FBI-Ermittlungen gegen Joseph Blatter Die Schlinge zieht sich zu

Der Nun-also-doch-Rücktritt von Fifa-Chef Blatter hat die Fußballwelt überrascht. Für US-Justizbeobachter aber war es nur eine Frage der Zeit, bis der Schweizer selbst ins Visier der Korruptionsjäger geraten würde.

Von , New York


"Ich schätze die Fifa mehr als alles andere", beteuerte Joseph Blatter, der Noch-Präsident des skandalumwitterten Fußball-Weltverbands, als er am Dienstagabend unerwartet seinen Rücktritt ankündigte. Er wolle nur das tun, "was am besten für die Fifa und den Fußball ist".

Wohlfeile Worte.

In Wahrheit aber dürfte Blatter - der sich erst am Freitag so triumphierend hatte wiederwählen lassen - weniger altruistische Motive für seinen plötzlichen Sinneswandel gehabt haben. Denn was in Zürich trotz des Fifa-Korruptionsskandals für viele als Überraschung einschlug, schien für die US-Justizbeobachter diesseits des Atlantiks nur eine Frage der Zeit gewesen zu sein: Am Dienstag meldeten die "New York Times" und ABC News übereinstimmend, dass nun auch Blatter selbst ins Fadenkreuz des FBI geraten sei - der mächtigste Mann im Fußball, gejagt von der amerikanischen Justiz.

"Dies ist der Beginn unserer Bemühungen, nicht das Ende", hatte der New Yorker US-Staatsanwalt Kelly Currie schließlich schon vorige Woche geschworen, als er gemeinsam mit seiner Amtsvorgängerin, der jetzigen US-Justizministerin Loretta Lynch, die Anklage gegen 14 Fußballfunktionäre enthüllte, die die Fifa so aufrüttelte. Dass am Ende auch Blatter mit in diese Mühlen rutschen würde, allen Unschuldsbeteuerungen zum Trotz, schien da nur folgerichtig.

Doch was bewegte ihn nun konkret zum Rücktritt? Wurde er vorgewarnt? Oder bereits sogar mit belastenden Indizien konfrontiert? Haben ihn Sponsoren rausgedrängt?

In der Nacht zum Mittwoch blieben zunächst nur anonyme Zitate und Spekulationen - wenn auch wohlbegründete. Denn die Ermittlungsmethoden, die das FBI und die US-Justiz im Kampf gegen Mafiosi und Wall-Street-Betrüger über die Jahre hinweg perfektioniert haben, verlaufen stets nach dem gleichen Prinzip: Die kriminelle Organisation - in diesem Fall, so die Fahnder, die Fifa - wird langsam von außen nach innen zerlegt, bis zum Schluss der Pate fällt.

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Blatters Fifa-Karriere: Entwicklungshelfer, Generalsekretär, Big Boss

Schon die 164-seitige Anklageschrift von vergangener Woche beruhte auf den Aussagen von mindestens vier Kronzeugen aus dem Dunstkreis der Fifa: Die plauderten lieber aus dem Nähkästchen, als lange Gefängnisstrafen auf sich zu nehmen. Man gehe die Fifa an wie einen "klassischen Fall organisierter Kriminalität nach New Yorker Stil", zitierte ABC News anonyme Justiz-Insider.

Im "Fokus" dieser Ermittlungen stehe in der Tat Blatter: "Jetzt, da sich die Leute selbst retten wollen, gibt es wahrscheinlich ein Wettrennen, wer ihn zuerst an die Klinge liefert." Womöglich werde man dabei nicht "die gesamte Organisation zum Einstürzen bringen" können. "Aber vielleicht ist das auch nicht nötig."

Die "New York Times" ließ sich offenbar von denselben Quellen bei der US-Justiz ins Bild setzen: Man sei dabei, "Beweismaterial gegen Mr. Blatter zusammenzutragen", und hoffe auf "die Kooperation mit einigen jener Fifa-Funktionäre, die jetzt unter Anklage stehen", um sich so innerhalb der Organisationsstruktur der Fifa "hochzuarbeiten". Bis ganz oben? Jedenfalls immer höher.

Zuletzt enthüllten US-Medien und die Agentur Reuters die Identität des "hochrangigen Fifa-Funktionärs", der laut Anklage zehn Millionen Dollar Schmiergelder verschoben haben soll: Dabei soll es sich um Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke gehandelt haben - einer der engsten Vertrauten Blatters.

Die Schlinge des FBI und der US-Justiz zieht sich zu - und das stellt Blatter vor juristische Schwierigkeiten, selbst wenn er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Blatter sei von seinem Rechtsbeistand darauf hingewiesen worden, dass seine exponierte Position als Fifa-Chef eine eventuelle Verteidigung erschweren würde, schreibt die "New York Times" unter Berufung auf einen "hochrangigen Fußballfunktionär".

Mit anderen Worten: Jede künftige öffentliche Äußerung Blatters als Fifa-Präsident kann fortan gegen ihn verwendet werden. Dagegen klingen die offiziellen Verlautbarungen Washingtons, man halte sich aus Fifa-Angelegenheiten betont heraus, geradezu zynisch. "Die Vereinigten Staaten haben keine Position zu der Frage, wer der Präsident der Fifa ist", sagte Außenamtssprecherin Marie Harf - und konnte sich einen Nachsatz nicht verkneifen: "Ich tendiere außerdem dazu, American Football etwas mehr Beachtung zu schenken."

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Seite 1
hastdunichtgesehen 03.06.2015
1. Hoffentlich kommt jetzt raus,
wie Deutschland wirklich zum WM-Titel kam
frankfurtbeat 03.06.2015
2. nun ...
wenn er Dreck am Stecken hat bitte weg damit :-) aber weder sehe ich dadurch mehr oder weniger Fussball ... noch werde ich überhaupt American Football ansehen ... nichts alles was von da drüben kommt war bisher nötig ...
harwin 03.06.2015
3. Es wurde auch Zeit
Es wurde auch Zeit das Blatter abtritt. Die Korruptionsvorwürfe können nicht einfach so ausgesessen werden. Die Fifa braucht eine klare Reform, und eine interne Kontrollinstanz damit diese Machenschaften in Zukunft nicht mehr passieren. Interessant wird es wenn Katar und Russland nur durch Bestechung zu den Ausrichtungen der Weltmeisterschaften gekommen sind. Da gehört klar eine Grenze gesetzt, indem die Weltmeisterschaften wo anders stattfinden. Egal wieviel Geld investiert wurde. Es kann doch nicht sein, das Bestechung belohnt wird.
susuki 03.06.2015
4.
Zahlen bitte! Wieviel user aller Fernsehgebüren flossen als Schwarzgeld, am Fiskus vorbei, in die Taschen korrupter Funktionäre? Wurde nur der US-Fiskus betrogen? Wo bleiben die Ermittlungen der anderen 600 Staten welche die FIFA betrogen hat?
BertramAnderer 03.06.2015
5. Law&Order
Man mag ja von Blatter halten was man will, aber die Amerikaner versuchen nun, neben dem TTIP, ihre recht rustikale, sprich allein und ausschließlich an den US Interessen ausgerichtete Rechtssprechung, auf alle Länder auszudehnen. Das ist die neue und sehr effiziente Form des Kolonialismus und die Schweizer werden dem nichts entgegensetzen zu haben. Im Gegenteil.
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