Hertha-Niederlage bei Klinsmann-Debüt Das wird kein leichter Weg

Die Erwartungen waren hoch, das Stadion ausverkauft, aber die Hertha enttäuschte auch unter Jürgen Klinsmann und verlor ihr fünftes Spiel nacheinander. Es wird ein harter Brocken für den Trainer-Star.

AFP

Aus dem Olympiastadion berichtet


Wahrscheinlich wollte Jürgen Klinsmann diesen Moment festhalten, den Augenblick, in dem sie noch vollständig da war, die Klinsmann-Euphorie im Olympiastadion. Der 55-Jährige hatte sein Smartphone gezückt und filmte die Hertha-Kurve, wie sie in seliger Einigkeit mit Vorsänger Frank Zander ihr "Nur nach Hause" schmetterte.

"Ich mag dieses Lied so", sagte Klinsmann zur Begründung nach dem Spiel, und damit hat er bei den hartgesottenen Hertha-Traditionalisten natürlich schon einen Bonuspunkt gelandet. Es sollte sich allerdings noch der sportliche Erfolg hinzugesellen, um dem neuen Trainer wirklich einen Platz im Herzen der Fans zu sichern. Und damit dürfte es nicht so leicht werden, nimmt man die 1:2-Heimniederlage der Berliner gegen Borussia Dortmund zu Klinsmanns Einstand zum Maßstab.

Dieser Weg wird kein leichter sein, das war ein anderes Lied: Das hatte Xavier Naidoo Klinsmanns DFB-Elf bei der WM 2006 mit auf den Weg gesungen, und womöglich wird Klinsmann während der 90 Minuten im Olympiastadion an den Song gedacht haben. Es lief noch nicht viel zusammen bei Hertha, sein Team schaffte es auch trotz 45minütiger Überzahl kaum, die Gäste in Verlegenheit zu bringen. Als "Mann mit Strahlkraft" hatte Hertha-Manager Michael Preetz den ehemaligen deutschen Teamchef am vergangenen Mittwoch begrüßt. Aber auch Strahlkraft reicht nicht aus, um aus einem Team, das zuvor vier Mal nacheinander verloren hatte, eine Gewinnermannschaft zu machen.

Die Mannschaft sei "enorm gewillt"

"Wir hätten uns natürlich ein bisschen mehr erwünscht", bilanzierte er auf seiner ersten Nachspiel-Pressekonferenz, aber die Mannschaft sei "enorm gewillt" gewesen, die "Umsetzung der Dinge, die wir zuvor besprochen hatten, war da" und auch die Entschlossenheit, "aus dieser Situation herauszukommen".

Klinsmann war immer schon gut darin, positiv zu denken, die zahlreichen Mängel, die fehlerhaften Zuspiele, die wenigen Torchancen, die defensive Desorientierung in der Anfangsphase - all das wird ihm dennoch nicht entgangen sein. "Uns stehen arbeitsreiche Wochen bevor", sagt er, und das bleibt als Erkenntnis aus diesem Abend übrig.

Und trotzdem hätte das Spiel ganz anders ausgehen können. Wenn Hertha-Stürmer Davie Selke kurz nach dem Wechsel nicht hauchzart im Abseits gestanden hätte, als er das vermeintliche 2:2 erzielte und danach schon jubelnd abgedreht war.

Favre kann erst einmal aufatmen

Selke war später noch in der Mixed Zone und ärgerte sich darüber, dass die Szene überhaupt vom Videoschiedsrichter überprüft worden sei, obwohl doch keine klare Fehlentscheidung vorgelegen habe. Das Überprüfen von Toren gehört allerdings zur Normalität, seit es den VAR gibt. "Wäre da anders entschieden worden, wäre das Spiel in eine ganz andere Richtung abgegangen", war Klinsmann überzeugt. Eine Richtung, die dann seinen Dortmunder Kollegen Lucien Favre in arge Bedrängnis gebracht hätte. Schließlich war die Partie in Berlin zu einer Art Endspiel für ihn hochstilisiert worden, bei einer Niederlage wäre der Druck auf den Schweizer womöglich zu hoch geworden, um ihn zu halten.

