Klinsmann bei Hertha BSC Sondereinsatzkommando

Jürgen Klinsmann krempelt Hertha BSC mit einer Armada neuer Fachleute um. Der Klub beteuert, dass es sich dabei nicht um eine Machtübernahme des Investors handelt.

Co-Trainer Alexander Nouri (v.l.), Co-Trainer Markus Feldhoff, Trainer Jürgen Klinsmann bei ihrem ersten Hertha-Training. Athletiktrainer Henrik Kuchno (r.) ist schon länger im Klub.
Andreas Gora / DPA

Co-Trainer Alexander Nouri (v.l.), Co-Trainer Markus Feldhoff, Trainer Jürgen Klinsmann bei ihrem ersten Hertha-Training. Athletiktrainer Henrik Kuchno (r.) ist schon länger im Klub.

Von


Es ist ein seltsames Gefühl, Jürgen Klinsmann im bestuhlten, schmucklosen Medienraum von Hertha BSC sitzen zu sehen. Draußen regnet es am Mittwochnachmittag. Im Backsteingebäude im Berliner Westen wirkt der neue Hertha-Trainer bei seiner Vorstellung, als sei er eingeflogen aus einer anderen, einer schöneren Welt. Vielleicht auch aus der Vergangenheit.

Klinsmann, der Welt- und Europameister, der Macher des deutschen Sommermärchens von 2006 (das erst später entzaubert wurde), ist leicht gebräunt. Eingeflogen ist er ja tatsächlich - aus Kalifornien, wo er seit Jahren lebt. Der 55-Jährige lächelt, als Herthas Manager Michael Preetz neben ihm erklärt, wie traurig er darüber ist, dass er am Vormittag den glücklosen Trainer Ante Covic hatte entlassen müssen. Klinsmann schaut oft über die zahlreichen Journalisten hinweg. So, als wäre dahinten an der Wand nicht ein schlichtes Poster von einer Berliner Mannschaft aufgehängt, die gerade Tabellen-15. und im Abstiegskampf ist, sondern als sehe er dort eine glorreiche Zukunft vor sich.

Hertha-Manager Michael Preetz (r.) war wie sein neuer Coach Klinsmann DFB-Angreifer - wenn auch weniger erfolgreich
Britta Pedersen / DPA

Hertha-Manager Michael Preetz (r.) war wie sein neuer Coach Klinsmann DFB-Angreifer - wenn auch weniger erfolgreich

"Berlin, sagen viele, sei ein schlafender Riese", erzählt Klinsmann, " Lars Windhorst hat dem Klub jetzt ein bisschen einen Schubser gegeben." Der Investor Windhorst hat sich über seine Beteiligungsfirma Tennor im Juni mit einem Finanzvolumen von 225 Millionen Euro beim Verein eingekauft. 49,9 Prozent der Anteile an der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) hält er. Klinsmann wird an diesem Nachmittag sehr oft seinen Namen sagen. Das ist schon ein Hinweis darauf, in welcher Rolle er sich sieht: als Gesandter Windhorsts, aber nicht nur.

Vom Aufsichtsratsstuhl auf die Trainerbank

Klinsmann wurde Anfang November als "strategischer, sportlicher Bevollmächtigter" von Windhorst angestellt. Er sollte einen von vier Plätzen im Hertha-Aufsichtsrat besetzen, die dem Geldgeber zustehen, und die fehlende Fußballkompetenz des ehemaligen Wirtschaftswunderkindes kompensieren. Am Dienstag wurde er von Preetz und Windhorst in einer Nachtsitzung dazu überredet, das Team nach vier Niederlagen in Serie bis zum Saisonende zu übernehmen. Seinen Posten als Aufsichtsrat wird er vorerst ruhen lassen. (Lesen Sie hier die Hintergründe zur Verpflichtung Klinsmanns.)

Spekulationen, dass es sich dabei um eine Übernahme durch Windhorst handelt, der sein investiertes Geld lieber in den Händen seines Vertrauensmannes Klinsmann statt in denen des Trainernovizen Covic sieht, wies Manager Preetz am Mittwoch zurück: "Es gibt keine Machtübernahme, es ist eher ein partnerschaftliches Miteinander." Schon im Sommer 2018 wollte Preetz seinen Freund Klinsmann zum Hertha-Trainer machen. Damals sagte dieser noch ab.

Für Klinsmann ist Hertha durchaus mehr als ein Mittelklasseklub ohne besondere Strahlkraft über Berlins Grenzen hinaus. Sein Vater, der im brandenburgischen Eberswalde vor den Toren Berlins geboren wurde, war Hertha-Fan. Klinsmann beschwört diese familiäre Verbindung auch gleich, als würde sie etwas über die Zukunft aussagen: "Mein allererstes Bundesligaspiel war Stuttgart gegen Hertha", erzählt der ehemalige VfB-Stürmer Klinsmann. Als Achtjähriger habe er in der Kurve gestanden, "mit blau-weißer Fahne".

Wegbereiter für Wunschkandidat Kovac

Wie Klinsmann, der die deutsche und die US-Nationalmannschaft sowie den FC Bayern trainiert hat, den schwer in Schieflage geratenen Hauptstadtklub stabilisieren will, lässt er schon anklingen. Kurz gesagt wird er den klassischen Feuerwehrmann-Move machen: "Es geht im Moment nicht um den attraktivsten Fußball, es geht darum, Punkte zu holen", sagt Klinsmann.

