Guardiola gab es bisher kein Wort zu seiner Entscheidung, er ist mit seiner Familie schon nach Hause aufgebrochen in die Weihnachtsferien. Guardiola sah zuletzt aus, als könne er ein paar freie Tage gut gebrauchen, er wirkte müde, man konnte fast zusehen, wie die grauen Haare in seinem Vollbart mehr wurden.

Guardiola hat viel Kraft investiert, er hat den FC Bayern und auch die Bundesliga verändert. Er hat seinem Klub eine Spielphilosophie vermittelt, die ballbesitzorientierter, aber zugleich unberechenbarer ist als je zuvor. Er hat das starre Denken in taktischen Systemen aufgebrochen, weil seine Akteure nie nur Außenverteidiger oder Flügelspieler waren, sondern möglichst universell einsetzbar: Wie Kapitän Philipp Lahm, den er vom Dogma des Außenverteidiger-Daseins befreite und der stellvertretend für die flexiblen Spielerrollen steht, die Guardiola sich wünscht.

Er hat das Kurzpassspiel verfeinert und die Stärken der Spieler noch weiter gefördert, was man gut an Thomas Müller oder Robert Lewandowski sehen kann, die noch wesentlich flexibler geworden sind. Gewissermaßen hat er viele seiner Spieler auf dem Platz glücklicher gemacht.

Und er hat mit seinem Klub die Liga in einem bislang nicht gekannten Maß erdrückt. Das alles tat Guardiola mit einer öffentlich zur Schau getragenen Nonchalance, die sehr leicht daher kam - im Gegensatz zum immer etwas angestrengt wirkenden Jupp Heynckes oder dem Egomanen Luis van Gaal. Dass auch Guardiola ein Getriebener war, sah man erst am Spielfeldrand, wenn er wild mit den Händen fuchtelte wie ein außer Kontrolle geratener Dirigent, und auch mal die Schiedsrichter anfasste, als gehörten sie zu seinem Team.

Gemessen werden wird er nur am Champions-League-Titel

Guardiola wird auch Gräben hinterlassen, und Fans, die ihn durchaus zwiespältig beurteilt haben, auch weil er trotz seiner emotionalen Ausbrüche oft unnahbar blieb und die allermeisten seiner Gedanken für sich behielt. Die deutsche Sprache war auch eine Schutzhülle für ihn: Wer nicht alles versteht und wenige Vokabeln zur Verfügung hat, muss zugleich nicht viele seiner Ansichten preisgeben. Es war eine Oberflächlichkeit, die Guardiola nur in den wenigen Momenten verließ, wenn er in seine Heimatsprache wechselte.

Der Ärztestreit bleibt in Erinnerung, in dessen Zuge sich der Bayern-Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt von seinem Klub verabschiedete. Und dass während des offiziellen Teils der diesjährigen Jahreshauptversammlung der Bayern Ende November kein einziges Wort zu ihrem Trainer fiel, sprach Bände. Schon damals haben die Verantwortlichen erste Schritte zur Emanzipation eingeleitet. Dass sich die Bayern bereits mit seinem Nachfolger Ancelotti auf einen Dreijahresvertrag geeinigt haben, zeugt von langfristiger Planung, was einschließt, dass Guardiola ihnen wohl schon vor Wochen oder Monaten einen Korb gegeben haben muss.

Guardiola geht nun ausgerechnet nach jener Saison, in der er zum ersten Mal einen Kader zur Verfügung hat, der sein System der Ballkontrolle, des Kurzpassspiels, der ständigen Positionswechsel und überfallartigen Angriffe nahezu perfekt beherrscht, der seine Philosophie verinnerlicht hat und auch - falls die Schlüsselspieler nicht verletzt sind - die Champions League gewinnen kann. Aber er sah sich in München immer auch als Projekttrainer, er wollte nicht mehr den Fehler machen, wie in Barcelona für ein viertes Jahr zu unterschreiben und dies dann zu bereuen.

