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28. Januar 2018, 07:32 Uhr

Hoffenheims Trainer-Jungstar Nagelsmann

Entzaubert

Von Florian Kinast, München

Beim 2:5 in München erlebte Julian Nagelsmann den ersten Tiefpunkt seiner jungen Trainerlaufbahn. Das Spiel zeigte, was dem 30-Jährigen noch fehlt, um einen wirklich großen Verein zu trainieren.

Mürrisch brummelte Julian Nagelsmann einige Sätze in das Mikrofon vor ihm, eine halbe Stunde nach Ende dieser mitreißenden Begegnung. Von einfachen Ballverlusten sprach er, von Schwächen im Abschluss, von den überragenden Innenverteidigern des Gegners und von einer verdienten Niederlage. Dann sagte Nagelsmann noch: "Es tut natürlich weh, wenn man 2:0 führt und am Ende nix mitnimmt." In der Tat, Nagelsmann wirkte, als sei er tief getroffen und persönlich in seiner Ehre verletzt.

Es war an diesem Samstagnachmittag ein denkwürdiges Spiel, in dem der FC Bayern nach einem Zwei-Tore-Rückstand nach gut elf Minuten noch 5:2 gewann - ein Spiel, in dem nicht nur der TSG Hoffenheim die Grenzen aufgezeigt wurden, sondern vor allem Nagelsmann selbst. Ein Nachmittag, an dem er in seiner jungen Trainerlaufbahn nun den ersten wirklichen Tiefpunkt erreichte. Ausgerechnet in München, als ihn sein bisheriger Lieblingsgegner nun entzauberte und Nagelsmann nach zuvor zwei Siegen und einem Unentschieden in drei Partien gegen die Bayern nun die erste Niederlage kassierte; ausgerechnet hier zeigte sich, dass der 30-Jährige noch nicht reif genug ist, um einen wirklich großen Verein zu führen.

Seit er vor bald genau zwei Jahren Hoffenheim auf einem Abstiegsplatz übernahm, den Klub erst zum Klassenerhalt und 2017 in den Europapokal führte, wurde Nagelsmann immer wieder als der kommende Mann auf der Trainerbank der Bayern gepriesen. Doch so leicht und locker anfangs alles wirkte, so wenig souverän präsentierte sich seine Mannschaft und auch er selbst in dieser Saison - zu sehen bereits an Nagelsmanns sonderbaren und in dieser Wucht verwunderlichen verbalen Rundumattacken gegen seine eigenen Spieler nach dem Aus in der Champions-League-Qualifikation in Liverpool.

Sein Desinteresse hätte er gar nicht bekunden müssen

Natürlich erklärte sich Nagelsmann immer wieder auch zu den Spekulationen zu einer Zukunft in München, erst in der vergangenen Woche bekannte er sein Desinteresse an einer vorzeitigen Kündigung seines bis 2019 laufenden Vertrags und einem Wechsel nach München. Er hätte das gar nicht sagen müssen, allein das Spiel am Samstag dürfte den Klub-Bossen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß auf dem Mittelrang der Haupttribüne endgültig klargemacht haben, dass Nagelsmann keiner ist, der den FC Bayern ab dem kommenden Sommer weiterbringen könnte.

Am Samstag verlor Hoffenheim nach dem frühen Doppelpack durch Mark Uth (3. Minute) und Serge Gnabry (12.) völlig die Linie. Keine Struktur war mehr zu erkennen, die Mannschaft spielte konzeptlos, ohne echte Idee. Sie hätten zumindest versuchen können, den angezählten Münchnern gleich die nächsten Tore einzuschenken. Vielleicht hätte es sich auch angeboten, komplett auf Defensive umzustellen, um das Ergebnis möglichst lange zu halten. Doch sie spielten weder das eine Konzept noch das andere, auch Nagelsmann draußen auf der Bank schien keinen Plan zu haben, der verhinderte, dass das Spiel seinen Lauf nahm und die Bayern gegen gelähmte und leidenschaftslose Hoffenheimer relativ mühelos zu fünf Toren kamen.

So war es im Duell des ältesten gegen den jüngsten Bundesliga-Trainer natürlich auch ein Triumph für Jupp Heynckes, den Rummenigge und Hoeneß nun mit jedem weiteren gewonnenen Spiel noch mehr umschmeicheln wollen, um ihn für ein weiteres Jahr zum Bleiben zu überreden. Wirklich groß ist die Auswahl an anderen Trainern auch nicht mehr. Der ewige und nur noch als Phantom existent scheinende Thomas Tuchel? Oder vielleicht auch der erfolgreiche Nico Kovac von Eintracht Frankfurt? Nagelsmann ist derzeit sicher kein Thema mehr.

Es ist noch kein Jahr her, als Uli Hoeneß noch von dem gebürtigen Oberbayern schwärmte und im März 2017 meinte, Nagelsmann käme sicher einmal für die Bayern in Frage. Es war aber der gleiche Abend, als der Bayern-Präsident erklärte: "Vielleicht bleibt Carlo Ancelotti ja noch fünf Jahre." Auch ein Uli Hoeneß irrt sich gerne und gar nicht selten.

Schließlich sprach am Samstag auch noch Sandro Wagner, der erst in der Winterpause aus Hoffenheim zu den Bayern gekommen war und ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub in der Schlussminute das Tor zum Endstand erzielte. Wagner gab sich kantig wie immer und sagte auf die Anmerkung, andere Spieler würde bei Treffern gegen frühere Vereine nicht so jubeln: "Ich juble gegen jedes Team, und wenn es meine Mama trainiert. Das ist mir wurscht. Ich mach' mein Tor und freu mich." Dann ging es auch noch um Julian Nagelsmann. Wagner sagte: "Er ist ein großes Talent. Er wird seinen Weg machen." Es war vielleicht nett gemeint, machte aber auch klar, dass Nagelsmann noch sehr viel lernen muss. Es war schon zuvor ein langer Weg. Aber am Samstag ist er noch etwas länger geworden, der Weg nach München.

Bayern München - 1899 Hoffenheim 5:2 (2:2)
0:1 Uth (3.)
0:2 Gnabry (12.)
1:2 Lewandowski (21.)
2:2 Boateng (25.)
3:2 Coman (63.)
4:2 Vidal (66.)
5:2 Wagner (90.)
München: Ulreich - Kimmich (84. Wagner), Boateng, Süle, Alaba - Rudy - Tolisso (64. Thomas Müller), Vidal - Robben (77. Rafinha), Lewandowski, Coman. - Trainer: Heynckes
Hoffenheim: Baumann - Bicakcic (46. Akpoguma), Vogt, Benjamin Hübner (67. Kramaric) - Kaderabek, Geiger, Zuber - Grillitsch, Rupp (59. Amiri) - Uth, Gnabry. - Trainer: Nagelsmann
Schiedsrichter: Manuel Gräfe (Berlin)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Bicakcic (3), Benjamin Hübner (6)

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