Liverpool-Trainer Jürgen Klopp Die Energiewende

Als Jürgen Klopp kam, war die Stimmung trüb: Sportlich lief es nicht, die Fans blieben oft stumm. Am Sonntag könnte Liverpool die erste Meisterschaft seit 1990 feiern. Aber der Trainer hat schon längst gewonnen.

Jürgen Klopp ist seit 2015 Trainer des FC Liverpool: "eine Mischung aus Atmosphäre, Emotion, Verlangen und fußballerischer Klasse"
Paul ELLIS / AFP

Jürgen Klopp ist seit 2015 Trainer des FC Liverpool: "eine Mischung aus Atmosphäre, Emotion, Verlangen und fußballerischer Klasse"


Die amerikanischen Besitzer des FC Liverpool sind mit smarten Investments reich geworden, dementsprechend systematisch hatte Mike Gordon, das fußballinteressierteste Mitglied der Fenway Sports Group (FSG), Jürgen Klopps Schaffenswerk vorab durchleuchtet.

Gordon kam zu dem Schluss, dass Klopp im Verhältnis zu den finanziellen Möglichkeiten in Mainz und Dortmund beständig überperformt hatte, war dann aber doch ein wenig überrascht, als der aussichtsreichste Anwärter auf den LFC-Trainerposten beim ersten Meeting in New York im Oktober 2015 weniger über Zahlen und taktische Konzepte als über die Macht der Metaphysik reden wollte.

"Regen, Blutgrätschen, Lärm"

Fußball, das sei "nicht nur System, sondern auch Regen, Blutgrätschen, der Lärm im Stadion", referierte Klopp. Es gehe darum, die ob der vielen zähen Vorführungen verstummten Zuschauer an der Anfield Road mit mitreißenden Darbietungen "zu aktivieren". Mannschaft und Publikum müssten sich gegenseitig befeuern, um den damals auf Platz zehn in der Tabelle abgedrifteten Verein erst zurück zu sich selbst und danach wieder dauerhaft nach oben zu führen.

Klopps Plan, bei der Neu-Elektrisierung des trägen Ex-Rekordmeisters auf dessen Kernkraft zu setzen, die emotionsgeladene Symbiose aus Spielern und Fans, kam bei der sorgsam haushaltenden FSG-Führungsriege besser an als jene teure Einkaufsliste, die der zeitgleich zu einem Interview gebetene Carlo Ancelotti präsentiert hatte. Ohne drei absolute Spitzenstars für Abwehr, Mittelfeld und Sturm sei der Aufschwung nicht zu machen, hatte der Italiener mit Blick auf den eher mittelprächtigen Kader trocken erklärt. Ancelotti landete dann später beim FC Bayern.

Die erstrebte Energiewende gestaltete sich jedoch schwierig. In Klopps erster, erratischer Spielzeit fühlte er sich von der Anfield-Kulisse mitunter "allein" gelassen. Das fachkundige Publikum war mit bloßem Einsatz nicht zu bewegen. Der Versuch, ein spät erkämpftes 2:2 gegen West Bromwich Albion gemeinsam vor der "Kop"-Tribüne zu feiern, schlug spektakulär fehl. Ein Unentschieden gegen einen Abstiegskandidaten sei kein Grund für Gefühlsausbrüche, befand man an der Mersey.

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Liverpools 4:0 gegen Barcelona: This is Anfield

Diese Vorgeschichte muss man kennen, um zu verstehen, wie bedeutsam der Moment war, als ganz Liverpool, all jene in kurzen Hosen und all jene in langen, nach dem 4:0-Sieg gegen Barcelona im Champions-League-Halbfinale in inniger Verbundenheit dem gemeinsamen Rausch frönten.

"Der Mann mit der Megawatt-Persönlichkeit", wie Gordon von der FSG Klopp einst nannte, hatte an diesem Dienstagabend den wesentlichsten Teil seiner Mission erfüllt. Mannschaft, Klub und Fans sind wieder eins, ein außerhalb der roten Hälfte der Stadt keineswegs geliebtes, aber unbedingt gefürchtetes Gesamtkunstwerk, das im Wettstreit mit ähnlich guten, wenn nicht gar besseren Teams seinen mythischen Zauber entfacht. Wer will nach so einem Spiel und dem zweiten Einzug in ein Champions-League-Finale in Folge noch an der Einzigartigkeit der Reds zweifeln? Seine Jungs sicher nicht.

"Fucking Mentalitäts-Giganten" seien seine Kicker, entfuhr es Klopp im Fernsehinterview, bevor er den Anteil der Zuschauer am bisher größten Triumph seiner Amtszeit herausstellte: "Wir wissen, dass dieser Verein eine Mischung aus Atmosphäre, Emotion, Verlangen und fußballerischer Klasse ist. Wenn eines dieser Elemente nicht vorhanden ist, funktioniert es nicht."

