Kimmich bei Bayern-Sieg in Berlin Die Rückkehr des Strategen

Joshua Kimmich feierte nach Corona und den Folgen sein Comeback im Mittelfeldzentrum und zeigte bei Hertha BSC eine starke Leistung. Die Berliner haben eine offene Flanke – aber nicht nur sportliche Probleme.
Joshua Kimmich war bei Hertha BSC der überragende Mann

Joshua Kimmich war bei Hertha BSC der überragende Mann

Foto:

Sebastian Räppold/Matthias Koch / imago images/Matthias Koch

Rückkehr des Strategen: Quarantänen, Corona und eine Folgeerkrankung hatten Joshua Kimmich seit Mitte November davon abgehalten, der Fixpunkt im Spiel des FC Bayern zu sein, der er gern sein möchte und den die Bayern brauchen. Gegen Hertha BSC feierte er ein famoses Comeback im Mittelfeldzentrum. Kimmich bereitete zwei Tore vor, spielte sieben Schlüsselpässe und passte den Ball bei einer Quote von 91 Prozent insgesamt 125-mal, zum Vergleich: Die gesamte Berliner Mannschaft lag zusammen bei 153 Pässen. »Es macht wirklich Spaß, wieder auf dem Platz zu stehen«, sagte Kimmich bei DAZN fast schon schmallippig, fast vorausschauend ob einer folgenden Frage zur ganz persönlichen Coronalage . Zusammengefasst: alles »wieder völlig in Ordnung«.

Das Ergebnis: 4:1 (2:0) gewannen die Bayern am Ende, Corentin Tolisso (25. Minute), Thomas Müller (45.), Leroy Sané (75.) und Serge Gnabry (79.) trafen für die Bayern, Jurgen Ekkelenkamp für Hertha (80.). Die Bayern bleiben bei sechs Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze, Hertha krebst weiter in der unteren Tabellenhälfte herum. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Erste Hälfte: Früh war der Ball nach einer Halbfeldflanke von Thomas Müller und einer Direktabnahme von Tolisso im Tor (2.), der Treffer zählte aber wegen einer marginalen Abseitsstellung nicht. Eine Halbfeldflanke von Kingsley Coman später war der Ball wieder im Tor, diesmal zählte der Treffer von Tolisso (25.). In der 36. Minute war es dann eine Halbfeldflanke von Serge Gnabry, in die Irgendwie-schon-aber-irgendwie-doch-nicht-Weltfußballer Robert Lewandowski grätschte und nur am stark reagierenden Alexander Schwolow scheiterte. Wenige Momente vor der Pause war es dann zugegebenermaßen ein Freistoß aus dem Halbfeld, den Müller ins Tor lenkte (45.).

Offene Flanke: Aufmerksamen Leserinnen und Lesern dürfte aufgefallen sein, dass die bayerischen Angriffe einem bestimmten Muster folgten: Flanken aus den Halbfeldern. Ganz zufällig kommt das nicht, laut dem Statistikportal fbref.com  wurde gegen kein Team der Liga häufiger geflankt als gegen die Hertha – bis zur Partie gegen die Bayern satte 206-mal in 19 Spielen. Trainer Tayfun Korkut bot gegen die Bayern mutmaßlich extra eine Fünferkette auf, um diese Bälle zu verhindern, zumal Keeper Schwolow nicht der beste Flankenfänger der Liga ist. Dass die Bayern dennoch gerade dadurch gefährlich wurden, liegt einer gewissen Cleverness zugrunde:

  • In der 25. Minute verteidigte Hertha im Strafraum mit drei Spielern gegen Müller und Tolisso, der beim Spiel über die Flügel immer wieder in den Strafraum rückte. Weil Müller aber im richtigen Moment zum ersten Pfosten antrat, zog er den Raum hinter sich frei, in den wiederum Tolisso stach und einköpfte.

  • In der 45. Minute wunderte sich halb Berlin, dass Müller nach einem Freistoß am ersten Pfosten frei stehend einschob. Nach einem Antäuschen von Sané war eine erste Riege um Gnabry gestartet, die bei der dann folgenden Flanke von Kimmich im Abseits stand. Beim Zurückgehen blockte Gnabry aber den verteidigenden Ishak Belfodil, der sonst möglicherweise hätte klären können.

Parierte zum Teil stark, aber mit einem heftigen Aussetzer vor dem 0:3: Hertha-Keeper Alexander Schwolow

Parierte zum Teil stark, aber mit einem heftigen Aussetzer vor dem 0:3: Hertha-Keeper Alexander Schwolow

Foto: Andreas Gora / imago images/Andreas Gora

Zweite Hälfte: Nach der Pause startete Hertha mit der ersten Chance – und was für einer: Nach einer scharfen Hereingabe von Maximilian Mittelstädt legte Vladimir Darida den Ball aus kürzester Distanz neben das Tor (52.). Dann fiel die Hertha wie ein Abstiegskandidat auseinander: Einen Katastrophenpass von Schwolow ins Münchner Angriffspressing verwandelte Sané direkt ins Tor (74.). Nach einem Ballverlust ließ sich Hertha auskontern, Gnabry schob ein (79.). Immerhin: Ekkelenkamp vermieste der bayerischen Defensive nach einem Fehler des eingewechselten Dayot Upamecano zumindest die mutmaßliche Prämie für Spiele ohne Gegentor (80.).

»Die Art und Weise«: Die Stimmung bei Hertha BSC war bereits vor der Partie schlecht. Nach zwei Niederlagen aus den vergangenen Pflichtspielen, einschließlich der Pokalpleite im Derby gegen Union unter der Woche, wurde eine größere Anzahl von Fans beim eigentlich nicht öffentlichen Training vorstellig: Die Polizei bestätigte gegenüber dem RBB eine verbale Auseinandersetzung mit rund 80 Personen, zuerst hatte die »Bild« berichtet. Man könne den Unmut grundsätzlich verstehen, sagte Sportdirektor Arne Friedrich vor der Partie bei DAZN. »Die Art und Weise wiederum, wie sie dies vorgetragen haben, nicht.« Gleiches sagte Friedrich übrigens auch über die sportliche Misere: »Wir können Spiele verlieren, die Art und Weise muss aber passen.« Wohl wissend, was dem Team gegen die Bayern blühte.