Fifa-Skandal US-Behörden ermitteln gegen Blatter

Wenige Stunden nach dem Blatter-Rücktritt wird bekannt: Behörden in den USA führen Ermittlungen gegen den Schweizer. Das berichten "New York Times" und ABC.


Der US-Sender ABC will in Erfahrung gebracht haben, dass das FBI gegen Blatter ermittle. Der Sender beruft sich auf Insider, die mit der Angelegenheit vertraut seien.

Eine Bestätigung hierfür gibt es nicht, doch auch die "New York Times" berichtet über Ermittlungen gegen Blatter. Die Zeitung beruft sich auf Mitarbeiter der US-Behörden. Deren Plan war es demnach, von den am vergangenen Mittwoch festgenommenen Fifa-Funktionären Informationen zu bekommen, die Blatter belasten. Der Präsident sei von vornherein das eigentliche Ziel gewesen.

Bisher sind 14 Funktionäre angeklagt, am Dienstag wurde zudem bekannt, dass der Blatter-Vertraute und Generalsekretär der Fifa Jérôme Valcke für eine dubiose Zahlung in Höhe von zehn Millionen Dollar verantwortlich gewesen sein soll.

Die Spur in dem Korruptionsskandal führte immer dichter zu Blatter, am Dienstagabend kündigte der 79-Jährige dann seinen Rücktritt an, nach 17 Jahren an der Spitze des Weltverbandes. Über Druck von den Behörden sprach Blatter nicht, er sagte: "Ich habe ernsthaft über meine Präsidentschaft nachgedacht und über die 40 Jahre, in denen mein Leben untrennbar mit der Fifa und diesem großartigen Sport verbunden gewesen ist." (Hier finden Sie die Rede im Wortlaut)

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Blatters Fifa-Karriere: Entwicklungshelfer, Generalsekretär, Big Boss
Mit seiner Wiederwahl am vergangenen Freitag habe er noch einmal das Mandat der Fifa-Mitglieder bekommen, erklärte Blatter, "aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht das Mandat der gesamten Fußball-Welt habe. Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlichen Kongress niederzulegen."

Blatters Nachfolger als Fifa-Präsident soll voraussichtlich zwischen Dezember 2015 und März 2016 gewählt werden, kündigte dann auch Domenico Scala an. Der Chef der Fifa-Compliance-Kommission führt, auch wenn Blatter sein Amt bis zur Wahl behält, von sofort an die Geschäfte. (Hier erfahren Sie mehr über Interimschef Scala)

Gemäß Statuten des Weltverbands seien mindestens vier Monate zur Vorbereitung eines Wahlkongresses notwendig, sagte Scala. Der nächste reguläre Fifa-Kongress ist erst für den 12. und 13. Mai 2016 in Mexiko-Stadt vorgesehen. "Dies würde eine unnötige Verzögerung bedeuten", sagte Blatter.

"Tief verwurzelte strukturelle Veränderung"

Zusammen mit Scala wolle er in den noch verbleibenden Monaten an der Spitze grundlegende Veränderungen durchführen. Nach den nicht enden wollenden Korruptionsvorwürfen kündigte Blatter eine "tief verwurzelte strukturelle Veränderung" an.

Außer den US-Behörden ermittelt auch die Schweizer Bundesanwaltschaft - allerdings nicht gegen Blatter. "Das Verfahren der Bundesanwaltschaft wurde wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie des Verdachts der Geldwäscherei gegen unbekannt eröffnet", hieß es in einer Mitteilung. Blatter sei kein Beschuldigter, sein angekündigter Rücktritt habe keinen Einfluss auf das Strafverfahren.

Am Ende seiner Rede vor kleinem Publikum - die Pressekonferenz war erst knapp zwei Stunden vor Beginn angekündigt worden - sagte Blatter: "Es ist meine tiefe Sorge um die Fifa und ihre Interessen, die mich zu dieser Entscheidung veranlasst hat. Ich möchte denen danken, die mich immer unterstützt haben in konstruktiver und loyaler Weise als Präsident der Fifa."

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
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Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
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Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
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José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
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Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
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Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
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Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
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Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.



insgesamt 63 Beiträge
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petergrafstein 02.06.2015
1. Schade
das Sepp Blatter zurückgetreten ist. Korruption hin oder her. Man darf nicht vergessen wie er auch den Fussball in der sogenannten dritten Welt gefördert hat und Spenden abgegeben hat. Alles gute für die Zukunft Sepp.
pospischilp 02.06.2015
2. Der Weltpolizist schlägt zu...
Die WM-Vergabe an Russland wurde Blatter zum Verhängnis. Das US-Imperium schlägt gnadenlos zu.
Europäischer Realist 02.06.2015
3. In den USA wird´s mal wieder entschieden ...
wie so vieles in der Welt und Europa, lol. Schade nur, dass die Amis nicht auch mal einige der vielen korrupten südeuropäischen Politiker in die Zange nehmen ... da hätte der Steuerzahler evt. mal was davon.
karend 02.06.2015
4. .
Nach den bisherigen Vorgängen war das naheliegend. Abwarten, was die Ermittlungen hervorbringen werden (oder auch nicht).
meins01 02.06.2015
5. Fifa
Ein Hoch auf die souveräne Ansammlung von geldgeilen Anzugträgern... Erst als die Ermittlungen beginnen, zieht Blatter Konsequenzen? Das geht nicht!
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