Julian Draxlers Wechselwunsch Mitteilungsbedürfnis

Julian Draxler will den VfL Wolfsburg verlassen. Glaubt der Profi, dass seine "Mitteilung" mehr zählt als sein Fünfjahresvertrag? Abrechnung mit einem traurigen Sommerschauspiel.

Julian Draxler
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"Ich werde den Verein immer in meinem Herzen tragen", sagte Julian Draxler im September 2015. Er meinte Schalke 04, seinen Jugendverein, den er damals gerade für eine Ablösesumme von etwa 34 Millionen Euro verlassen hatte. Dass er Schalke den Rücken kehren wolle, "habe ich dem Klub früh mitgeteilt", sagte Draxler dem "Kicker".

In der Vorstellungswelt von Draxler scheinen solche Ad-hoc-Mitteilungen die gleiche magische Wirkung zu entfalten wie ein "Expelliarmus"-Zauber in Hogwarts. Nur zehn Monate nach seinem Wechsel zum VfL hat der Profi nach eigenen Angaben dem Wolfsburger Trainer Dieter Hecking mitgeteilt, "dass ich den VfL Wolfsburg verlassen möchte". So berichtet es Draxler in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung, das sicher nicht zufällig am ersten Trainingstag nach Draxlers EM-Sonderurlaub platziert wurde.

Der Spieler gibt sich verblüfft, dass Hecking und Manager Klaus Allofs weiter mit ihm planen: "Bevor man sich öffentlich festlegt, hätte man auch mal mit mir selbst sprechen sollen." An dieser Stelle ist es nicht uninteressant, dass Draxler beim VfL Wolfsburg einen Vertrag bis 2020 unterschrieben hat.

Fußball-Verträge sind nicht dazu da, erfüllt zu werden

Nun muss man nicht das scheinheilige "Sind Verträge heute gar nichts mehr wert?"-Geheul anstimmen. Da Ablösesummen im Profifußball nur bei Wechseln aus laufenden Verträgen fällig werden, haben gerade die Vereine Interesse an langen Laufzeiten. Kein Klub schließt einen Arbeitsvertrag mit einem wertvollen Spieler in der Absicht ab, ihn bis zum Ende laufen zu lassen. Stattdessen werden Verträge entweder frühzeitig verlängert oder der Spieler vor Vertragsende teuer verkauft.

Dass Draxler den VfL Wolfsburg so schnell wieder verlassen möchte, ist also nicht unmoralisch. Es ist sportlich auch verständlich, hatte der Spieler sich doch mit seiner Einschätzung, "der VfL hat dieselben Ambitionen wie ich, ist sehr entwicklungsfähig", gründlich geirrt. Vom Pokalsieger, Vizemeister und Champions-League-Viertelfinalisten ist Wolfsburg in wenigen Monaten zu einem Mittelklasseteam der Bundesliga geschrumpft, das viele Stars offenbar verlassen wollen.

Absurd ist nicht Draxlers Wechselwunsch, absurd ist seine Kommunikationsstrategie.

Das Zauberwort heißt Ausstiegsklausel

Denn für solche Fälle gibt es Ausstiegsklauseln, die man sich dann eben in den Vertrag schreiben lassen muss. Eine solche hat Draxler offenbar nicht. Stattdessen sagt er: "Mir wurde bei meinem Wechsel im August 2015 mündlich zugesichert, dass ich den Verein verlassen kann, wenn sich dazu Möglichkeiten ergeben."

Unwahrscheinlich, dass Draxler selbst glaubt, eine SMS an den Trainer reiche aus, einen Vereinswechsel auszulösen. Der Spieler erhöht vielmehr den Druck auf den Verein und glaubt, seine Verhandlungsposition zu stärken. Das ist eine Irreführung der Öffentlichkeit.

Dass Draxler in Wolfsburg bleibt, statt in London oder Turin Champions League zu spielen, ist tatsächlich unwahrscheinlich. So läuft es nun mal im Fußball-Business, und darüber darf gerade der VfL sich nicht beschweren. Auch die Absichtserklärungen von Allofs und Hecking, weiter mit Draxler zu planen, muss man nicht für bare Münze nehmen. Bei einer Ablöse, die hoch genug ist, werden auch sie das Geld gerne mitnehmen.

Aber wie wäre es, wenn Spieler und Vereine sich in solchen Fällen einfach zusammensetzen und verhandeln und dann die Ergebnisse mitteilen? Dann müsste man nicht die Fußballöffentlichkeit für dumm verkaufen. Das hat sie nämlich nicht verdient - nicht mal im Sommerloch.

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insgesamt 51 Beiträge
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sieger04 03.08.2016
1. Vertrag?!
Warum werden nicht Monats- oder Wochenverträge geschlossen. Monatlicher Spieler- oder Vereinswechsel wäre doch interessant. Denken Spieler auch an ihre Fans? Denken die überhaupt? Wo bleibt die "Ehre"?
lini71 03.08.2016
2. Vielleicht
liegt es ja auch daran, dass Hecking und Allofs weniger mit den Spielern, als vielmehr über doie Spieler reden? Kruse Draxler Dante etc. pp. Wenn Trainer und Management schlecht sind, nutzt halt auch kein Geld mehr.... :-)
klyton68 03.08.2016
3. Das ist eine Posse,
die Draxler da versucht durchzuziehen. Erinnert an Calhanoglu und den HSV. Andererseits, was soll Wolfsburg mit einem Spieler, der keine Lust mehr hat ?
Daniel_NYC 03.08.2016
4. Aufmerksamkeit aller Vereine
Durch seine öffentliche Bekundung hat er nun die Aufmerksamtkeit aller potentiell interessierten Vereine. Vielleicht wollte er ja nur seinen Marktwert durch Marktvergrößerung erhöhen? Das ist günstiger als einen teuren "Broker" im Hintergrund zu engagieren.
ollux 03.08.2016
5. Draxler hat ohne Not
einen mehrjährigen Vetrag abgeschlossen. Nun gefällt es ihm beim VFL Wolfsburg nicht mehr oder ein lukrativeres Angebot, finanziell oder spielerisch wartet in der Hinterhand.. So weit so gut, jedoch sind die Verträge einzuhalten, ob es ihm passt oder nicht. Die Vereinsführung ist absolut auf der richtigen Seite und er wäre bessere beraten, wenn er sich dies einmal durch den Kopf gehen ließe.
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