Ob Guardiolas Drei-Jahres-Projekt als absoluter Erfolg bewertet wird, entscheidet sich nicht in der Liga, sondern in der Champions League. Die Bayern waren dort vor seinem Antritt drei Mal innerhalb von vier Jahren im Finale, seither nicht mehr. Daran wird Guardiola gemessen, und bei aller Emanzipation von Triple-Trainer Jupp Heynckes wird ihn dessen Schatten weiter verfolgen, bis er selbst den Königspokal in Händen hält.

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CaptainSubtext 20.12.2015
1.
"Guardiola geht nun ausgerechnet nach jener Saison, in der er zum ersten Mal einen Kader zur Verfügung hat, ..... die Champions League gewinnen kann." Den hatte er auch in der letzten und vorletzten Saison zur Verfügung.
lorn order 20.12.2015
2. völlig überschätzt
Diese Startrainer, ob Guardiola, Mourinho oder Ancelotti, sind doch völlig überschätzt. Natürlich hat jeder von ihnen mindestens zwei Mal die Champions League gewonnen und viele Meistertitel geholt. Aber immer nur mit absoluten Starensembles. Gut, Mourinhos CL Sieg mit Porto mag da eine Ausnahme gewesen sein. Aber keiner dieser Herren ist dafür bekannt, mit einer zuletzt erfolglosen Allerweltstruppe mal Berge versetzt zu haben.
comfortzone 20.12.2015
3. das wesentliche Motiv für Pep
bitte eines nicht vergessen: Der FC Bayern hat Guardiola zwar viele Wünsche erfüllt, die Machtfülle die er als Trainer gewohnt war, hat er in München aber nie erhalten. In Barcelona oder Manchester entscheidet ausschließlich der Trainer über Transfers und Spielerverpflichtungen - in München nicht. Es muss schon befremdlich für Pep gewirkt haben, als man ihm einen gewissen Herrn Reschke vor die Nase setzte.
Currie Wurst 20.12.2015
4.
Die Interpretation von Guardiola´s Arbeit ist in dem Artikel deutlich zu einseitig ausgefallen: "Er hat die Stärken der Spieler noch weiter gefördert, was man gut an Thomas Müller oder Robert Lewandowski sehen kann." Ja, mag sein. Aus Götze hat er dafür nichts rausgekitzelt, Mandzukic dürfte auch nicht viele warme Worte über ihn verlieren, Dante war vor Peppiola eine große Stütze, ist dann verwurstet worden. "Und er hat mit seinem Klub die Liga in einem bislang nicht gekannten Maß erdrückt." Doch, das kannten wir schon: den Rekord gab´s nämlich in allen Belangen unter Jupp Heynckes. Punktemäßig und bezogen auf Titel. Und noch ohne Robert Lewandowski. Warum wird das alles so verklärt und Peppiola zum Denkmal gemacht, obwohl das eigentlich in zwei CL-Halbfinals krachend eingestürzt ist? Die Bayern leben doch nur noch für die letzten 5 CL-Spiele und der Rest ist Beiwerk. Peppiola hat´s nicht einmal ins Finale geschafft und da sind sie auch in dieser Saison noch lange nicht. Und dieses Rumgezicke mit den Dottores gab´s unter Don Jupp auch nicht. Bei allem Respekt: das ist eine veritable Beschönigung eines Trainers mit einem verdammt teuren Kader.
sermon orakel 20.12.2015
5. Gute Geschäfte mit Fußball……..
Überall in der Presse, im Radio und im TV ist Fußball präsent….dabei zeigt auch der letzte Skandal, dass ist doch nur Abzockerei Leute…..haste nix, biste nix, dann probiere es doch als Fußballer, lustig sind seit neuestem immer die schrill farbigen Fußballschuhe bei denen. Solange noch Idioten ins Stadion gehen, denen man nicht helfen kann, verdienen alte Männer noch einen Haufen Geld damit. Ich hab früher als Kind gekickt auf dem Bolzplatz….das war aber alles schnell langweilig, weil das Spiel selbst gibt nicht viel her, trotz Beckenbauer…….Fußball ist überrepräsentiert überall in Deutschland und Europa, weil die habe keine anderen Meldungen täglich…...
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