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Klopp in Liverpool Das passt

Raumverknappung und Vorwärtsverteidigung: Jürgen Klopps Markenzeichen sind genau das, was der FC Liverpool dringend benötigt. Im Erfolgsfall könnte seine Spielweise für einen Wandel im englischen Fußball sorgen.

Jürgen Klopp hat nicht das Image, unbedachte Karriereschritte zu unternehmen. Sein Wechsel von Mainz nach Dortmund, der Abgang beim BVB, all das wirkte gut geplant. Smart. Wer das jüngste Spiel seines neuen Arbeitgebers gesehen hat, ahnt, dass auch dieser Schritt ein wohl durchdachter ist. Beim 1:1 in Everton am vergangenen Sonntag ließ der FC Liverpool vieles von dem vermissen, was Klopps Ära bei Borussia Dortmund geprägt hatte. Das ist gut für Klopp. Perfekt geradezu.

Liverpool gab am Donnerstagabend bekannt, dass der 48-Jährige einen Vertrag unterschrieben hat. Am Samstag in einer Woche wird er gegen Tottenham erstmals auf der Trainerbank sitzen. Vieles spricht dafür, dass es der Beginn einer sehr erfolgreichen Zeit für Klub und Trainer sein wird.

Liverpools Probleme: Mangelnde Kompaktheit und Ruhemodus

Das Team des FC Liverpool wirkt derzeit wie ein Schulkind, das großes Potenzial besitzt, aber in vielen Fächern Nachhilfe benötigt. In Klopp ist nun der passende Lehrer gefunden. Seine Spezialgebiete decken sich mit den Schwächen seiner neuen Mannschaft.

Im Spiel gegen Everton kam Liverpool auf insgesamt 84 Ballegewinne (blaue Symbole = abgefangene Pässe, grün = direkte Balleroberung, gelb = Ballsicherung). Nur neun (= 10,7 Prozent) davon erfolgten in der gegnerischen Hälfte. Ein Indiz für fehlendes Gegenpressing.

Im Spiel gegen Everton kam Liverpool auf insgesamt 84 Ballegewinne (blaue Symbole = abgefangene Pässe, grün = direkte Balleroberung, gelb = Ballsicherung). Nur neun (= 10,7 Prozent) davon erfolgten in der gegnerischen Hälfte. Ein Indiz für fehlendes Gegenpressing.

Foto: Opta

Gegen Everton versuchte man durch frühes Attackieren den gegnerischen Spielaufbau zu verhindern. Häufig ging das schief, weil die Abwehrspieler nicht mit aufrückten. So entstanden Räume zwischen den Mannschaftsteilen, groß genug für die Gegenspieler, sich darin anzubieten und das Pressing zu überspielen.

Ganz allgemein schalten diejenigen Liverpool-Spieler, die sich nicht in unmittelbarer Ballnähe befinden, zu oft ab. Die Stürmer wechseln in den Ruhemodus, sobald die erste Verteidigungslinie überspielt worden ist; befindet sich der Ball auf dem rechten Flügel, rückt der linke Mittelfeldspieler nicht ein.

Klopps Stil auf Maloche zu reduzieren, tut ihm unrecht

Gerade das Zusammenwirken aller Spieler war beim BVB eines von Klopps Markenzeichen. Angreifer, die die Arbeit gegen den Ball einstellen? Undenkbar! Ballferne Mittelfeldspieler, die nicht bis ins Zentrum des Feldes einrücken? Fatal! Klopps Credo ist, stets Überzahl in Ballnähe zu schaffen; seinen Spielern ist mentales Abschalten verboten, sie stehen unter Strom, permanent.

Die gleichen Aktionen, nun beim BVB aus der gesamten vergangenen Bundesliga-Saison. Von den 3053 Balleroberungen der Borussia erfolgten 977 (= 32 Prozent) in der gegnerischen Hälfte

Die gleichen Aktionen, nun beim BVB aus der gesamten vergangenen Bundesliga-Saison. Von den 3053 Balleroberungen der Borussia erfolgten 977 (= 32 Prozent) in der gegnerischen Hälfte

Foto: Opta

Klopps Stil allein auf Maloche zu reduzieren, tut ihm indes unrecht. Statt den Gegner durch einfaches Anrennen unter Druck zu setzen, lockte sein BVB ihn mit intelligenten, kollektiven Mechanismen in Pressingfallen. Doch auch nach Balleroberung bestach Klopps Borussia mit klugen Manövern.

