Jürgen Klopp führt Liverpool zur Meisterschaft Der fünfte Beatle

30 Jahre musste Liverpool darauf warten, nun ist der Klub tatsächlich wieder englischer Fußballmeister. Als Gesicht des Erfolgs gilt: Jürgen Klopp. Er wird verehrt wie ein Popstar. Bloß: Welche Anreize bleiben ihm noch?
Von Raphael Honigstein, London
With a Little Help from My Friends: Erfolgstrainer Jürgen Klopp (Archivbild)

With a Little Help from My Friends: Erfolgstrainer Jürgen Klopp (Archivbild)

Foto: Michael Regan / FIFA via Getty Images

In den ersten Minuten des Glücks herrschte plötzlich betretene Stille. Der frisch gekürte Meistertrainer war live aus dem Teamhotel des FC Liverpool beim Sender BT Sport zugeschaltet, der soeben Chelseas 2:1-Sieg über Manchester City übertragen hatte, doch die Videochat-Verbindung funktionierte nicht. Jürgen Klopp konnte nichts hören.

Der 53-Jährige kam so erst ein paar Augenblicke später beim zweiten großen Sportkanal Sky zu Wort. Nach einigen bewegten Sätzen über sein Team ("Was meine Spieler in den letzten zwei, drei Jahren vollbracht haben, ist sensationell. Es ist die pure Wonne für mich, sie zu trainieren") und der vergeblichen Bitte an die Liverpool-Fans, den ersten Ligatitel seit 1990 nur vor den eigenen Haustüren zu feiern, überkamen ihn die Emotion. "Es ist so ein großer Moment", sagte Klopp mit feuchten Augen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so fühlen würde, ich hatte ja keine Ahnung. Es ist so groß."

Dann brach er das Interview aus Selbstschutz vorzeitig ab.

Dass sich ausgerechnet Klopp, der seit Jahrzehnten im Fußball arbeitet und dabei einiges mitgemacht hat, so überfordert zeigte, war eine der überraschenderen Volten der roten Partynacht. Der 53-Jährige hatte seine Mannschaft in weiser Voraussicht zum gemeinsamen Fernsehabend in ein Hotel bestellt, und zwar verbindlich: "Ich wusste, dass die, die zu Hause geblieben wären, es ihr ganzes Leben bereuen würden", sagte er dem Vereinssender später.

Doch obwohl die Chancen auf einen vorzeitigen Ligatitel recht gut standen - schon ein Unentschieden des Tabellenzweiten City hätte Liverpool dank 23 Punkten Vorsprung gereicht - und sich das siegreiche Ende dieser historischen Saison sowieso seit Monaten abgezeichnet hatte, geriet Klopp aus dem inneren Gleichgewicht. Vielleicht, weil ihm bei all der Freude über die Emotionen der Anhänger, Spieler und Belegschaft ganz kurz bewusst wurde, dass sich an diesem heißen Juniabend auch sein persönlicher 30-Jahre-Kreis geschlossen hatte.

Im Sommer 1990 war er als schnauzbärtiger Stürmer-Schlaks aus Glatten Profi beim damals kleinen, unscheinbaren 1. FSV Mainz geworden, seine aktive Karriere war bis auf eine gute Saison (1996/1997) ein unablässiger Kampf ums sportliche und finanzielle Überleben gewesen. Ein Erstligaspiel hat der Fußballer Klopp nie absolviert. Exakt drei Jahrzehnte nach jenem Sommer hat er sich nun gegen Pep Guardiolas zweifache Meistertruppe durchgesetzt, das nach Punkten beste Team in der Premier-League-Geschichte, und wurde so zum Erlöser einer weltweiten Gemeinde von Millionen echten und imaginären Scousers, Liverpoolern.

Klopp gab dem Verein sein Selbstvertrauen zurück

Das war das erklärte Ziel beim Amtsantritt im Oktober 2015 gewesen, für wirklich möglich hatte das aber kaum einer der Anhänger gehalten. Liverpool schien viel zu weit weg von den englischen Spitzenteams, verfangen in lähmender Nostalgie. Klopp gab dem Verein nach und nach sein Selbstvertrauen zurück, redete Spieler stark und verschrieb dem Team eine zunächst wilde, später höchst stabile Art von Angriffsfußball, die den Besuch des Stadions wieder zum Erlebnis machte und den Mythos Anfield neu aufleben ließ.

