Jürgen Klopps Triumph "Wir lieben ihn alle sehr"

Für Jürgen Klopp zählt auch im Moment des größten Triumphs nichts mehr als die Freude der Menschen um ihn herum. In Liverpool ist man sich sicher: Ohne ihn wäre der Titel unmöglich gewesen.

Jan Woitas/DPA

Aus Madrid berichtet


Schlusspfiff, aus, vorbei: Sechs Mal hatte Jürgen Klopp seit 2012 den bitteren Geschmack dieser Leere gekostet, die nach einem verlorenen Endspiel aufkommt.

Da es am Samstagabend endlich mal wieder gut für ihn ausging, konnte der 51-Jährige sein Gegenüber im Augenblick der größtmöglichen Trainereinsamkeit trösten. Klopp umarmte Mauricio Pochettino Sekunden vor Ablauf der Spielzeit; der Tottenham-Trainer bedankte sich für die kollegiale Anteilnahme mit einem Kuss auf die Wange.

Beide Männer waren als bei den eigenen Fans beliebte und für nachhaltige Verbesserungen bewunderte Vereins-Anführer ins Stadion von Madrid eingezogen. Nur einer konnte dabei aber jenen großen Pokal mit nach Hause bringen, der auch in den Augen eines breiteren Publikums uneingeschränkte Anerkennung bringen würde.

Zwei, die sich schätzen: Mauricio Pochettino und Jürgen Klopp
David Ramos/Getty Images

Zwei, die sich schätzen: Mauricio Pochettino und Jürgen Klopp

Klopp, den passionierten Spieler-Entwickler und Fortschrittsbringer, stört diese binäre Logik ungemein. In unzähligen Interviews wiederholte er hinterher seine Klage über eine Welt, die zwischen Überhelden und Versagern ausschließlich auf Grund von ein paar wenigen, ausgesuchten Zahlen unterscheidet. "Man hat das Gefühl, es wäre vielleicht besser, man würde sich gar nicht erst für ein Finale qualifizieren, wenn man es nicht gewinnt", sagte er.

"Er ist jetzt unantastbar"

So ist das eben. Pochettino wird sich bis auf weiteres mit dem völlig unangebrachten Vorwurf auseinandersetzen müssen, dass seine großartige Arbeit in Tottenham ohne Pokal nur bedingten Wert habe. Klopp hingegen stieg mit diesem Finale offiziell in den Olymp der Trainer auf. Sein Name hat ab sofort in Liverpool den gleichen, heiligen Klang wie Bill Shankly, Bob Paisley, Joe Fagan und Rafael Benítez.

"Er kann noch gar nicht umreißen, was das bedeutet", sagte ein Vereinsoffizieller, "er ist jetzt unantastbar". Mitbesitzer Mike Gordon, laut eigener Aussage "im Delirium vor Freude für Jürgen und die Mannschaft", deutete in der Mixed Zone an, dass man den Übungsleiter unbedingt länger binden wolle. Sein bis 2022 datierter Vertrag dürfte in den kommenden Tagen verlängert werden, Liverpool verspricht sich von ihm eine neue goldene Ära. "Das heute ist nur der Anfang", kündigte Jordan Henderson an.

Klopp, aus Mainzer und Dortmunder Tagen als Party-Chef bekannt, war jedoch auf dem Weg zum Mannschaftsbus noch nicht zum Feiern zumute, "das kommt erst in ein paar Stunden", sagte er, ein wenig überwältigt vom historischen Triumph. Nach der eigenen Genugtuung befragt, verwies er energisch auf seine Mitstreiter - "Jordan Henderson, Kapitän des Champions-League-Siegers 2019 - das ist Zufriedenheit!" - und sprach von der großen Erleichterung, seiner Frau Ulla und den beiden Söhnen Marc und Dennis nach dem halben Dutzend enttäuschenden Abenden keine neuerlichen Empathie-Schmerzen zugefügt zu haben: "Sie mussten in den letzten Jahren sehr viel leiden."

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Von Belgrad nach Madrid: Liverpools Weg zum Champions-League-Titel

Als gläubiger Protestant stellt für Klopp nicht die Zufriedenheit eines vollen Bauches die höchste Stufe der Erfüllung dar, sondern die Freude der Menschen um ihn herum. Damit passt er außerordentlich gut zum kollektivistisch angehauchten Liverpool, wo sich seit seiner Ankunft im Oktober 2015 Profis und Fans ihrer gegenseitigen Verantwortung stärker denn je bewusst sind.

