Klopp-Abschied beim BVB Ausgepresst

Borussia Dortmund und Jürgen Klopp, das war eine innige und erfolgreiche Beziehung. Die Trennung kommt trotzdem nicht völlig überraschend. Das Ende ist das Resultat einer Entwicklung, die schon vor zwei Jahren ihren Anfang nahm.

Von , Dortmund


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Das Lächeln von Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz am Mittwoch wirkte ziemlich seltsam. Gerade war verkündet worden, dass der Trainer von Borussia Dortmund seinen Platz am Saisonende räumen wird, und neben Klopp saßen zwei Herren, die mit den Tränen kämpften. Die Lippen von BVB-Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sahen aus wie dünne Striche in bleichen Gesichtern. Nur Klopp ging es offenbar gut, er wirkte befreit. Offenkundig hatten Watzke und Zorc gehofft, ihrem einstmals europaweit gefeierten Trainer gelinge irgendwie doch noch die Wende.

Dass Klopp diese Last nicht mehr tragen muss, schien ihm gut zu tun. "Ich bin nicht müde", sagte er voller Tatendrang, und seine Entscheidung habe auch nichts mit irgendwelchen Avancen eines anderen Vereins zu tun. "Ich glaube, dass Borussia Dortmund eine Veränderung braucht, und wenn meine Person verändert wird, können viele Dinge bleiben", lautete sein zentraler Satz. Klopp zweifelte nicht, wie immer war er der Macher.

Dabei hat sich das Scheitern eines Trainers bei einem Fußballverein selten derart langsam angedeutet. Man könnte auch sagen: heimtückisch. Begonnen hat der Niedergang des großen Projekts vor ziemlich genau zwei Jahren, als Mario Götze sich entschied, den vom renommierten englischen Fachmagazin "FourFourTwo" als "heißesten Klub Europas" gefeierten BVB zu verlassen und zum FC Bayern zu wechseln.

Profis glauben nicht mehr an den Erfolg der Borussia

Hin und wieder wurde der BVB während der zurückliegenden Jahre mit einer Sekte verglichen, einem Konstrukt, von dem alle Beteiligten bedingungslos überzeugt sind. Götzes Wechselentscheidung säte den ersten Zweifel, der sich in den 24 Monaten danach immer weiter ausbreitete. Der immer neue Triebe bildete. Auch Robert Lewandowski ging nach München, in dieser Saison liebäugeln nun die Leistungsträger Mats Hummels und Ilkay Gündogan mit einem Vereinswechsel, der Glaube an das Projekt ist massiv beschädigt, Klopp konnte ihn nicht wiederbeleben.

Und das hat nicht nur mit Personalien zu tun. So kursiert seit fast zwei Jahren die These, dass die intensive Spielweise des BVB die Hauptursache für die vielen Verletzungen sei. Klopp erklärte das immer für Humbug, die Häufung von Muskelverletzungen blieb. Außerdem mutmaßten Experten, dass immer mehr Teams funktionierende Gegenstrategien zu Klopps Hochgeschwindkeitsfußball gefunden haben, einfach weil viele Bundesligisten selbst Aspekte dieser Spielweise übernommen haben, täglich trainieren und damit auch kämpfen lernen. "Tempo kann man nicht entschlüsseln", lautete Klopps genervte Antwort auf die Frage, ob der BVB-Fußball decodiert sei.

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Klopp und der BVB: Jubel, Trauer und Frust
Dass die Strategie des Dortmunder Trainerteams nicht mehr so funktioniert wie in den süßen Jahren, spüren die Spieler aber Woche für Woche auf dem Rasen. Im Jahr 2013 betrug der Rückstand des BVB auf den Deutschen Meister aus München am Ende 26 Punkte, 2013 waren es 19, derzeit schweben die Bayern sogar 37 Punkte vor den Dortmundern. Und das, obwohl der BVB seit 2013 weit über 100 Millionen Euro in neue Spieler steckte.

Diese Zahlen sind imposant, und es wäre erstaunlich, wenn die Spieler nach diesen Jahren immer noch genau so überzeugt rennen, pressen und umschalten würden, wie einst. Schwindende Überzeugung ist aber ein großes Problem für eine Klopp-Mannschaft, in der sich alle bedingungslos der Strategie des Kollektivs hingeben müssen.

Keine Weiterentwicklung der Mannschaft

"Es hat nie einen Riss zwischen mir und der Mannschaft gegeben", versicherte Klopp am Mittwoch zwar; dass das Team aber nur noch an besonderen Tagen bereit war, den alten BVB-Fußball durchzuziehen, war für jeden Zuschauer zu sehen.

Im laufenden Jahr versuchte der Trainer seine Mannschaft flexibler spielen zu lassen, er wechselte immer wieder vom einstmals zementierten 4-2-3-1-System auf ein 4-1-4-1 oder ein 4-3-3 oder ein 4-4-2. Aber diese versuchten Umstellungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Letztlich ist Klopp in seiner genuinen Arbeit als Trainer mit seiner Mannschaft gescheitert, und hat die Konsequenzen gezogen.

Ähnlich spannend wie die künftige Entwicklung des BVB wird daher die Antwort auf die Frage sein, ob der Fußball-Lehrer Klopp noch einmal derart erfolgreich sein wird wie in Dortmund. Denn bei seinem alten Verein ist der Versuch einer Weiterentwicklung des Erfolgskonzeptes der Jahre 2011 und 2012 spätestens in dieser Woche endgültig gescheitert.

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Seite 1
pirosky 15.04.2015
1.
Recht hat er. Besser so. Es ist frustrierend dass Top Spieler immer abwandern zu den Bayern. Mit Sport hat das nix mehr zu tun Es geht nur noch um Profit Die Bundesliga ist langweilig geworden
lorenzcarla 15.04.2015
2. Nicht so tragisch, das Ganze...
Hast ja deine großen Verdienste, hast eine Supertruppe zusammengestellt, die brannte, die bestens bei den Fans und den Interessierten rüberkam, hast den SUUperreichen Paroli geboten, bist selbst total authentisch, hast den Riesenstress locker vertragen, bist unterhaltsam in deinen Analysen, habe jetzt schon Horror, wenn demnächst wieder Beckenbauer, Kahn, Müller-Hohenstein, Matthäus, Simon, Thurn und Taxis u.a. ihre Nicht-Analysen verbreiten dürfen, hast dich auch mit Werbung reich gemacht, gehst (Wetten!) entweder 2015 oder 2016 nach England, nimmst Hummels mit, kommst dann in die Bundesliga oder zum DFB zurück. Alles richtig gemacht, danke lieber Kloppo. Hätten wir nur ein paar mehr davon ! Gruß aus dem Bergischen Land
peter1000 15.04.2015
3. …. stimmt
… mit Sport hat das ganze Spektakel nichts mehr zu tun … panem et circenses ist jetzt pecunia et circenses und eine Riesenmenge Doofer geht hin!
rainerdavidw.früh 15.04.2015
4. Oh vey!
"Das Ende ist das Resultat einer Entwicklung, die schon vor zwei Jahren ihren Anfang nahm." Mann oh Mann, da weiß es wieder einer ganz genau! Hauptsach' s'isch g'schwätzt!
Volks.Hirn 15.04.2015
5. Mit Lewa hätte die Saison ganz anders ausgesehen
Mal schauen wie beim FCB die Nach-Lahm-Saison aussehen wird...
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