Verletzter Bayern-Profi Kimmich Der Störfall

Joshua Kimmich wird bis zum Jahresende ausfallen. Für den FC Bayern und die Nationalmannschaft ist das ein Härtetest: Kommen sie ohne den Mittelfeld-Star aus?
Joshua Kimmich in Action

Joshua Kimmich in Action

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Der "Super-GAU" blieb aus. Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidžić nutzte vergangene Woche diesen drastischen Begriff, als er über das mögliche Ende von David Alaba beim FC Bayern sprach, über das Szenario eines ablösefreien Abschieds des Österreichers im Sommer. Dass das für den FC Bayern nur schwer zu verkraften wäre, ein Super-GAU eben. In eine ähnliche Kategorie hätte der FC Bayern mit Sicherheit eine monatelange Pause von Joshua Kimmich verortet, wäre er tatsächlich mit einem Kreuzbandriss bis zum Sommer ausgefallen. 

Doch so schlimm kam es nicht, Kimmich wurde noch am Sonntagabend am rechten Außenmeniskus operiert, rund 24 Stunden nach seiner folgenschweren Grätsche von Dortmund. Damit fällt Kimmich zwar für den Rest des Jahres aus, laut Auskunft der Klubärzte soll er aber im Januar schon wieder fit sein für ein Comeback. Etwa acht Wochen Pause statt wie befürchtet ein gutes halbes Jahr, ging also doch noch halbwegs glimpflich aus. Für Joshua Kimmich. Und für den Klub.

Wie schlimm trifft aber der Ausfall die Bayern wirklich? Was bedeutet die Verletzungspause? Und überhaupt: Kann es der FC Bayern auch ohne Kimmich?

Zum Strategen und Taktgeber gereift

Wären die überschwänglichen öffentlichen Elogen der vergangenen Monate ein realistischer Gradmesser, dann drohen den Bayern düstere Wochen. Unverzichtbar, unersetzbar: Das waren im Zusammenhang mit Joshua Kimmich die wohl am meisten benutzten Adjektive.

Tatsächlich hat sich Kimmich, der in seinen fünf Jahren in München immer mehr zu einem prägenden Spieler herangewachsen war, gerade unter Hansi Flick zur Führungsfigur entwickelt. Zu einem Spielmacher, Strategen, Taktgeber. Zum Mann für die großen Momente. Allein seine wichtigen Tore und Assists in den entscheidenden Spielen dieses Jahres:

  • die Siegtreffer gegen Dortmund in der Liga im Mai zum 1:0 und im Supercup zum 3:2 oder auch gegen Lok Moskau zum 2:1

  • seine Vorlagen in der Champions League im Halbfinale gegen Lyon (3:0) und im Endspiel gegen Paris (1:0), zuletzt gegen Atletico Madrid (4:0) und Salzburg (6:2)

Der Schockmoment für Kimmich und die Bayern

Der Schockmoment für Kimmich und die Bayern

Foto: Martin Meissner / AP

Dazu seine Stärke in Balleroberung und Spieleröffnung, die lautstarken Anweisungen an die Mitspieler, Mimik und Körpersprache: Kimmich ist zu einer Autorität im Spiel des FC Bayern gereift. Hansi Flick traf es ganz gut, als er vergangenen Dienstag nach dem 6:2 in Salzburg sagte: "Joshua ist ein Mentalitätsmonster."

Und doch spricht bei nüchterner Betrachtung einiges dafür, dass die Bayern auch die zwei Monate ohne Kimmich ganz gut überstehen werden. Personell dürfte neben Leon Goretzka der zuletzt sehr überzeugende Corentin Tolisso gesetzt sein. Dazu können sich die Bayern beglückwünschen, nach dem Abgang von Thiago nach Liverpool den unverwüstlichen Javi Martínez gehalten zu haben, auch er ist nach wie vor eine solide Alternative für das Spiel auf der Sechs.

Und da ist ja auch noch Alaba

Weniger Zutrauen hat Hansi Flick derzeit noch in Marc Roca, der Neuzugang von Espanyol Barcelona dürfte nur im Notfall zum Zuge kommen. Stattdessen noch eine realistische Möglichkeit wäre da eher noch David Alaba, der bei den Bayern schon immer mit einer Position im defensiven Mittelfeld liebäugelte, meist aber links hinten oder wie zuletzt in der zentralen Abwehr stand.

Für Alaba in der Innenverteidigung hätte Hansi Flick neben Jérôme Boateng und Niklas Süle mit Benjamin Pavard und Lucas Hernández zwei weitere Optionen. So werden die Bayern Kimmichs Ausfall ganz gut kompensieren können, zumindest hinsichtlich des Personals. In Sachen Persönlichkeit ist es da schon schwieriger.

Auch der Zeitpunkt von Kimmichs Ausfall dürfte verschmerzbar sein. Wenn schon zwei Monate Pause, dann lieber jetzt. Auch wenn bis Weihnachten noch sechs Bundesliga-Partien anstehen, darunter das Topspiel gegen Leipzig am 5. Dezember: In der Champions League sind sie als ungefährdeter Gruppenerster so gut wie sicher fürs Achtelfinale qualifiziert, eine längere Verletzungspause Kimmichs im Frühjahr, vor den entscheidenden K.o.-Spielen, wäre weitaus schwerer wegzustecken.

Und beim DFB?

Bundestrainer Joachim Löw hatte Kimmch als Stützpfeiler im Mittelfeld für die kommenden Nations-League-Partien gegen die Ukraine (Samstag, 14. November, 20.45 Uhr) und Spanien (Dienstag, 17. November, 20.45 Uhr) fest eingeplant. Er wird fehlen, aber es ist, mit Verlaub, nur die Nations League. Selbst wenn die Löw-Elf sich dort nicht durchsetzen sollte: Es wäre ein Dämpfer, entscheidend für die Geschicke dieser Mannschaft ist es nicht.

Gegen die Niederlande 2019

Gegen die Niederlande 2019

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Toni Kroos und İlkay Gündoğan im defensiven Mittelfeld, davor Leon Goretzka, das sind nicht die schlechtesten Alternativen, die der Bundestrainer zur Verfügung hat. Das sollte vor allem im Heimspiel gegen die Ukraine hinreichend sein. Was Kimmich dieser Mannschaft geben kann und wie wertvoll er in der Motivation seiner Mitspieler ist, welche Signale er mit seiner Präsenz ausstrahlt, darüber kann die Auswärtspartie zum Jahresabschluss in Sevilla gegen Spanien wohl am ehesten Auskunft geben.

Kimmich ist ein Spieler für die Chemie einer Mannschaft, das gilt auch fürs Nationalteam, dem ohnehin zuweilen vorgeworfen wird, es sei zu brav zusammengesetzt. Ein Vorwurf, der Löw allerdings immer schon kaltgelassen hat. Die Führungsspieler-Debatte ist schließlich so alt wie seine Trainerlaufbahn beim DFB. Sein zentraler Spieler Joshua Kimmich zumindest musste sich diesen Schuh nie anziehen.

Für den FC Bayern geht es dann nach der Länderspielpause gegen Werder Bremen weiter. Im Spiel eins ohne Kimmich. Die Chancen stehen gut, dass die Bayern in den kommenden Wochen auch ohne ihn erfolgreich spielen werden. Dass sie ihn vermissen werden, dass sie es aber auch verkraften können. Dass der Kimmich-Ausfall kein Super-GAU ist. Nur ein Störfall.

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