kicker.tv

Klopp-Abgang beim BVB Vorbei

Jürgen Klopps Zeit bei Borussia Dortmund als Ära zu bezeichnen, ist wohl untertrieben. Er war mehr als ein Coach, er war identitätsstiftend für diesen Klub. Was bleibt?

Jürgen Klopp und Michael Holm haben nicht sonderlich viel gemeinsam, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Sänger Holm trällerte einst "Tränen lügen nicht", ein schauriges Stück Schlager-Geschichte, das den Fußballtrainer und Dampfhammer Klopp bei all der leiernden Trostlosigkeit sicher rasend machen würde. Im Kern jedoch trifft die, sagen wir: Botschaft des Songs aber auf den langjährigen Coach von Borussia Dortmund zu.

"Das ist hier heute mein schwerster Moment", krächzte Klopp am Samstagabend im Berliner "Kraftwerk" bei seinem Abschied, so als hätte es dieser Bestätigung bedurft an seinem letzten Arbeitstag nach sieben Jahren Schwarz-Gelb.

Die Suche nach Klopps Tränen als Zeichen des Schmerzes, sie hatte längst begonnen. Auf der Ehrenrunde nach dem verlorenen Pokalendspiel gegen Wolfsburg, im Kabinentrakt und natürlich auf der anschließenden Feier. Dort sollen tatsächlich Tränen geflossen sein, allerdings nicht beim zweifachen Meistertrainer, sondern bei den Gästen, als Klopp seine Abschiedsworte sprach. Emotional, sicher. Aber viel gesetzter, als man das erwarten konnte. An die tränenerstickte, mit Pathos getränkte Rede Klopps in Mainz muss hier gar nicht erinnert werden.

Fotostrecke

Pokalfinale: Wolfsburg verhindert Klopps letzte Feier

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Jürgen Klopps Zeit beim BVB ist vorbei. Es gab Monate und Jahre, da hätte dieser Satz so unwirklich geklungen wie "Der VfL Wolfsburg ist Pokalsieger" und doch nun ist beides Realität. In den ersten Tagen mit dieser Gewissheit will die Art des Abgangs ebenso wenig zu dieser Ära passen wie das 1:3 im Pokalendspiel, das die Borussia völlig verdient verlor. Gewöhnlich ist ein müdes Wort, aber es haftet dem Ende der Klopp-Jahre an, gerade weil jedes einzelne davon das genaue Gegenteil von gewöhnlich war.

Klopp-Tränen? Ja, die gab es, für alle sichtbar bei der Ehrenrunde nach dem letzten Bundesligaspieltag im Dortmunder Stadion, bei Klopps Verbeugung vor der Südtribüne, der letzte Gruß an die Hardcore-Fans. Die Sehnsucht nach dem großen Abschied, dem Kitsch einer erneuten Sause auf dem Borsigplatz, sie erfüllte sich jedoch nicht. Geweint hat der Gefühlsmensch Klopp sicherlich in den vergangen Wochen, aber eher im Stillen, fernab der Kameras.

Hängen bleibt im Moment des Abschieds eher, wie erleichtert der Trainer nach der Rücktritts-Ankündigung im April wirkte, befreit geradezu. Das vergangene Jahr hatte Spuren hinterlassen, die kraftlosen Auftritte seiner Mannschaft und die Erkenntnis, ihr nicht mehr zurückhelfen zu können zu alter Stärke. Der Fußball, mit dem der BVB zwischen 2010 und 2013 die nationale Konkurrenz überrannte, ist nicht mehr zu sehen, Leidenschaft und Gier sind fort.

Fotostrecke

DFB-Pokal-Analyse: Warum Borussia Dortmund das Finale verlor

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

Bei Wikipedia wird unter der Überschrift "Die Klopp-Jahre" irgendwann stehen, dass sie zu den erfolgreicheren der Vereinsgeschichte zählen, und dazu gehört, dass die gewonnen Titel (außer den Meisterschaften auch ein Pokalsieg) nicht für sich stehen, sondern Teil eines Gefühls sind. An den märchenhaften Charakter dieser Phase, an dem Klopp kräftig mitgewirkt hat, erinnern zusätzlich zum BVB-Briefkopf und den Nachbildungen der Trophäen im Vereinsmuseum nun noch die Best-of-Klopp-Videos oder die "Pöhler"-Kappe im BVB-Store. Der Bundesliga hat der Trainer Klopp allerdings weitaus mehr gegeben als Sprüche und Merchandising-Artikel.

Sein Fußball hievte nicht nur Dortmund auf ein neues Level, auch der FC Bayern München verdankt seine aktuelle Dominanz den schmerzhaften Pleiten gegen den Konkurrenten aus dem Ruhrgebiet. Inzwischen haben nahezu alle Bundesliga-Vereine Varianten oder Variationen des Pressing- und Gegenpressingfußballs im Programm. Eine Antwort auf diese Entwicklung fand Klopp mit seinem Team zuletzt nicht mehr.

Die Wagenburg-Mentalität, wir gegen die anderen, das funktionierte beim BVB lange. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2013 sagte Klopp einen von vielen berühmten Klopp-Sätzen: "Wir kommen zurück." Er lag falsch, tatsächlich läutete es das schleichende Ende der Dortmunder Hoch-Zeit ein. Erfolge und Status seiner Spieler, womöglich auch sein eigener, hatten die Außenseiter-Ansprache überholt.

Klopp hat das erkannt, gegensteuern konnte er nur mit einem letzten Kniff. Während der Hinrunde der gerade beendeten Bundesligasaison stürzte Dortmund auf den 17. Tabellenplatz ab. Klopp entschied sich, zu gehen. Er hat damit den richtigen Zeitpunkt erwischt, gar nicht so leicht bei einer Liaison, die im Oktober 2013 bei der Vertragsverlängerung bis 2018 noch nach "für immer" aussah. Es funktionierte, Dortmund verließ die Abstiegsränge, qualifizierte sich sogar noch für die Europa League.

Und jetzt?

Macht Klopp erst einmal eine Pause. Und jeder, der rund 20 Euro investieren will, kann sich in einem Fotoband die schönsten Klopp-Bilder aus sieben Jahren beim BVB anschauen, auf 194 Seiten. Thomas Tuchel dürfte nicht zu den Käufern gehören, er bekäme ein Exemplar sicher auch kostenlos. Der neue Trainer hat andere Sorgen. Sein Vorgänger hinterlässt ihm sehr reale Probleme in einer Mannschaft, die beim Endspiel in Berlin einem Millionen-Publikum erneut vorführte, warum in dieser Saison nicht mehr drin war als Tabellenplatz sieben. Leer, ausgepresst geradezu wirken einige Spieler in einem Kader, der trotz etlicher Neuzugänge in den vergangenen Jahren im Kern noch immer aus zwölf Profis besteht, die 2011 und 2012 die Meisterschale holten.

Der Neuaufbau in Dortmund, das sagte Klopp sinngemäß im April, hätte umfangreicher sein müssen, wäre er geblieben. Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass Tuchel wegen der Meriten seines Vorgängers einen schweren Start haben werde. Tatsächlich bekommt Tuchel auch wegen der Fehler seines Vorgängers viel zu tun.

Ein unglaublicher Satz?

Man könnte noch mit einem weiteren enden, der eigentlich unmöglich wahr sein kann: Jürgen Klopp wird bald Trainer eines Fußballvereins sein, der nicht Borussia Dortmund heißt.

Video: Das Beste aus über 600 Pressekonferenzen mit "Kloppo"

kicker.tv

Video: