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02. Juni 2019, 16:35 Uhr

Jürgen Klopps Triumph

"Wir lieben ihn alle sehr"

Aus Madrid berichtet

Für Jürgen Klopp zählt auch im Moment des größten Triumphs nichts mehr als die Freude der Menschen um ihn herum. In Liverpool ist man sich sicher: Ohne ihn wäre der Titel unmöglich gewesen.

Schlusspfiff, aus, vorbei: Sechs Mal hatte Jürgen Klopp seit 2012 den bitteren Geschmack dieser Leere gekostet, die nach einem verlorenen Endspiel aufkommt.

Da es am Samstagabend endlich mal wieder gut für ihn ausging, konnte der 51-Jährige sein Gegenüber im Augenblick der größtmöglichen Trainereinsamkeit trösten. Klopp umarmte Mauricio Pochettino Sekunden vor Ablauf der Spielzeit; der Tottenham-Trainer bedankte sich für die kollegiale Anteilnahme mit einem Kuss auf die Wange.

Beide Männer waren als bei den eigenen Fans beliebte und für nachhaltige Verbesserungen bewunderte Vereins-Anführer ins Stadion von Madrid eingezogen. Nur einer konnte dabei aber jenen großen Pokal mit nach Hause bringen, der auch in den Augen eines breiteren Publikums uneingeschränkte Anerkennung bringen würde.

Klopp, den passionierten Spieler-Entwickler und Fortschrittsbringer, stört diese binäre Logik ungemein. In unzähligen Interviews wiederholte er hinterher seine Klage über eine Welt, die zwischen Überhelden und Versagern ausschließlich auf Grund von ein paar wenigen, ausgesuchten Zahlen unterscheidet. "Man hat das Gefühl, es wäre vielleicht besser, man würde sich gar nicht erst für ein Finale qualifizieren, wenn man es nicht gewinnt", sagte er.

"Er ist jetzt unantastbar"

So ist das eben. Pochettino wird sich bis auf weiteres mit dem völlig unangebrachten Vorwurf auseinandersetzen müssen, dass seine großartige Arbeit in Tottenham ohne Pokal nur bedingten Wert habe. Klopp hingegen stieg mit diesem Finale offiziell in den Olymp der Trainer auf. Sein Name hat ab sofort in Liverpool den gleichen, heiligen Klang wie Bill Shankly, Bob Paisley, Joe Fagan und Rafael Benítez.

"Er kann noch gar nicht umreißen, was das bedeutet", sagte ein Vereinsoffizieller, "er ist jetzt unantastbar". Mitbesitzer Mike Gordon, laut eigener Aussage "im Delirium vor Freude für Jürgen und die Mannschaft", deutete in der Mixed Zone an, dass man den Übungsleiter unbedingt länger binden wolle. Sein bis 2022 datierter Vertrag dürfte in den kommenden Tagen verlängert werden, Liverpool verspricht sich von ihm eine neue goldene Ära. "Das heute ist nur der Anfang", kündigte Jordan Henderson an.

Klopp, aus Mainzer und Dortmunder Tagen als Party-Chef bekannt, war jedoch auf dem Weg zum Mannschaftsbus noch nicht zum Feiern zumute, "das kommt erst in ein paar Stunden", sagte er, ein wenig überwältigt vom historischen Triumph. Nach der eigenen Genugtuung befragt, verwies er energisch auf seine Mitstreiter - "Jordan Henderson, Kapitän des Champions-League-Siegers 2019 - das ist Zufriedenheit!" - und sprach von der großen Erleichterung, seiner Frau Ulla und den beiden Söhnen Marc und Dennis nach dem halben Dutzend enttäuschenden Abenden keine neuerlichen Empathie-Schmerzen zugefügt zu haben: "Sie mussten in den letzten Jahren sehr viel leiden."

Als gläubiger Protestant stellt für Klopp nicht die Zufriedenheit eines vollen Bauches die höchste Stufe der Erfüllung dar, sondern die Freude der Menschen um ihn herum. Damit passt er außerordentlich gut zum kollektivistisch angehauchten Liverpool, wo sich seit seiner Ankunft im Oktober 2015 Profis und Fans ihrer gegenseitigen Verantwortung stärker denn je bewusst sind.

"So einen Zusammenhalt habe ich noch nie erlebt, das kommt vom Trainer", erklärte der kolossale Innenverteidiger Virgil van Dijk. "Er sagt uns immer: 'Ihr spielt nicht für euch selbst allein. Ihr spielt für alle, die immer für euch da sind, für Eure Mitspieler, für die Anhänger, für die Leute im Trainingszentrum und im Stadion, die jeden Tag alles dafür tun, damit Ihr Euer Bestes geben könnt'. Das berührt einen, wirklich. Wir geben alles dafür, damit sie stolz sein können."

Der Aufstieg der Mannschaft aus dem Mittelfeld der Premier League zur Spitze Europas wäre "ohne den Trainer und die unglaubliche Atmosphäre, die er geschaffen hat unmöglich gewesen", sagte Kapitän Henderson. Der 28-Jährige hatte sich eigentlich vorgenommen, den Pokal auf dem Podest zusammen mit Klopp hochzuheben, doch dieser habe abgewinkt. "Er meinte, das sei mein Job. Wir lieben ihn alle sehr, das konnte man heute sehen."

Es war ein wenig überraschend, dass der Großmeister der Rasen-Emotionen sich letztlich mit eher unansehnlichem, atypischen Führungsverwaltungsfußball für sein kontinuierlich gemeinnütziges Werk belohnte, man gönnt es ihm deswegen nicht weniger. Wer in der Sekunde des größten Triumphs sogar vom unterlegenen Widersacher geküsst wird, muss in seinem (Trainer-)Leben eine Menge richtig gemacht haben.

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