Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC Mit neuem Glanz heraus aus dem Mittelmaß

Es ist die Überraschung dieser Saison: Jürgen Klinsmann wird Trainer bei Hertha. Doch nach SPIEGEL-Informationen wollten die Berliner den ehemaligen Bundestrainer schon 2018. Im Sommer könnte Niko Kovac übernehmen.

Jürgen Klinsmann
Robert Michael / DPA

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Hertha BSC hat sich intensiv bemüht um Jürgen Klinsmann. Der ehemalige Bundestrainer sollte den Berliner Bundesligaklub, der zunehmend hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben war, als Trainer zu größeren Erfolgen führen. Klinsmann wurde umgarnt. Er überlegte ernsthaft. Dann sagte er ab. Also machte Hertha vorerst weiter mit Trainer Pál Dárdai. Das war im Sommer 2018.

Gut 16 Monate später ist Klinsmann nun doch noch Trainer bei Hertha BSC geworden. Der 55-Jährige, der seit seinem Ende bei der US-Nationalmannschaft 2016 ohne Trainerjob war, übernimmt von Ante Covic, der Dárdai erst vor dieser Spielzeit abgelöst hatte. Das bestätigte Hertha am Mittwochmittag in einer Presseerklärung.

Klinsmann soll Hertha jetzt bis Saisonende dorthin führen, wo der Klub sich vor allem nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst mit 225 Millionen Euro im Juni selbst sieht: in die Nähe der Europapokalplätze. Eigentlich träumt Windhorst ja davon, aus Hertha irgendwann einen "Big City Club" wie den FC Chelsea, Paris Saint-Germain oder Real Madrid zu formen.

Klinsmann soll dieses Ziel nicht kurzfristig erreichen. Erst mal gilt es, den festgefahrenen Hauptstadtklub aus der Mittelmäßigkeit herauszulenken. Zumindest mit seinem Namen verleiht der Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 den Berlinern schon mal neuen Glanz.

Aktuell steht Hertha aber auf Platz 15 - vom Relegationsplatz 16 trennen den Verein nur zwei mehr erzielte Tore gegenüber Fortuna Düsseldorf. Nach dem 0:4 in Augsburg am Sonntag war Covic, der bei einem Sieg hätte weitermachen dürfen, nicht mehr zu halten. Von einem "Offenbarungseid" wurde intern gesprochen.

Kovac war die erste Wahl von Hertha-Manager Preetz

Dass Klinsmann zehn Jahre nach seinem geräuschvollem Aus beim FC Bayern in die Bundesliga zurückkehrt, gilt als Sensation. Dass er das bei einem Durchschnittsklub tut, der in seiner dritten Saison in Folge die Europapokalplätze zu verpassen droht und im Abstiegskampf steckt, wirkt kurios. Aber das hat zwei Gründe: Der eine heißt Windhorst, der andere Michael Preetz, Herthas Manager.

Anfang November wurde verkündet, dass Klinsmann einen von vier Plätzen im Hertha-Aufsichtsrat übernimmt, die dem Investor Windhorst in dem neunköpfigen Gremium zustehen. Windhorst hält 49,9 Prozent der Anteile an der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Klinsmann sollte also die Arbeit der Geschäftsführung (unter anderem die von Preetz) überwachen und die sportliche Kompetenz einbringen, die Windhorst selbst fehlt. Dann verschärfte sich die sportliche Misere bei Hertha.

Klinsmann war aber nicht die erste Wahl von Preetz. Der Manager, der seit Langem ein freundschaftliches Verhältnis mit Klinsmann pflegt, kontaktierte am Montag zunächst Niko Kovac. Doch der sagte ab, weil er nach seinem Aus beim FC Bayern am 3. November vorerst pausieren will und weil er mit Covic befreundet ist (Kovac ist sogar der Patenonkel von Covic's Sohn).

Hat Windhorst die Macht bei Hertha übernommen?

Am Dienstag saßen die Hertha-Entscheider bis in die Nacht zusammen. Eingeflogen waren extra Windhorst und Klinsmann, der seinen Hauptwohnsitz noch in den USA hat. Dass Klinsmann übernimmt, war da noch lange nicht klar. Eigentlich sah er sich eher in einer übergeordneten Rolle. Aber im Laufe der Gespräche erklärte er sich bereit, den Trainerjob zu übernehmen - auf Drängen von Preetz und Windhorst.

Preetz wollte Klinsmann nach SPIEGEL-Informationen bereits 2018 zu Hertha holen. Damals war die Rückrunde der Saison 2017/2018 enttäuschend verlaufen. Nun hat sich eine neue Konstellation ergeben.

Von außen wirkt es so, als habe Windhorst die Macht bei Hertha übernommen und seinen Trainerkandidaten durchgesetzt. Intern aber heißt es, dass Klinsmann eine gemeinsame Lösung gewesen sei - und eben schon von dem Einstieg Windhorsts ein Trainerkandidat. Windhorst trete zudem nicht wie der neue Chef im Ring auf, sondern "als Helfer".