Pokale? Sind nebensächlich

Liverpools frisch entfachte Selbstbegeisterung wird erst recht keine Grenzen kennen, wenn am Sonntag das nächste mittelgroße Wunder passieren und Klopps Elf Tabellenführer Manchester City, die Ergebnismaschine von Pep Guardiola, auf den letzten Metern doch noch überholen sollte. City, das in der Tabelle vor diesem letzten Premier-League-Spieltag einen Punkt vor den Reds liegt, tritt bei Brighton & Hove Albion an. Liverpool empfängt zeitgleich die Wolverhampton Wanderers (16 Uhr, Stream: Dazn, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Die gern von ortsfremden "Klopp muss liefern"-Kritikern gestellte Frage nach bisher ausbleibenden Pokalen wird an der Mersey oder in der Bostoner Zentrale von FSG selbst im Misserfolgsfall garantiert nicht aufkommen. Man ist hier wie dort viel zu stolz auf die im Oktober 2015 illusorisch anmutende Rückkehr in die europäische Elite und beachtet dabei vor allem, dass die rote Renaissance mit einem relativ geringen Investitionsvolumen gelungen ist.

Nahezu jeder Spieler ist unter Klopp besser geworden

Nahezu jeder Spieler ist unter Klopp besser geworden. Sportdirektor Mike Edwards kann sich so auf die Verpflichtung von absoluten Spitzenkönnern auf den Schlüsselpositionen konzentrieren. In sieben Transferfenstern hat der Verein abzüglich von Verkaufserlösen nur 113 Millionen Euro für Verstärkungen auf den Tisch gelegt, eine für Premier-League-Verhältnisse fast schon läppische Summe.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Liverpool darüber hinaus noch einen Rekordgewinn von 122 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Die finanzielle und sportliche Nachhaltigkeit seiner Arbeit als menschlicher Brennstab ist so groß, dass er unabhängig vom Ausgang der Saison den wichtigsten Titel schon gewonnen hat. Klopp ist, um in seinem Duktus zu bleiben, der beste, einzige fucking Trainer für diesen Verein, den man sich in Liverpool vorstellen kann.



insgesamt 48 Beiträge
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spon-facebook-10000159648 12.05.2019
1. Klopp für Löw
für "Die Mannschaft" und dann zsmm wieder auf Kurs kommen. Das wäre der Traum der deutschen Fans. Vielleicht klOppt es ja in einigen Jahren.
konterspieler 12.05.2019
2. Klopp ist der beste "fucking Trainer" für jeden Verein!
Warum? Weil er es versteht in JEDER Mannschaft fussballerische Intelligenz mit maximal möglicher Kampfstärke zu aktivieren und zu verbinden. Kampfstärke heisst: Defensivstärke und Extrem-Power nach vorne, in der richtigen Sekunde, die sich in jedem Spiel darbietet. Diese Formel beherrscht Klopp wie kein anderer Fussballtrainer. Wie er das schafft, weiss keiner, aber er schafft es immer wieder! Und wenn die Deutsche Nationalmannschaft zur EM im eigenen Land wieder on top sein will, dann braucht sie genau diesen Meister-Trainer!
Freitagabend 12.05.2019
3. Die Bayern...
...haben also mit Ancelotti damals nur zweite Wahl bekommen, sprich einen Trainer, der bei Liverpool abgelehnt wurde. Das sagt ja auch viel aus. Wenn man sich die letzten CL Spiele angeguckt hat, muss man leider feststellen, dass deutsche Mannschaften, auch die erfolgsverwöhnten Bayern, in diesem Konzert noch nicht einmal die dritte Geige spielen können. individuelle Klasse, Geschwindigkeit, taktische Disziplin, mentale Stärke...Die Liste der Defizite ist lang und der deutsche Vereinsfussball ist vollkommen abgehängt von der europäischen Spitze. Und nein, das ist wie Liverpool zeigt, nicht nur eine Frage von Mega-Budgets. Wenn ein Trainer wie Favre schon 5 Spiele vor Saisonende die Meisterschaft öffentlich aufgibt, dann weiss man wo man mit dem Neubeginn ansetzen muss.
Theya 12.05.2019
4. Sprachnuancen
"Fucking" ist nicht gleich "fucking" - es kommt auch darauf an, was danach folgt. Bei "fucking giants" wirkt das Adjektiv verstärkend, die Giganten werden dadurch noch größer. Das gleiche geht bei "fucking Trainer" jedoch nicht: Trainer enthält keine inhärente Eigenschaft, die steigerbar wäre. Dementsprechend würde hier eher eine andere Lesart zum Tragen kommen: "fucking manager" ist als Schimpfwort zu verstehen, und somit vermutlich nicht, was der Autor des Artikels in der letzten Zeile im Sinn hatte.
LuPy2 12.05.2019
5. denke, dass
Jürgen Klopp es in Liverpool als Chance / Herausforderung gesehen und angenommen hat. So wie auch in Mainz und Dortmund. Zugleich hat er die Fähigkeit, seine Vertragspartner von Visionen zu überzeugen. Als BundesJürgen für die N11 wäre er ein Traum vieler Fußballanhänger, auch im Ausland. Aber wäre es eine Herausforderung bei 80 Millionen Assistenztrainern in Deutschland, bei der DFB - Elite in Frankfurt? Da sind schon ganz andere mit Neigung zu Veränderung gescheitert: Jürgen Klinsmann, Hubert Vogts.... Falls Real Madrid mal in der Abstiegszone der La Liga dümpeln sollte, wäre es eine Herausforderung für J.K.
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