Sicher, seine Idealvorstellung sei es, Fußball mit Risiko und jungen Spielern spielen zu lassen - ein Ideal übrigens, das sich mit dem von Preetz deckt. "Aber all das werde ich erst einmal hintenanstellen", sagt Klinsmann. "Da wartet ja am Samstag schon ein kleiner Brocken auf uns im Olympiastadion." Borussia Dortmund wird anreisen. Das Restprogramm bis zur Winterpause lautet: Frankfurt, Freiburg, Leverkusen und Mönchengladbach. Es gibt leichtere Aufgaben für einen Trainer, der seit zehn Jahren keine Vereinsmannschaft mehr und seit seinem Aus bei der US-Nationalelf 2016 auch überhaupt kein Team mehr trainiert hat.

Klinsmann ist eine Art prominentes Sondereinsatzkommando bei Hertha - bis zum Sommer, "damit der Klub bis dahin den Trainermarkt in Ruhe sondieren kann", sagt Klinsmann. Vermutlich wird Hertha dann einen neuen Versuch bei Niko Kovac wagen - der Anfang November beim FC Bayern entlassen worden war und den Berlinern am Montag vorerst abgesagt hatte.

Klinsmann als Umwälzer

Für seinen Rettungsauftrag hat sich Klinsmann ein üppiges Sondereinsatzteam zusammengestellt, eine Armada von Fachleuten, die Hertha kurzfristig stabilisieren und dann mittelfristig Richtung Europapokalplätze führen soll. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke hat vom DFB die Erlaubnis bekommen, vorläufig bis zur Winterpause einzuspringen - vielleicht auch länger, dann in Personalunion. Das führt zur kuriosen Sachlage, dass Köpke jetzt seinen eigenen Sohn im Team hat: Pascal Köpke ist Stürmer bei Hertha.

Jürgen Klinsmann installierte Andreas Köpke 2004 als neuen Torwarttrainer beim DFB
Hannibal Hanschke / REUTERS

Jürgen Klinsmann installierte Andreas Köpke 2004 als neuen Torwarttrainer beim DFB

Dazu kommen mit dem ehemalige Bremer und Ingolstädter Chefcoach Alexander Nouri und dem Ex-Profi Markus Feldhoff zwei neue Co-Trainer. Darüber hinaus hat Klinsmann mit Werner Leuthard einen neuen Athletik-Trainer mitgebracht, der lange unter Felix Magath gearbeitet hat. Und dann ist da noch der Ex-Nationalspieler und ehemalige Hertha-Kapitän Arne Friedrich: "Er wird als Performance-Manager nahe am Team sein. Da geht es auch um Psychologisches", sagt Klinsmann. Friedrich kommt auf seinen Wunsch, war allerdings auch seit Jahren schon im Dunstkreis des Klubs.

Diese Vorgehensweise erinnert an die vollumfänglichen Umbaumaßnahmen, die der Schwabe in der Saison 2008/2009 schon beim FC Bayern vorgenommen hatte. Oder auch seine personellen Umwälzungen beim damals strukturell stark gestrigen DFB, die Klinsmann 2004 als Nachfolger von Teamchef Rudi Völler vollzog. Stets krempelte er seinen Arbeitgeber radikal um. Das hat dazu geführt, dass man Klinsmann immer mehr als Reformer wahrgenommen hat, denn als echter Trainer, dem die tägliche Arbeit mit einer Mannschaft liegt. Damit hat man ihm manches Mal Unrecht getan.

Bei Hertha muss er nun Basisarbeit in den Niederungen des Bundesliga-Tabellenkellers verrichten. Klinsmann sagt, er wolle Schritt für Schritt nach oben klettern und er habe Lust auf die Aufgabe: "Wenn ich etwas mache, dann zu hundert Prozent."

Bei seinem ersten Training mit Hertha, das am frühen Mittwochabend endete, stand Jürgen Klinsmann lange im kalten Berliner Regen. Er sah seinen neuen Spielern nicht nur zu, er trieb sie manchmal an wie ein echter Trainer. Das ist jetzt seine neue Welt.

Klinsmann-Vorstellung im Video: "Dachte nicht, dass ich gleich wieder da bin"

OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frank_w_abagnale 27.11.2019
1.
Du meine Güte, weiß man in Berlin was man da tut...?
GustavN 27.11.2019
2.
An die Redaktion: Bin ich der einzige, der den Titel etwas geschmacklos findet? Sogenannte Sondereinsatztruppen ermordeten ab '41 hunderttausende (unter anderem jüdische) Zivilisten in der damaligen UdSSR. Mit so einem Begriff sollte man meiner Meinung nach etwas vorsichtiger umgehen. - - - - - - - - - Auch wenn es in diesem Zusammenhang etwas unpassend erscheint, wir haben Ihren Einwand selbstverständlich geprüft und müssen Sie leider korrigieren: der vergiftete Begriff, den Sie ansprechen ist die "SondereinsatzGruppe". Sondereinsatztruppen gibt es offensichtlich zumindest sprachlich ohne weitere Probleme, auch wenn die Ähnlichkeit der Begriffe es nicht vermuten lässt... MfG Redaktion Forum
anitapastor 27.11.2019
3.
Warum tut sich Klinsi dass an. Er wird sich bald nach Kalifornien zurücksehnen wenn er im ungemütlichen deutschen Herbst in den Niederungen der Bundesliga sich im Tagesgeschäft aufreibt. Der Umgang in Berlin tut sein Übriges. Er hat viel zu verlieren und wenig zu gewinnen.
lordnephilim 27.11.2019
4. Dieses Experiment
könnte gelingen. Man darf gespannt sein...
dolfi 27.11.2019
5. Lars Windhorst
und seine schnelle Eingreiftruppe fallen in Berlin ein. Ich befürchte, dass Hertha absteigt. Dieses Oligarchen-Getue funktioniert in der Bundesliga nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.