In der vergangenen Nacht brannte die Luft rund um die Spielstätte in rotem Pyrofeuer: Klopp, der selbsterklärte "Normal One" aus dem Schwarzwald, hatte nach Mainz und Dortmund die dritte Stadt entflammt.

"Mit 23 habe ich ehrlich gesagt nicht darüber nachgedacht, mit Liverpool den Titel zu gewinnen, mir fehlten dafür die Mittel", sagte Klopp, als er seinen Weinkrampf erfolgreich unterdrückt hatte. "30 Jahre später hier zu sein, mit diesen großartigen Mitarbeitern, ist unglaublich. Das ist mehr, als ich mir je erträumt hätte."

Gewinn der Champions League in der dritten kompletten Saison, Meisterschaft in der vierten, in der Summe ergibt das für Klopps Status in Liverpool: Unsterblichkeit.

Natürlich sind die Erfolge nicht allein Klopp zuzuschreiben. Liverpool zählt längst zu den umsatzstärksten Fußballklubs der Welt, laut "Deloitte Money League" liegt er im Ranking auf Platz sieben, nahezu gleich auf mit Manchester City. Und der Klub funktioniert auf vielen Eben auf allerhöchstem Niveau, er arbeitet fortschrittlicher als viele Konkurrenten, setzt vermehrt auf Datenanalysen, scoutet und transferiert nahezu unfallfrei. Für all das aber ist Klopp das Aushängeschild, er ist das Gesicht des Liverpooler Erfolgs.

Die Presse überschlug sich bereits in der Nacht mit Lob. Die "Gazzetta dello Sport" schrieb: "Liverpool nach 30 Jahren wieder auf dem Thron. Klopp erweist sich als die wahre Alternative zu Guardiola und rückt zu Liverpools fünftem Beatle auf. Klopp hat den internationalsten unter den englischen Klubs an die Spitze des Weltfußballs geführt. Er hat ein Meisterwerk vollbracht."

Welche Anreize bleiben Klopp?

Die Titel, aber auch die Auftritte seiner Mannschaft, die seit mehr als einem Jahr zumindest in Liga und Europapokal oft geradezu unheimlich fehlerfrei wirken (nationale Pokalwettbewerbe schenkt Klopps Liverpool dagegen immer wieder ab) - all das wirft die Frage auf, was da noch kommen soll. Wie verbessert man eine Mannschaft, die nahezu immer gewinnt? Welche Anreize ergeben sich noch für Klopp?

Er selbst scheint darüber nicht zu grübeln. Er hat in seiner Trainerlaufbahn erstens so oft unerklärlich dramatisch verloren, dass die Lust am Gewinnen noch lange nicht getilgt ist. Vor dem Champions-League-Triumph 2019 hatte Klopp sechs der vorangegangenen sieben Endspielen verloren, man erinnere sich nur an das Europacup-Finale gegen Real Madrid.

Und zweitens sind da noch Ziele.

Denn die Erwartungen an den LFC werden durch diese Meisterschaft natürlich nicht geringer. Der Punkteschnitt, den Liverpool in den vergangenen beiden Jahren erreichte, die Souveränität, mit der die Mannschaft auftrat - das zu konservieren, sich nachhaltig in der Spitze des Weltfußballs zu etablieren, das wird sportlich die wohl größte Aufgabe.

Und auch auf persönlicher Ebene geht es für Klopp noch um etwas. Als in den vergangenen Jahren sichtlich gereifte "Vaterfigur", wie ihn Verteidiger Andy Robertson rührend-ehrfürchtig beschrieb, scheint er sich dazu verpflichtet zu fühlen, seiner Mannschaft bestmöglich zu helfen, damit diese wiederum weiter die Sehnsüchte des Liverpooler Klubs und dessen Umfeld erfüllt.

Darum geht es letztlich in dem Job, über den persönlichen Erfolg hinaus. Seinen Vertrag hat Klopp erst im Dezember verlängert, er läuft bis 2024. "Das Wort 'Stolz’ kennt Jürgen nicht", sagt Christian Heidel, sein langjähriger Weggefährte aus Mainzer Zeiten. Stolz sei Klopp allenfalls darauf, "dass die Leute auf ihn stolz sind". Dass darf er spätestens seit der vergangenen Nacht wirklich sein.

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