Liverpools Fans werden künftig erleben, wie Angreifer in präzise getimten Abständen in die Tiefe starten, die erste Welle mit dem Ziel, die Verteidiger mit sich zu ziehen, damit die zweite und dritte Welle jeweils Räume vorfindet.

Ein Fangnetz aus Spielern

Eine von Klopps ersten Maßnahmen dürfte es sein, die Positionierungen der Spieler in Ballbesitz zu ändern. Aktuell bestehen oft große Abstände zwischen Liverpools Spielern. Klopp wird versuchen, sie zusammenführen, er wird sie ein Netz um den gegnerischen Strafraum spannen lassen, in dem jeder Befreiungsversuch eingefangen werden soll.

In der Saison 2013/2014 verpassten die "Reds" nur knapp die Meisterschaft; damals war Konterfußball die Basis für den Erfolg der "Reds". Zuletzt sind Wucht und Dynamik verloren gegangen. Gegen Everton (1:1) wurden Abschlüsse meist nach Flanken vorbereitet (gelbe Vektoren), das Tor (blau) resultierte aus einem Eckball.

In der Saison 2013/2014 verpassten die "Reds" nur knapp die Meisterschaft; damals war Konterfußball die Basis für den Erfolg der "Reds". Zuletzt sind Wucht und Dynamik verloren gegangen. Gegen Everton (1:1) wurden Abschlüsse meist nach Flanken vorbereitet (gelbe Vektoren), das Tor (blau) resultierte aus einem Eckball.

Foto: Opta

Viele Profis im Kader passen zu Klopps Philosophie. Da ist Stürmer Daniel Sturridge, der schnell ist, oft den Weg durch die gegnerischen Schnittstellen sucht. Da ist der Ex-Hoffenheimer Roberto Firmino, der sich bei der TSG zu einem hervorragenden Pressing-Spieler entwickelt hat. Emre Can kann im Spielaufbau das werden, was beim BVB einst Nuri Sahin und Ilkay Gündogan waren. Sturmkoloss Christian Benteke könnte eine ähnliche Rolle spielen wie früher Robert Lewandowski.

Englands Kloppofizerung könnte bevorstehen

Und doch bleibt offen, wie schnell es der Mannschaft im Alltag mit drei Spielen pro Woche gelingen wird, Klopps Stil zu adaptieren. Der englische Fußball ist dem Pressing (mit wenigen Ausnahmen) nicht derart verfallen wie der deutsche; die meisten Defensivspieler tendieren im Moment des Ballverlusts zum Schritt nach hinten, statt nach vorne zu verteidigen. Klopp könnte hier für einen Wandel sorgen. Je erfolgreicher sein Wirken beim FC Liverpool, desto mehr Nachahmer dürfte er finden. Englands Kloppofizerung könnte bevorstehen.

Zumal Klopps Schwächen zunächst verborgen bleiben dürften. In der Bundesliga fehlte am Ende ein Alternativplan, sobald sich die Gegner auf den BVB eingestellt hatten. Abwehrreihen auch ohne Ballgewinn und Konteraktion zu erschüttern, schaffte Klopps Team irgendwann nicht mehr konstant.

Es erscheint daher nur logisch, dass er nicht auf ein mögliches Engagement beim FC Bayern spekuliert, wo Klopps Methoden wohl zu kurz gegriffen hätten. Die "Reds" könnten sich indes als ideal herausstellen: ein Klub, finanzkräftig genug, um im Optimalfall ganz vorne mitzuspielen, (noch) klein genug, um nicht ständig die Bürde des Spielmachens zu tragen, und das alles in einer Liga, die von Klopps Fußball noch überrumpelt werden kann. Der Wechsel nach Liverpool ist von Jürgen Klopp ein smarter Deal. Wieder einmal.