Friedrich und Köpke stoßen zum Trainerteam

Bis Sommer soll Klinsmann jetzt die Mannschaft leiten - und zumindest dabei mithelfen, dass die von Windhorst angepeilte Transformation zum Großklub nicht durch einen Abstieg oder eine sehr schlechte Platzierung ad absurdum geführt wird.

Ob Klinsmann das gelingt, ist offen. Dass er ein reiner Motivator und Umkrempler von verkrusteten Strukturen ist, wie das nach seine Engagements vor und während der WM 2006 sowie beim FC Bayern 2008/2009 kolportiert wurde, darf bezweifelt werden. Allerdings hat Klinsmann auch seit drei Jahren keine Mannschaft mehr trainiert. Zuletzt war er RTL-Experte bei Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft.

Nach Berlin bringt er ein größeres Team mit: Andreas Köpke, der mit Klinsmann 1990 Welt- und 1996 Europameister wurde, wird Torwarttrainer, bleibt aber zeitgleich Bundestorwarttrainer bei der deutschen Nationalmannschaft. Dazu kommen als Co-Trainer der ehemalige Bremer Chefcoach Alexander Nouri und der Ex-Bundesligaspieler Markus Feldhoff, der 2016/2017 unter Nouri bei Werder als Assistent gearbeitet hatte.

Nach SPIEGEL-Informationen soll auch der ehemalige Hertha-Kapitän und 82-fache Nationalspieler Arne Friedrich (war von 2002-2010 Spieler in Berlin) zu Klinsmanns Team stoßen. Welche Rolle Friedrich, der unter Klinsmann 2006 Dritter bei der WM in Deutschland wurde, genau einnehmen soll, ist noch unklar.

Das Experiment mit Jürgen Klinsmann ist vorerst auf sechs Monate bis Saisonende angelegt. Ausgeschlossen ist es nicht, dass er im Erfolgsfall dann sogar weitermachen wird. Aber denkbar ist auch eine andere Variante: Von Niko Kovac hat sich Hertha nur die Absage für den Augenblick abgeholt. Es heißt, ab Sommer wolle der gebürtige Berliner und ehemalige Hertha-Spieler wieder arbeiten.

insgesamt 13 Beiträge
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win 27.11.2019
1. Traurig
Da bleibt nur noch die Hoffnung, dass das Co-Trainer Team (Alexander Nouri und Markus Feldhoff) die entsprechende Erfahrung bereitstellen kann und über genug Durchsetzungsvermögen verfügt. Kliensmann ist ein Showmensch, einer der eine Umgebung einrichten kann und sie mit den gestellten Gegenständen hübsch aussehen lassen kann. Eine Fußballmannschaft ist was anderes, das sind Menschen, keine Gegenstände, die sich zwar motivieren lassen, aber da muss was zusammen passen, auf eine lange Zeit hin und bei Veränderungen. Hat es bei Hertha eher selten oder so gut wie nie. Auch der Vorstand - wann kommt endlich ein richtiger Vorstand und nicht der weinerliche Vereinstradionsgedächtnisvermächtnisstrauerhaufen und wann wird die Sportwelt vom dem nichtsagenden Geschwätz des Herr Preetz erlöst? Preetz und Klinsmann ein Dreamteam, um brüllend und schreiend aus dem Raum zu flüchten in dem sie sich befinden oder gleich aus dem Fenster oder vom Planeten zu springen.
christianfischer 27.11.2019
2. Windbeutel
Super Hertha....einen Handelsvertreter geholt, welcher sich extrem verkauft, aber als Trainer ehrlich gesagt keinerlei Kompetenz hat...Sieht man ja schon am Trainerstab...Ach wie liebe ich jetzt Union......
wowal 27.11.2019
3. Endlich
Die Freude könnte kaum größer sein. Immer noch hängt der Provinzmief über den Charlottenburgern. Ein Mann wie Klinsmann + Team wecken endlich einmal Hoffnung, einen strategischen Neuanfang hinzubekommen, der den kompletten Verein mitreißt. Man hat Mühe, nicht zu euphorisch zu werden.
tuffgong 27.11.2019
4. Ach Hertha...
Wo soll man da anfangen? Was für ein Sch***Verein! Und das sag ich als Berliner, der vor 40 Jahren beim Hertha-Training mit seinem Panini-Heft stand und von Ete Beer & Co Autogramme haben wollte. Ramschladen Tedi als Hauptsponsor. Frank Zander (!) singt die dämlichste Vereinshymne aller Zeiten (nur nach Hause...). Hertha BSC ist ein Proleten-Verein. Der Assi-Club aus der Assi-Hauptstadt. Viel Glück, Jürgen!
francis1701 27.11.2019
5. Erst mal abwarten!
In vielen Foren sind momentan wieder die typisch deutschen "Motzkis" unterwegs und machen erstmal alles schlecht. Ich glaube, das ist so eine spezielle deutsche Eigenschaft, die niemals ausstirbt (besonders bei Fußballfans, die selbst nie im Verein gespielt haben). Wartet doch bitte ab!
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