So aber konnte nicht nur Favre aufatmen, sondern auch die Dortmunder Journalistenkollegen waren erleichtert, dass sie jetzt mal wieder einige ruhige Tage erwarten können, ohne in ständiger Bereitschaft sein zu müssen. Favre sprach von der Anfangsphase seines Teams mit den schnellen Treffern durch Sancho und Hazard sogar von "Traumkombinationen". Nach dem Platzverweis für Mats Hummels kurz vorm Pausenpfiff habe man gezeigt, "dass wir zusammen sind". In der zweiten Halbzeit "haben wir gelitten, aber wir haben intelligent gekämpft". Dieses Ergebnis und der Erfolg, den Vorsprung eine Halbzeit in Unterzahl über die Zeit gebracht zu haben, sei "sehr gut für den Kopf".

Der heiße Atem der 2. Liga

Der BVB ist jetzt zumindest vorerst wieder auf Platz fünf vorgerückt, wenn auch immer noch in der Tabelle hinter Schalke 04. Von solchen Regionen können sie in Berlin derzeit nur träumen. Träumen ist in diesem Verein seit dem Einstieg des Großinvestors Lars Windhorst und seines Exekutors Jürgen Klinsmann zwar wieder ausdrücklich erwünscht, aber die Realität heißt Platz 16. Das bedeutet die Relegation, das bedeutet Abstiegskampf, das bedeutet, den heißen Atem der Zweiten Liga im Nacken zu spüren.

Das würde alles so gar nicht zu den hochgesteckten Plänen von Windhorst und Klinsmann passen. Schließlich warte man in der Stadt und im Verein "auf etwas Großes", wie Klinsmann bei seiner Vorstellung am Mittwoch sagte. Am Freitag geht es nach Frankfurt, dann kommt der SC Freiburg. Danach kann man schon mehr sagen, ob es sich wieder lohnt, ins Olympiastadion zu kommen und sich von Jürgen Klinsmann filmen zu lassen.

Hertha BSC - Borussia Dortmund 1:2 (1:2)
0:1 Sancho (15.)
0:2 Hazard (17.)
1:2 Darida (34.)
Berlin: Kraft - Stark (68. Dilrosun), Boyata, Rekik - Wolf, Grujic, Skjelbred, Mittelstädt - Darida (78. Kalou) - Lukebakio (68. Ibisevic), Selke
Dortmund: Bürki - Akanji, Hummels, Zagadou - Hakimi, Brandt, Witsel, Guerreiro - Hazard (84. Piszczek), Sancho (90. Schmelzer) - Reus (90.+2 Götze)
Schiedsrichter: Jablonski
Gelbe Karte: Darida, Grujic, Ibisevic / -
Gelb-Rot: Hummels
Zuschauer: 74.500



insgesamt 19 Beiträge
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gruenerfg 30.11.2019
1. Begriffe
Trainer-Star, aha. Braucht man als Star nicht auch Erfolge?
hausfeen 30.11.2019
2. Klinsmann ist ein perfektionistischer Fitness-Coach.
Das war er schon bei der Nationalmannschaft. Der Seitenlinientrainer war in Wahrheit schon damals sein Assistent: Löw. Deswegen ist Klinsi auch bei den Bayern so krachend gescheitert.
ecnis 01.12.2019
3. Wird schon gutgehen
Paderborn kann, Köln will nicht - da geht Berlin in die Relegation. Und schlagen da dann den HSV. Alles ist gut ...
*Querdenker* 01.12.2019
4. Klinsmann und Trainer
Ich habe Klinsmann immer für einen Schaumschläger und keinen Trainer gehalten.
ford_mustang 01.12.2019
5. Was kann man denn ...
nach solch einer kurzen Zeit erwarten? Der Teamchef kann ja noch so gut sein, wenn das Team seine Vorgaben und Anweisungen nicht umsetzen kann (oder will?), dann geht es eben nicht. Ich denke, im Kader müssen Köpfe rollen.
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