Ex-Bundestrainer Klinsmann Die Tragik des Jürgen K.

Deutschlands DFB-Auswahlen sorgen aktuell für Jubel. Der Grund für den Aufschwung liegt Jahre zurück, auch Ex-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hatte einen Anteil. Heute redet über den WM-Helden von 2006 fast keiner mehr.

Jürgen Klinsmann als US-Coach
AFP

Jürgen Klinsmann als US-Coach

Von Nikolai Huland


Weltmeister 2014, jetzt noch Confed-Cup-Sieger und U21-Europameister: In Deutschland kann man das Gefühl haben, im Fußball "über Jahre hinaus unbesiegbar" (Franz Beckenbauer, 1990) zu sein. Jürgen Klinsmann hätte daran einen Anteil. Er hat den Sport vor mehr als einem Jahrzehnt nachhaltig verändert. Doch der in Kalifornien lebende Innovator von damals gilt nicht mehr als en vogue.

Seinem Sohn Jonathan gelang gerade der Sprung in die Bundesliga, doch Jürgen Klinsmann ist im Geschäft derzeit ohne Rolle. Aus der Ferne kommentiert er aber Ereignisse in den sozialen Medien, häufig in Versalien, gerne mit Ausrufezeichen. Seinem Nachfolger als Bundestrainer gratulierte er, nachdem Deutschland in St. Petersburg den Confed Cup gewonnen hatte: "Riesenglückwunsch Jungs !! Wahnsinns Arbeit von Jogi und seinem Team!!".

Am Wochenende nahm der Ex-Nationalstürmer in Mexiko an einem Ehemaligentreff teil. Mit früheren Kollegen wie Lothar Matthäus und Thomas Häßler kickte Klinsmann gegen alte Stars Mexikos. "Hatten riesigen Spaß heute in Mexiko City mit unserer alten Truppe!!", schrieb Klinsmann dazu.

Wie konnte es dazu kommen, dass der Ex-Bundestrainer jetzt von jenseits des Atlantiks twittert, statt hierzulande für seine Verdienste gefeiert zu werden? Als Bayern-Trainer wurde er 2009 noch während seiner ersten Saison weggeschickt. Später wollte Klinsmann aus der US-amerikanischen Nationalmannschaft ein großes Team formen. Doch Erfolge gab es dabei trotz Gold-Cup-Triumph 2013 nicht genug und im vergangenen November wurde Klinsmann nach zwei Niederlagen zu Beginn der WM-Qualifikation entlassen.

Coach Bruce Arena übernahm und verlor seitdem mit den USA kein Spiel mehr. Auf dem Sportportal ESPN beschrieb erst kürzlich ein Journalist den vergangenen Gold-Cup-Auftritt 2015 unter Klinsmann als "D-I-S-A-S-T-E-R". Vierter wurden die USA damals, das war so schlecht wie seit 2000 nicht mehr. Aber das sei nur ein Tiefpunkt der Klinsmann-Zeit gewesen, hieß es in dem Artikel weiter. Unter Arena sind die Amerikaner allerdings derweil mit einem mäßigen Auftritt in den diesjährigen Gold Cup gestartet. Zum Auftakt der Kontinentalmeisterschaft für Nord- und Mittelamerika sprang gegen Panama nur ein 1:1 heraus.

Zuletzt gab es Gerüchte, Klinsmann könne als Coach nach England gehen. Nach Sunderland. In die zweite Liga. Nach der WM 2006 war noch spekuliert worden, ob Klinsmann bald beim FC Chelsea anheuern würde. Der aktuelle englische Meister war schon damals ein Top-Team. Ein Engagement von Klinsmann bei solch einem Klub wäre jetzt eine Sensation. Neue Trainer sind auch ein Versprechen in die Zukunft, und wenn es um rosige Perspektiven geht, sind heute Namen wie Julian Nagelsmann oder Pep Guardiola angesagt.

Dass Coach Klinsmann nicht dazu gehört, liegt auch daran, dass sein Image zwiespältig ist. Als Trainerneuling übernahm Klinsmann 2004 die Nationalmannschaft, sechs Jahre nach dem Ende seiner sehr erfolgreichen Spielerkarriere. Deutschland war gerade bei der EM in der Vorrunde ausgeschieden, zwei Jahre später sollte die Heim-Weltmeisterschaft anstehen. Ein Debakel daheim drohte. Der neue Trainer krempelte beim DFB einiges um und verordnete der Auswahl eine mutige, offensive Spielweise. Dafür gab es zunächst viel Kritik. Als Deutschland kurz vor dem Turnier 1:4 gegen Italien verlor, wurde sogar ein Rausschmiss Klinsmanns gefordert.

Weil das Team dann bei der WM tatsächlich die Menschen begeisterte und Dritter wurde, überzeugte Nationaltrainer Klinsmann die Kritiker. Und seine Impulse gehören zum Fundament der Löw-Zeit, die wohl noch mindestens bis 2018 andauert.

Jürgen Klinsmann (links) und Joachim Löw
DPA

Jürgen Klinsmann (links) und Joachim Löw

Aber dennoch: Klinsmann polarisierte auch in München und Amerika. Er sei impulsiv, wird ihm vorgehalten. Einerseits gilt er als Sonnenschein, andererseits als Querdenker. Doch Selbstkritik und Konfliktmanagement gelten nicht als seine Stärken. Den Ruf, ein großer Motivator zu sein, hat er auch, weil seine Ansprachen vor den Spielen der WM 2006 in dem Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" dokumentiert sind. Gleichzeitig war es Löw, der während des Turniers die Mannschaft taktisch auf den Gegner einstellte.

Kurz vor der Entlassung beim US-Verband im November kämpfte Klinsmann noch um die Gunst der Fans. In einem Video-Chat berichtete er bei Facebook von einem gemeinsamen Abendessen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Barack Obama. Der damalige US-Präsident sei gut über die zweite Niederlage in der WM-Qualifikation, ein 0:4 in Costa Rica, informiert gewesen. "Aber er hat sofort gesagt: Kein Problem, Leute. Ihr werdet das schaffen. Es sind noch acht Spiele." Zwei Tage später war Klinsmann seinen Job los.

Wie Obama ist auch Klinsmann außer Dienst. Nochmals zum mächtigsten Politiker des Landes gewählt werden kann Obama nicht, das verbietet das Gesetz. Für Klinsmann sind im Fußball theoretisch alle Jobs zu haben. In der Praxis ist er weit davon entfernt.



insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
--00-- 11.07.2017
1.
Auch der Erfolg von 2006 ist eher Löw als Klinsmann anzurechnen. Dieser war vor allem Motivator und Pressebespaßer, während Löw im Hintergrund die Fäden gezogen hat.
hegoat 11.07.2017
2.
Das war jetzt viel Geplänkel, aber die die Headline aufwerfenden Fragen klärt der Artikel nicht. Was hat Klinsi konkret um 2006 im DFB verbessert und woher kommt die Tragik deiner Geschichte? Was ist schief gelaufen?
nabitte 11.07.2017
3. da springt der 1. Kommentar doch
zu kurz. Klinsmann hat gerade in dieser Rolle großartiges geleistet. Wenn jetzt in der Zeitung über die irre Idee, Airstream-Caravans zur WM 2018 mitzunehmen, dann ist das ein Denken, dass seinen Ursprung in der WM- Vorbereitung 2006 hat. Der Erfolg im Sommermärchen mag sportlich Löw zugesprochen werden, das Aufbrechen alter Denkmuster und -strukturen war die eigentliche Leistung. Und das war eindeutig Klinsmanns Verdienst. Was wurde nicht alles über die Trainingsmethoden gelästert. Fitness? Als Schlüssel zum Erfolg? Beim Fußball?? Stellt heute niemand mehr in Frage. Klinsmann hat das Momentum der HeimWM genützt, keine Frage. Aber es so zu nutzen ist eine Leistung, die letztlich zum Titel 2014 geführt hat. Wer das nicht glaubt, möge sich vor Augen führen, wie das Teamquartier in Brasilien für den Erfolg bewertet wird. von Trainern, Spielern, Funktionären und der Presse. Als Spieler groß, als Trainer vielleicht ein One-Hit- Wonder. Jedenfalls Danke für Vieles, Jürgen Klinsmann.
wahrsager26 11.07.2017
4. Klinsmann
Ist er immer sympathisch' rübergekommen'? In Erinnerung sind noch die Buddhas auf dem Dach der Trauningsanlage..... .Das war es dann auch! Danke
nabitte 11.07.2017
5. noch eines...
... die große Frage bei der Verkündigung des jeweiligen Kaders ist: Gibt es einen neuen Odonkor? zeigt, wie weit die WM 2006 bis heute und darüber hinaus wirkt. Auch hier hat er seine Anteile.y
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