Neuer Trainer-Job Was erwartet Jürgen Klopp in Liverpool?

Jürgen Klopp ist neuer Trainer in Liverpool. Was erwartet ihn an der Anfield Road? Was darf er entscheiden? Wie sehen ihn die Medien? Was muss er erreichen? Die wichtigsten Antworten.

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Warum ist der FC Liverpool Kult?

1892 gegründet, ist der FC Liverpool nach englischen Maßstäben nicht uralt - 13 Klubs der Premier League sind noch älter als die "Reds". Der besondere Ruf, den der LFC in der Fußballwelt genießt, speist sich einerseits aus den vielen Titeln, die der 18-fache Meister gesammelt hat, darunter fünf Europapokale, mehr als jeder andere englische Klub.

Zugleich aber steht der Verein auch für eine ambivalente Geschichte des Leidens seiner und anderer Fans - sind doch zwei der größten Tragödien bei Fußballspielen in den Achtzigerjahren mit seinem Namen verbunden. Die von Liverpooler Anhängern ausgelösten Ausschreitungen in Brüssel forderten 1985 39 Menschenleben, als eine Mauer im Heysel-Stadion unter dem Ansturm fliehender Juventus-Anhänger zusammenbrach. 1989 starben 96 Fans der "Reds" in Sheffield, als die Polizei zu viele Menschen auf engstem Raum ins Hillsborough-Stadion ließ.

Seit 2010 gehört der Klub der Fenway Sports Group (FSG), einem amerikanischen Unternehmen, das auch das Baseballteam der Boston Red Sox besitzt. Seither ist es das erklärte Ziel der Investoren, Liverpool nach rationaleren und analytischeren Prinzipien zu führen, als das bei englischen Fußballvereinen vermeintlich bisher der Fall war.

Was wird von einem Trainer in Liverpool erwartet?

Der bekannteste Trainer in der Geschichte des FC Liverpool ist wohl immer noch Bill Shankly. Dabei holte er in seiner 15-jährigen Amtszeit von 1959 bis 1974 "nur" drei Meistertitel und einen Uefa-Cup. Sein Nachfolger Bob Paisley feierte in nur neun Jahren nicht weniger als sechsmal den Gewinn der Liga und gewann dazu noch dreimal den Europapokal der Landesmeister, was außer ihm überhaupt nur Carlo Ancelotti jemals gelang.

Aber es waren nicht die Titel, die Shankly unvergessen machten. Es war der sogenannte "Boot Room", eine kleine Gerätekammer im Stadion an der Anfield Road, in der die Schuhe geputzt wurden, in der sich aber unter Shankly auch das gesamte Trainerteam aufhielt, um beim Genuss von Whisky über Taktik und Transfers zu diskutieren. Der Raum steht als Symbol für eine Kultur der gemeinsamen Arbeit, die es ermöglichte, beim Abgang eines Cheftrainers dessen Nachfolger stets aus den eigenen Reihen zu rekrutieren.

Paisley und auch dessen Nachfolger Joe Fagan entstammten direkt dem Trainerteam von Shankly. Als Fagan nach der Tragödie von Heysel 1985 zurücktrat, übernahm mit Spielertrainer Kenny Dalglish ein Mann das Traineramt, der ebenfalls seit Jahren die Philosophie des Vereins verinnerlicht hatte. Zusammen holten diese vier Trainer 13 englische Meistertitel und vier Europapokale der Landesmeister.

Nachdem der "Boot Room" 1993 aufgelöst wurde, um mehr Platz für den Pressebereich des Stadions zu schaffen, wurde Liverpool nie mehr Meister. Erst 1998 kam mit Gérard Houllier der erste Trainer seit den Fünfzigerjahren, der nicht selbst im Klub groß geworden war. Der Franzose war einer von nur zwei nicht-britischen Trainern, die vor Jürgen Klopp die "Reds" betreuten. Der andere war Rafael Benítez, der Liverpool immerhin zweimal ins Finale der Champions League führte und den Wettbewerb 2005 gewann.

Klopps Vorgänger Brendan Rodgers wurde zwar 2014 fast englischer Meister, unterm Strich bleibt er aber der einzige Trainer des Klubs seit Shankly, der mindestens eine ganze Saison verantwortlich war und dennoch keinen Titel holte. Aus dem Klub selbst heraus kommt Klopp nicht, und ein Brite ist er auch nicht. Aber wenn er den einen oder anderen Pokalwettbewerb gewinnen kann und den Klub in die Champions League führt, wird man von einer erfolgreichen Bilanz sprechen können.

Wer entscheidet in Liverpool über Transfers?

Traditionell unterscheiden sich die meisten englischen Profiklubs von den Vereinen auf dem Kontinent dadurch, dass sie einen allmächtigen "Manager" haben, der die Aufgaben eines Cheftrainers und eines Sportdirektors in einer Person vereint. Sir Alex Ferguson war bei Manchester United das bekannteste Beispiel dafür. Er stellte die Mannschaft auf, entschied über Transfers und führte die Vertragsverhandlungen.

