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12. Mai 2019, 10:04 Uhr

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp

Die Energiewende

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Als Jürgen Klopp kam, war die Stimmung trüb: Sportlich lief es nicht, die Fans blieben oft stumm. Am Sonntag könnte Liverpool die erste Meisterschaft seit 1990 feiern. Aber der Trainer hat schon längst gewonnen.

Die amerikanischen Besitzer des FC Liverpool sind mit smarten Investments reich geworden, dementsprechend systematisch hatte Mike Gordon, das fußballinteressierteste Mitglied der Fenway Sports Group (FSG), Jürgen Klopps Schaffenswerk vorab durchleuchtet.

Gordon kam zu dem Schluss, dass Klopp im Verhältnis zu den finanziellen Möglichkeiten in Mainz und Dortmund beständig überperformt hatte, war dann aber doch ein wenig überrascht, als der aussichtsreichste Anwärter auf den LFC-Trainerposten beim ersten Meeting in New York im Oktober 2015 weniger über Zahlen und taktische Konzepte als über die Macht der Metaphysik reden wollte.

"Regen, Blutgrätschen, Lärm"

Fußball, das sei "nicht nur System, sondern auch Regen, Blutgrätschen, der Lärm im Stadion", referierte Klopp. Es gehe darum, die ob der vielen zähen Vorführungen verstummten Zuschauer an der Anfield Road mit mitreißenden Darbietungen "zu aktivieren". Mannschaft und Publikum müssten sich gegenseitig befeuern, um den damals auf Platz zehn in der Tabelle abgedrifteten Verein erst zurück zu sich selbst und danach wieder dauerhaft nach oben zu führen.

Klopps Plan, bei der Neu-Elektrisierung des trägen Ex-Rekordmeisters auf dessen Kernkraft zu setzen, die emotionsgeladene Symbiose aus Spielern und Fans, kam bei der sorgsam haushaltenden FSG-Führungsriege besser an als jene teure Einkaufsliste, die der zeitgleich zu einem Interview gebetene Carlo Ancelotti präsentiert hatte. Ohne drei absolute Spitzenstars für Abwehr, Mittelfeld und Sturm sei der Aufschwung nicht zu machen, hatte der Italiener mit Blick auf den eher mittelprächtigen Kader trocken erklärt. Ancelotti landete dann später beim FC Bayern.

Die erstrebte Energiewende gestaltete sich jedoch schwierig. In Klopps erster, erratischer Spielzeit fühlte er sich von der Anfield-Kulisse mitunter "allein" gelassen. Das fachkundige Publikum war mit bloßem Einsatz nicht zu bewegen. Der Versuch, ein spät erkämpftes 2:2 gegen West Bromwich Albion gemeinsam vor der "Kop"-Tribüne zu feiern, schlug spektakulär fehl. Ein Unentschieden gegen einen Abstiegskandidaten sei kein Grund für Gefühlsausbrüche, befand man an der Mersey.

Diese Vorgeschichte muss man kennen, um zu verstehen, wie bedeutsam der Moment war, als ganz Liverpool, all jene in kurzen Hosen und all jene in langen, nach dem 4:0-Sieg gegen Barcelona im Champions-League-Halbfinale in inniger Verbundenheit dem gemeinsamen Rausch frönten.

"Der Mann mit der Megawatt-Persönlichkeit", wie Gordon von der FSG Klopp einst nannte, hatte an diesem Dienstagabend den wesentlichsten Teil seiner Mission erfüllt. Mannschaft, Klub und Fans sind wieder eins, ein außerhalb der roten Hälfte der Stadt keineswegs geliebtes, aber unbedingt gefürchtetes Gesamtkunstwerk, das im Wettstreit mit ähnlich guten, wenn nicht gar besseren Teams seinen mythischen Zauber entfacht. Wer will nach so einem Spiel und dem zweiten Einzug in ein Champions-League-Finale in Folge noch an der Einzigartigkeit der Reds zweifeln? Seine Jungs sicher nicht.

"Fucking Mentalitäts-Giganten" seien seine Kicker, entfuhr es Klopp im Fernsehinterview, bevor er den Anteil der Zuschauer am bisher größten Triumph seiner Amtszeit herausstellte: "Wir wissen, dass dieser Verein eine Mischung aus Atmosphäre, Emotion, Verlangen und fußballerischer Klasse ist. Wenn eines dieser Elemente nicht vorhanden ist, funktioniert es nicht."

Pokale? Sind nebensächlich

Liverpools frisch entfachte Selbstbegeisterung wird erst recht keine Grenzen kennen, wenn am Sonntag das nächste mittelgroße Wunder passieren und Klopps Elf Tabellenführer Manchester City, die Ergebnismaschine von Pep Guardiola, auf den letzten Metern doch noch überholen sollte. City, das in der Tabelle vor diesem letzten Premier-League-Spieltag einen Punkt vor den Reds liegt, tritt bei Brighton & Hove Albion an. Liverpool empfängt zeitgleich die Wolverhampton Wanderers (16 Uhr, Stream: Dazn, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Die gern von ortsfremden "Klopp muss liefern"-Kritikern gestellte Frage nach bisher ausbleibenden Pokalen wird an der Mersey oder in der Bostoner Zentrale von FSG selbst im Misserfolgsfall garantiert nicht aufkommen. Man ist hier wie dort viel zu stolz auf die im Oktober 2015 illusorisch anmutende Rückkehr in die europäische Elite und beachtet dabei vor allem, dass die rote Renaissance mit einem relativ geringen Investitionsvolumen gelungen ist.

Nahezu jeder Spieler ist unter Klopp besser geworden

Nahezu jeder Spieler ist unter Klopp besser geworden. Sportdirektor Mike Edwards kann sich so auf die Verpflichtung von absoluten Spitzenkönnern auf den Schlüsselpositionen konzentrieren. In sieben Transferfenstern hat der Verein abzüglich von Verkaufserlösen nur 113 Millionen Euro für Verstärkungen auf den Tisch gelegt, eine für Premier-League-Verhältnisse fast schon läppische Summe.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Liverpool darüber hinaus noch einen Rekordgewinn von 122 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Die finanzielle und sportliche Nachhaltigkeit seiner Arbeit als menschlicher Brennstab ist so groß, dass er unabhängig vom Ausgang der Saison den wichtigsten Titel schon gewonnen hat. Klopp ist, um in seinem Duktus zu bleiben, der beste, einzige fucking Trainer für diesen Verein, den man sich in Liverpool vorstellen kann.

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