"So einen Zusammenhalt habe ich noch nie erlebt, das kommt vom Trainer", erklärte der kolossale Innenverteidiger Virgil van Dijk. "Er sagt uns immer: 'Ihr spielt nicht für euch selbst allein. Ihr spielt für alle, die immer für euch da sind, für Eure Mitspieler, für die Anhänger, für die Leute im Trainingszentrum und im Stadion, die jeden Tag alles dafür tun, damit Ihr Euer Bestes geben könnt'. Das berührt einen, wirklich. Wir geben alles dafür, damit sie stolz sein können."

Jürgen Klopp jubelt mit Alberto Moreno (links) und Georginio Wijnaldum
JAVIER SORIANO / AFP

Jürgen Klopp jubelt mit Alberto Moreno (links) und Georginio Wijnaldum

Der Aufstieg der Mannschaft aus dem Mittelfeld der Premier League zur Spitze Europas wäre "ohne den Trainer und die unglaubliche Atmosphäre, die er geschaffen hat unmöglich gewesen", sagte Kapitän Henderson. Der 28-Jährige hatte sich eigentlich vorgenommen, den Pokal auf dem Podest zusammen mit Klopp hochzuheben, doch dieser habe abgewinkt. "Er meinte, das sei mein Job. Wir lieben ihn alle sehr, das konnte man heute sehen."

Es war ein wenig überraschend, dass der Großmeister der Rasen-Emotionen sich letztlich mit eher unansehnlichem, atypischen Führungsverwaltungsfußball für sein kontinuierlich gemeinnütziges Werk belohnte, man gönnt es ihm deswegen nicht weniger. Wer in der Sekunde des größten Triumphs sogar vom unterlegenen Widersacher geküsst wird, muss in seinem (Trainer-)Leben eine Menge richtig gemacht haben.



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wunsiedel 02.06.2019
1. Herzlichen Glückwunsch !
Endlich hat er diesen Fluch verbannt. Ich frage mich nur, warum die Fifa jeweils zwei englische Mannschaften in Madrid und in Baku spielen lässt. Da reden alle von der katastrophalen Klimaerwärmung und dann lässt man englische Fans mit Flugzeugen anreisen. Man hätte locker beide Spiele in England austragen lassen können. Aber das ist eben die Arroganz, die man ja von der Fifa kennt.
Currie Wurst 02.06.2019
2. Einzigartig
Kloppo ist schon einzigartig. Sympathikus durch und durch, sowohl für Fans als auch Spieler. Mit Einkaufen für viel Geld hat das nichts zu tun, da muss man sich nur andere Großkaliber aus Manchester anschauen. Die Atmosphäre und den Zusammenhalt in einer solchen Mannschaft kann z.B. ein Mourinho nicht schaffen. Für mich heute noch die größte Lachnummer, dass der HSV Jürgen Klopp tatsächlich mal abgelehnt hat :-)
mingolan 02.06.2019
3. @wunsiedel
Zum einen hat die FIFA mit diesen Endspielen nichts zu tun, das sind Wettbewerbe der UEFA. Darüber hinaus werden die Finalorte mehr als ein Jahr im Voraus festgelegt.
hansfrans79 02.06.2019
4.
Zitat von Currie WurstKloppo ist schon einzigartig. Sympathikus durch und durch, sowohl für Fans als auch Spieler. Mit Einkaufen für viel Geld hat das nichts zu tun, da muss man sich nur andere Großkaliber aus Manchester anschauen. Die Atmosphäre und den Zusammenhalt in einer solchen Mannschaft kann z.B. ein Mourinho nicht schaffen. Für mich heute noch die größte Lachnummer, dass der HSV Jürgen Klopp tatsächlich mal abgelehnt hat :-)
Toller Sympathikus, der in unsportlichster Art vierte Offizielle aggressiv angeht. Aber ist wohl der Zeitgeist, dass das als Emotion durchgeht, auch wenn jeder andere emotionale Trainer sich im Griff hat. Ich gönne es Liverpool, aber Klopp nicht.
Abel Frühstück 02.06.2019
5.
Zitat von hansfrans79Toller Sympathikus, der in unsportlichster Art vierte Offizielle aggressiv angeht. Aber ist wohl der Zeitgeist, dass das als Emotion durchgeht, auch wenn jeder andere emotionale Trainer sich im Griff hat. Ich gönne es Liverpool, aber Klopp nicht.
Sie reden wie jemand, der zu einer Party eingeladen wurde und dort nur über den Gastgeber giftet. Ein jegliches hat seine Zeit, eine für die Kritik, eine für die Glückwünsche. Schießlich geht niemand als Heiliger über die Erde. Ich bin sicher, auch Sie nicht.
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