Als die FSG Liverpool 2010 übernahm, leiteten die Amerikaner einen Bruch mit diesem Modell ein. Der Versuch, den Trainer einem Sportdirektor zu unterstellen, wurde nach dem Scheitern des Franzosen Damien Comolli, der 2012 zurücktrat, modifiziert: Seither entscheidet eine "Transferkommission" über alle Neuverpflichtungen. Ihr gehören neben dem Manager (in Zukunft Jürgen Klopp) fünf Personen an: Mike Gordon von der FSG, Ian Ayre, Liverpools Vorstandsvorsitzender, David Fallows, Leiter der Scoutingabteilung, Barry Hunter, der Chefscout und Michael Edwards. Der ist vor allem ein Analyst. Er bewertet Spieler auf der ganzen Welt auf Basis statistischer Werte und soll so Transferziele identifizieren.

Wie viel Einfluss wird Jürgen Klopp auf Personalentscheidungen haben?

Was sein Trainerteam betrifft, hat Klopp bereits erste Weichen in seinem Sinne stellen können: Er wird seine langjährigen Assistenten Zeljko Buvac und Peter Krawietz mitbringen. Dagegen wurden die erst im Sommer als Assistenten von Brendan Rodgers verpflichteten Gary McAllister und Sean O'Driscoll entlassen. Bleiben wird hingegen Pepijn Linders. Der junge Niederländer arbeitete bis zum Sommer als Jugendcoach bei den "Reds" und gilt als einer der talentiertesten Nachwuchstrainer Europas. Wie Klopp vertritt Linders eine an Pressing orientierte Spielphilosophie.

Was Spielertransfers betrifft, wird Klopp nicht im Alleingang entscheiden können, sondern im Team mit der Transferkommission arbeiten müssen. Allerdings konnte der Coach auch in Dortmund keine Spieler gegen den Willen von Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kaufen oder verkaufen.

Wie wird Jürgen Klopp in England gesehen?

In einer Online-Umfrage wurden die Leser der Zeitung "Daily Telegraph" in dieser Woche gefragt, ob Jürgen Klopp in Liverpool Erfolg haben werde. 87 Prozent der User stimmten mit Ja. Auch wenn solche Umfragen nicht repräsentativ sind, kommen die großen Vorschusslorbeeren für den Deutschen auf der Insel nicht von ungefähr. Rund um das Champions-League-Finale 2013 in London entwickelten die lockeren Auftritte des englisch sprechenden Trainers einen regelrechten Klopp-Hype in vielen englischen Medien.

Vielen Journalisten schien Klopp damals schon als authentische Antithese zur kommerziellen Welt der Premier League. Borussia Dortmund wirkte auch dank Klopp wie ein Modell für modernen, erfolgreichen Fußball, der dazu noch Kontakt zu seinen Fans behalten hatte. An dieser idealisierenden Darstellung hat sich auch durch das erfolglose vergangene Spieljahr nichts geändert. Viele Zeitungen gehen davon aus, dass er der richtige Mann für den Job an der Anfield Road ist.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
GueMue 08.10.2015
1. Es ist mir egal
Ob Klopp der rechte Mann fuer Liverpool ist. Warum berichten Sie darueber so lang? Es ist gleichgueltig ob Liverpool oder Garbsgetown englischer Meister wird. Es gibt immer einen englischen Meister.
Zuppi64 08.10.2015
2. Gute Nachricht für einen BVB-Fan
Klopp übernimmt einen Club, der zu ihm passt und wo er was bewegen kann. Ich werde wohl demnächst öfter mal in die PL reinschauen. Vor allem aber ist dieses Klopp-zu-den-Bayern-Gerede mal vom Tisch. Hätte ich ihm ohnehin nicht zugetraut, sich damit seinen Ruf zu versauen.
bushmills 08.10.2015
3. #1, GueMue
Vielen Lesern ist Fußball egal, nicht nur der in England, sondern auch Bundesliga.Trotzdem schaffen diese Leser es irgendwie, Artikel mi Bezug auf Fußball *nicht* zu kommentieren. Möglicherweise ist der denen so egal, daß sie den Artikel einfach ignorieren. Damit bemerken diese Personen bestimmt nicht mal, wie lang oder kurz der Artikel ist. Diese Vorgehensweise könnte generell für nicht-interessierende Artikel angewandt werden. Probierens Sie's einfach mal.
gegenpressing 08.10.2015
4.
Zitat von GueMueOb Klopp der rechte Mann fuer Liverpool ist. Warum berichten Sie darueber so lang? Es ist gleichgueltig ob Liverpool oder Garbsgetown englischer Meister wird. Es gibt immer einen englischen Meister.
Hmm, ich werde solche Posts nie verstehen. Mei, wenns mich nicht interessiert, les ichs nicht und kommentier es nicht. Ist Ihnen denn nicht bewusst, dass Sie damit jetzt einen Klick mehr generiert haben?
Freidenker10 08.10.2015
5.
Ich wünsche ihm einen guten Start bei Liverpool! Wenn es klappt wäre er genau der richtige für diesen Klub! Emotionale Fans mit einem emotionalen Trainer, könnte eine "Traumehe" werden.
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